Telefonieren

Heute merke ich es wieder einmal ganz besonders, wie sehr ich doch durch den Autismus eingeschränkt bin.
Telefonieren fällt mir schon immer unglaublich schwer. Man muss so viele Dinge beachten. Bei Nicht-Autisten läuft das in den meisten Fällen sehr intuitiv ab… sie wissen wann sie dran sind mit reden und können das mit dem Smalltalk, als wäre es die leichteste Sache der Welt.
Ich hingegen… ich muss mich auf ein Telefonat vorbereiten. Was will ich sagen, was könnte der andere sagen… ich brauche hierauf wieder eine angemessene (und zügige) Reaktion usw. usf. Da entsteht jede Menge gedanklicher Druck, der auch schnell zum Ballast werden kann.
Auch kostet es mich viel Energie, überhaupt dann eine Nummer zu wählen. Ich weiß ja schließlich noch immer nicht, was oder wer mich erwartet (zumindest oftmals). Ist eine Frau am anderen Ende des Hörers oder doch eine Männerstimme? Wie wird sie mich anreden. Rechne ich damit oder bin ich dann überrumpelt, weil vielleicht eine eher unübliche Grußformel gewählt wurde?
Es kann dann sehr leicht passieren, dass ich schon nach dieser Situation komplett den Faden verliere, rumstammele und überfordert bin. Ich dann nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll, weil mein Gefühl des geplanten Gesprächsablaufs hier schon nicht mehr greift.
Ich fühle mich deutlich sicherer, wenn ich Dinge planen kann oder sie vorhersehbar sind. Bei einem Telefonat ist man jedoch sehr abhängig von seinem Gegenüber, dass man noch nicht einmal sieht.

Ganz besonders anstrengend ist es für mich, wenn ich den Mut gefunden habe, irgendwo anzurufen, dann aber nicht die richtige Person erreiche. Der Anrufbeantworter dran ist, ein Kollege den Anruf annimmt oder es einfach nur klingelt ohne dass jemand den Hörer abnimmt.
Heute ist es so, dass ich mit jemandem in einer Behörde sprechen wollte. Leider gibt es mittlerweile keine direkte Durchwahl mehr. Ich muss also eine zentrale Nummer anrufen.

Punkt 1: Als ich heute Morgen dort anrief kurz nach 9, hing ich knappe 10 Minuten in der Warteschleife. Furchtbare Musik und zwischendrin Bandansagen, dass der nächste freie Mitarbeiter ja unbedingt für mich reserviert wäre. Dann nach 5 Minuten Warteschleife mit eingestreut: ‚Wenn Ihnen die Wartezeit zu lang wird, versuchen Sie es später noch einmal.‘
Hier schon das erste Dilemma. Nun bin ich schon so lang in der Warteschleife und habe tapfer durchgehalten, soll ich wirklich auflegen oder geht nicht vielleicht doch jeden Moment jemand dran? Dann ärgere ich mich andererseits über diese sinnlos verplemperte Wartezeit, die mir schon so einiges abverlangt hat. Letztendlich habe ich dann doch frustriert aufgelegt.

Punkt 2: Ich sammelte wieder all meinen Mut. Versuchte mich zu beruhigen und wählte erneut die Nummer. Nun wieder das gleiche Spiel – kenne ich ja von vorhin. Erst tutet es und dann Musikgedudel mit dieser Bandansage. Nach etwa 4 Minuten hörte ich es dann in der Leitung klacken und ein Herr mit freundlicher Stimme meldete sich. Allerdings kam keine weitere Einleitung von ihm. Hier war ich schon wieder deutlich gestresst. Musste ich doch nun schnell reagieren. Immerhin hatte ich mir einige Notizen auf einem Zettel gemacht und fand dann doch in das Gespräch zurück.
Ich schilderte mein Anliegen und dann begann der Smalltalk von meinem Gegenüber. Er gab meine Daten in den Computer ein und wollte vielleicht so eine ’nette‘ Atmosphäre schaffen oder einfach nur die Zeit etwas schneller verstreichen lassen. Sicher. Ein Nicht-Autist hätte sich über diese Geste sicherlich gefreut. Für mich bedeutete es Stress pur, denn darauf war ich nun überhaupt nicht vorbereitet. Ich stammelte rum, lachte ein- zwei mal verlegen oder gab kurze knappe Antworten, die vielleicht seltsam (abweisend?) auf mein Gegenüber gewirkt haben mögen. Aber der Herr bemühte sich weiter.
Ich war aber einfach nur froh, wenn ich da halbwegs ohne grobe Schnitzer durchkomme. Meine Daten waren dann also eingegeben und man vertröstete mich, dass man mich nicht weiterverbinden könne, sondern ein Rückruf erfolgen wird. Ich willigte ein und nach einem kurzen Abschiedsgruß legte ich auf.

Punkt 3: Ich warte nun mittlerweile über 6 Stunden auf den besagten Rückruf.
Ich versuche nun zu beschreiben, was dieses Warten auf den unbekannten Zeitpunkt des Anrufes, mit mir macht.
Ich bin nervös, kann mich nicht mehr konzentrieren, ich kann meinen gewohnten Routinen nicht nachgehen. All meine Gedanken kreisen nur noch um diesen Rückruf. Ich habe Angst auf Toilette zu gehen, weil ja dann genau das Telefon klingeln könnte. Oder nehme ich das Telefon mit, während ich gerade im Bad bin? Ich kann selbst dann nicht zurückrufen, weil ich wieder nur in der Zentrale lande. Ein unglaublicher Stress, der sich in mir aufbaut, je länge ich warten muss.
Ich fühle mich in meiner eigenen Wohnung unwohl, die doch eigentlich mein kleiner Schutz- und Schonraum ist.
Nicht nur, dass sich ja mein Anliegen gar nicht klärt, ich nichts dagegen tun kann – nein, es zerschießt mir eben auch noch meinen Tag. Ich bekomme rasch Bauchweh, so als müsste ich mich übergeben. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, ob ich es noch schaffe mich verständlich auszudrücken, in diesem Zustand der Unruhe und Nervosität, dann bei einem möglichen Anruf der ja jederzeit kommen könnte. Und auch jetzt… ich bin unglaublich gestresst, weil jeden Moment das Telefon klingeln kann, während ich hier schreibe. Ich dann aus dieser Tätigkeit herausgerissen werde. Ich bin sehr gestresst und es frisst unglaublich viel Energie. Ich bin unkonzentriert und müde aufgrund all der Anspannung, die meinen ganzen Körper betrifft.
Ich verkrampfe, sitze steif, presse beider Kiefer aufeinander… dann bekomme ich Zahnweh und manchmal auch Kopfweh davon. Sogar meine Zehen und Finger verkrampfen sich. Manchmal sitze ich aber auch… ich denke es geht gerade einigermaßen und dann merke ich, wie stark verkrampft ich doch bin.
Ich muss mich bewusst dazu bringen, die Muskeln wenigstens für einen Moment mal wieder zu lockern. Ich versuche meinen Mund zu entspannen. Meistens klappt das alles aber nur für wenige Momente. Dann hat mich der Strudel der Anspannung wieder. Mittlerweile habe ich Schmerzen.
Nun sitze ich hier… ich weiß, dass ich heute nichts mehr Zustande bringe. Mein Tagesablauf komplett ruiniert. Ich fühle mich nicht wohl.
Nun nach dieser langen Wartezeit kommen weitere Fragen hinzu… kommt heute überhaupt noch der Anruf? Kommt er erst morgen? Was ist der Grund? Hat man mich vergessen? Muss ich morgen dort erneut in der Zentrale anrufen? Oder wissen die das noch mit dem Rückruf und haben es heute einfach nicht geschafft? Diese Ungewissheit macht mich fertig. Sie wird mich so lange beschäftigen, bis ich dieses Telefonat doch irgendwann hinter mir habe. Nur wer weiß, wann das sein wird.

Und doch…

Ich habe mittlerweile die schöne Erfahrung machen dürfen, dass ich telefonieren kann und es mir sogar Spaß macht. Es ist inzwischen sogar ein fester Bestandteil meines Tagesablaufs und ich freue mich immer wieder darauf.
Allerdings funktioniert das nur mit diesem einen Menschen, bei dem sich telefonieren ganz normal anfühlt.
Ich habe schon oft überlegt, woran dass wohl liegen mag. Habe ich doch mit dieser einen Person innerhalb weniger Monate so viel telefoniert, wie sonst in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich komme auch immer wieder zu dem selben Ergebnis.
Da ist zum einen ganz viel Vertrauen meinerseits, dass es nicht weiter schlimm ist, falls ich mal den Faden verliere und nicht mehr weiter weiß. Schweigen auch okay ist. Dann ist da aber auch die Offenheit, Geduld und das Einfühlungsvermögen meines wundervollen Gesprächspartners, der es mir leicht macht, mich zu beruhigen und zu entspannen. Mir Sorgen und Ängste gekonnt nimmt.
Aber ganz so einfach und leicht war es von Anfang an natürlich nicht. Das haben wir uns gemeinsam erarbeitet.
Dieser Mensch machte mir den Vorschlag für die ersten Telefonate (die ich angeregt hatte, in einem außergewöhnlichen Anflug von Mut), dass wir eine kleine Themenliste vorab erstellen, worüber wir reden wollen. Diese Idee gab mir Sicherheit und ich wusste in etwa, was auf mich zukommen wird.
Im Laufe der Zeit bekam ich immer mehr Vertrauen in mich selbst und irgendwann waren auch diese Themenlisten nicht mehr notwendig und wir Plaudern von einem Thema in das Nächste. Das sind dann die Momente, in denen ich mich besonders wohlfühle. Ich weiß, dass ich so angenommen werde, wie ich bin und mich deswegen ‚fallen lassen‘ und ohne Ängste und Anspannung das Gespräch genießen kann.

Zu merken, dass es funktionieren kann, mit Vertrauen und Einfühlungsvermögen zeigt mir aber auch, wie sehr ich unter meiner Behinderung tatsächlich leide.
Ich es heute überhaupt nicht schaffe, mich zu beruhigen. Ich fühle mich schlecht, weil ich es einfach nicht hinbekomme. Andererseits war ich froh, dass ich dort ein zweites Mal anrief, die Warteschleife ertragen hatte und auch das Gespräch einigermaßen hinbekam. Ich freute mich einen kurzen Moment lang. Dann aber wieder die Zweifel… warum bekomme ich so eine Kleinigkeit einfach nicht hin? Bekomme ich doch (vermeintlich) viel schwerere Dinge mühelos hin. Und hier scheitere ich (gerade auch für Außenstehende) an so einer ‚Kleinigkeit‘. Wie passt das zusammen? Strenge ich mich nur einfach nicht genug an?
Mir wurde schon oft gesagt… ‚Du musst einfach mehr üben, dann wird das schon.‘
Ich merke aber… ich habe ja nun eigentlich genug Übung durch diesen verständnisvollen Menschen, mit dem ich so viel telefoniere. Bekomme es aber dennoch nicht hin, ohne Stress einen solchen Behördenanruf zu tätigen oder auf einen Rückruf zu warten.

Dieses Dilemma ist es, was mich heute besonders traurig macht. Weil ich weiß, dass ich es eigentlich kann. Es nichts mit fehlender Anstrengung, Mut und Zuversicht zu tun hat.
Nur meine Behinderung… die legt darauf überhaupt keinen Wert, was ich eigentlich kann und was nicht.

Sie ist einfach nur da, ob ich will oder nicht.

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personal: Einer dieser Tage… (ABA)

Heute ist einer dieser Tage, an denen mal wieder besonders deutlich wird, wie manche Menschen auf erwachsene Autisten herabblicken.
Worauf ich mich konkret beziehe ist eine Diskussion auf Facebook über einen Radiobeitrag zum Thema ABA.
Das Thema ABA sorgt in aller Regelmäßigkeit für lange Diskussionen. Auffällig jedoch ist bei allen diesen, dass von Seiten der ABA-Befürworter immer und immer wieder deutlich gemacht wird, wie sie erwachsene Autisten sehen. Definitiv nicht auf Augenhöhe. Es werden gerne sachliche Kritik, sowie Gegenargumente verdreht und als persönliche Angriffe oder Aggressivität dargestellt. Auffallend oft tituliert man sich selbst zum Opfer, wenn man merkt, dass man gegen diese Informationsflut und auch dieses gefestigte Hintergrundwissen, das viele Autisten mittlerweile zum Thema ABA haben, nicht mehr ankommt.
Es werden Unterstellungen gemacht, verleumdet, gedroht und andere verbale Entgleisungen für alle frei lesbar von sich gegeben. Natürlich nicht ohne das nur all zu gern genutzte: „Sie haben keine Ahnung.“ „Das ist anderes ABA.“ etc etc… die Liste der Rhetorik ist lang und nicht immer einfach zu durchschauen.

Etwas was mich heute ganz besonders verärgert hat, war folgende Aussage von Frau Klemm:

„Jetzt gehe ich mal davon aus, dass Sie alle auf. HartzIV sind und dann kann ich das auch noch selber bezahlen.“

(falsches Satzzeichen stammt nicht von mir, sondern gehört zum Zitat)
Nachzulesen ist die Diskussion >hier< (Link zu Facebook).

Allein diese Aussage ist ein sprichwörtlicher Schlag ins Gesicht erwachsener Autisten. Es ist diskriminierend und abwertend. Sehr viele Autisten wünschen sich Arbeit und einen Platz auf dem 1. Arbeitsmarkt. Sie bekommen nur leider keine Chance dazu, weil in der Gesellschaft oftmals noch immer das Bild vom anstrengenden Behinderten herrscht. Inklusion Fehlanzeige.
Das aber tatsächlich Arbeitgeber von der Leistungs- und Einsatzbereitschaft von Autisten profitieren können, wenn sie gewisse Rahmenbedingungen schaffen (z.B. kein Platz im Großraumbüro, schriftliche statt telefonische kurzfristige Kommunikation), dass wird gern übersehen. Was zuerst bedacht wird: Es macht Arbeit, diese Rahmenbedingungen zu schaffen.
Genau das ist der falsche Ansatz und warum so viele von uns leider auf HartzIV angewiesen sind. Erwachsenen Autisten wird oft noch nicht einmal die Chance gegeben, sich zu beweisen und so jedwede Möglichkeit genommen, um mögliche Vorurteile auszuräumen. Zumindest nicht, wenn sie offen mit ihrem Autismus umgehen.

Der oben zitierte Kommentar ist nur ein stellvertretendes Beispiel dafür, dass wir oftmals nicht ernstgenommen werden. Uns noch nicht einmal ein gewisser Respekt als Menschen entgegen gebracht wird. Das ist erschreckend und unglaublich verletzend. Das ist nicht nur in diesem Beispiel der Fall, sondern auch hinter so manch anderen Kulissen. Beispiel Aktion Mensch.

Für mich ist dies alles auch ein Grund mehr, mich weiter im Aktivismus zu engagieren. Das man sich damit keine Freunde macht, das merkt man immer wieder. Aber für mich persönlich ist es wichtig, dass ich für die nachfolgende Generation etwas bewirken und verändern kann. Veränderung in den Köpfen geht leider nicht (immer) von heute auf morgen.

Das es auch Menschen gibt, die erwachsenen Autisten mit Anstand und Respekt begegnen… sie ernst nehmen – diese Erfahrung habe ich selbst erst vor kurzem privat machen dürfen.

Es ist also noch nicht alles hoffnungslos verloren.

Der Einsatz lohnt sich – wenn auch nicht unbedingt für mich selbst als erwachsene Autistin, dann wenigstens für die vielen autistischen Kinder, die sich vielleicht (noch) nicht in der Lage sehen, sich gegen diese Methoden zu wehren.

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Paris 2.0 – Tag 1

25.09.2016

(zur Erinnerung… kursiv Geschriebenes, sind Gedanken in diesen Momenten)

Nach einer ziemlich kurzen Nacht schnappte ich mir dann also in aller Frühe meinen deutlich zu schwer geratenen Trekkingrucksack (15kg!) und ging zur Straßenbahnhaltestelle. Sonntags zu dieser Uhrzeit war dementsprechend nichts los und ich konnte die Ruhe genießen. Vorbereitet wie ich war (da die Straßenbahn Sonntags nur stündlich fährt) kam ich natürlich zu früh dort an. Aber lieber so, als anders herum. Die 15 Minuten die ich noch warten musste, vergingen dank mp3-Player (ja ich hab noch so einen Altmodischen mit Batterie – die bekommt man immerhin überall auf der Welt zu kaufen. Das ‚leerer-Akku-Problem‘ habe ich also nicht) recht flott. Und weil die Straßenbahnlinie nicht direkt am Heidelberger Hbf vorbei kommt, lief ich dann also die paar Hundert Meter und ärgerte mich schon hier, dass der Rucksack so schwer geworden war. Nun gut – so war ich wenigstens für alle Eventualitäten vorbereitet. ;-)

Pünktlich 07:48 Uhr ging es mit der Regionalbahn und einem schönen Sonnenaufgang, an diversen Nebelfeldern vorbei, in Richtung Karlsruhe. Kurz 3-4 Sätze mit den Anderen im Abteil über das gröhlende ‚Oktoberfest-Volk‘ amüsiert, dass glücklicherweise in Heidelberg ausstieg und dann machte jeder sein Ding bis Karlsruhe. Hier hatte ich dann noch eine knappe Stunde Aufenthalt, bis mein TGV aus Stuttgart eintreffen sollte.
Ich nahm dann also im kühlen Bahnhof auf einer der Bänke platz. Nach einer weiteren Regionalbahn, die am Gleis hielt füllte sich doch zunehmend der Wartebereich für den TGV. Ausgestiegen war auch ein junger Typ, der dann begann wahllos und unverständlich um sich zu brüllen. „Hallo… Haaaallooooooo… eine Schei**e ist das hier… Haallooooooo“… der junge Kerl auf der anderen Bank neben mir schaute mich auch nur ratlos an und dann lauschten wir beide doch wieder unserer Musik. Nach vielleicht 10 Minuten begann der Typ dann wieder herumzubrüllen… Ich wand mich ihm dann doch zu und fragte, ob man ihm irgendwie helfen könne. Er meinte dann, dass er blind sei und ihn niemand von der Bahn hier abholen würde. So auf diese Art und Weise hier wahllos rumzubrüllen und zu fluchen, bringt dir aber auch nicht die gewünschte Hilfe… Jedenfalls fragte ich dann, wo er hin wolle… Stuttgart… gut. Als ich aufstehen und zum Abfahrplan laufen wollte, gab sich die Frau mir gegenüber aber als Bahnmitarbeiterin zu erkennen (war in Zivil) und nahm sich des Herrn an. War das also gelöst. Abhaken. Toll… fängt ja schonmal aufregend an hier.
Danach sollte ich dann mit dem jungen Kerl von der anderen Bank ins Gespräch kommen. – Noch ca. 20 Minuten bis mein TGV einrollt… Er sah mich etwas länger an und nahm dann seine Kopfhörer von den Ohren…
Er: „Do you speak english?“ Na super… Smalltalk direkt auf english. Also gleich das volle Programm. „I’ll try… but it’s not good.“ Daraufhin begann er zu lachen und meinte nur (auf english), dass das irgendwie alle Deutschen sagen würden… na immerhin hatten wir was zu lachen ;-)
Ich erfuhr, dass er aus Albanien kommt und hier für 1 Jahr arbeitet. Was sich dann auch sehr schnell zeigte war, dass ich mit der Einschätzung seines Alters doch sehr weit daneben lag. Weil ich es nicht glauben konnte, präsentierte er mir dann doch seinen albanischen Ausweis haha… doch erst 20… und ich tippte auf Ende 20 – ups. Das er mich hingegen auf 25 geschätzt hatte… nettes Kompliment, aber als Frau weißt du ja sowieso nie so recht, ob sie nicht absichtlich tief ansetzen ;-)
Im Laufe des Gesprächs fragte er mich, ob ich nach Paris zur Fashion-Week wolle (der TGV nach Paris erschien mittlerweile auf der Anzeige). Mein Outfit würde doch irgendwie danach aussehen. Haha… ich weiß jetzt nicht, ob das ein Kompliment war oder doch was anderes… immerhin war ich doch recht eigenwillig in der Zusammenstellung meines heutigen Outfits ;-)
Wir unterhielten uns dann noch über alles Mögliche und ich konnte ihn einige Dinge über Albaniens Kultur und Land & Leute fragen – ich gab ihm im Gegenzug noch ein paar Tipps, was er sich hier in der Gegend unbedingt ansehen solle… Alles in allem ganz unterhaltsam und die Zeit verstrich ziemlich schnell. War also nicht so tragisch, dass keiner meiner Twitter-Follower Zeit für ein kurzes Treffen hatte.

Dann kam auch schon seine Bahn und nur kurze Zeit später fuhr mit 5 Minuten Verspätung 09:37 Uhr auch mein TGV ein. Ich hatte zunächst ein wenig Sorge, ob ich nicht im komplett falschen Gleisbereich stehe, denn laut Wagenstandsanzeiger gab es gar keinen Wagen 8, so wie es aber auf meiner Reservierung stand… nur Wagen 16… auf gut Glück stellte ich mich dann einfach da hin. Und lag mit meiner Einschätzung doch fast richtig. Zu meiner Verwunderung war ich doch recht entspannt in der Hinsicht, schon meinen Platz im Zug zu finden, obwohl der Wagon nicht ausgewiesen war. Ein klarer Fortschritt zu letztem Jahr… da war ich doch deutlich nervöser, als da die Sache mit dem Zug ebenfalls unübersichtlich verlief.
Dieses mal fand ich dann auch meinen Platz ziemlich schnell. Leider bekam ich durch die kurzfristige Buchung nur noch in der unteren Etage einen Platz. Vierer-Sitz mit Tisch in der Mitte, ganz am Ende des Wagens. Mit auf meinem Sitz lag quer ein kleiner Junge, der gerade schlief. Einmal wecken bitte. Die Familie die mit mir dort ihre 3 Plätze hatte, war ganz nett. Nur wenige Worte auf english (haha – was sonst) zur Begrüßung und dann sprachen sie untereinander wieder eine dieser arabischen Sprachen. Kenne mich da leider nicht aus und nachgefragt hatte ich auch nicht. Ich war ganz froh, während der Zugfahrt dieses mal keinen Smalltalk halten zu müssen.

Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir also in Richtung Frankreich. Mit noch immer leichter Verspätung kamen wir 10:20 Uhr in Strasbourg an. Hier bemerkte ich schon deutliche Veränderungen zum Vorjahr. Wesentlich mehr bewaffnetes Militär an jedem Gleis, staatliche Polizei, Bahnhofsschutzpolizei und auch zusätzlich noch Sicherheitspersonal. Ist doch noch immer Ausnahmezustand aufgrund der ganzen vergangenen Anschläge. Hier sah ich es zum ersten mal mit eigenen Augen und es rief mir die Bilder vom November des letzten Jahres ziemlich schnell vor Augen. Aber nicht weiter dran denken… wird schon alles gut gehen.
Insgesamt merkte ich aber, dass ich seit ich im TGV saß, deutlich entspannter war. Der Zug fährt schließlich bis Paris. Ich werde also definitiv ankommen. Auch heute hielten wir kurz vor Strasbourg außerplanmäßig, aber das machte mir dieses mal gar nichts aus und ich blieb vollkommen unbeeindruckt. Kein Vergleich zum letzten Jahr. Schöne Entwicklung.
Wenig später rollte der TGV 9576 (übrigens exakt der Gleiche wie 1 Jahr zuvor) weiter und nahm bereits kurz hinter Strasbourg ordentlich Fahrt auf (hier bereits 296 km/h). Gab es doch eine erfreuliche Neuerung. Die Fahrzeit mit dem TGV verkürzte sich um eine halbe Stunde zum Vorjahr. Also dauerhaft ordentlich Gas geben bis Paris auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke.
Dieses Jahr kam noch dazu, dass mein Sitzplatz Rückwärts zur Fahrtrichtung war. Das war in der ersten Minuten der ganzen Beschleunigung ein doch recht ungewohntes Gefühl, legte sich dann aber rasch. Was mich aber auch in diesem Jahr immer wieder erschreckt hatte, waren die Momente in denen wir mit 320 km/h an einem uns entgegenkommenden TGV (der vermutlich genauso schnell unterwegs war) vorbei donnerten. Donnern ist hier wirklich ein passendes Wort, denn der erste ‚Knall‘ ist doch recht laut und der seitliche (kurze) Druck an der Scheibe ebenfalls etwas unangenehm. Aber das alles dauert vielleicht nur 2-3 Sekunden. Kommt nur eben ohne Vorwarnung.
Auch wenn ich heute landschaftlich von der unteren Etage aus leider nicht so viel schauen konnte, bemerkte ich aber doch, dass je näher wir Paris kamen, der Himmel sich zunehmend verdunkelte. Super. Stand so mal überhaupt nicht im Wetterbericht. Kann ich nicht gebrauchen, auch wenn ich drauf vorbereitet bin. Doch leider begann es, als wir die ersten Vororte erreichten doch heftig zu regnen und hielt bis Paris an.
Als wir pünktlich 12:05 Uhr am Gare de l’Est ankamen stülpte ich meinem Rucksack gleich die eingebaute Regenschutzhülle über. Was dann aber (zum Glück) völlig unnötig war, da es nur noch vereinzelte Tröpfchen nieselte, als ich den Vorplatz des Bahnhof betrat.
Was mich hier stattdessen erwartete war ein ziemliches Hupkonzert und jede Menge Polizei. Sowie Absperrungen und Autos die aus dem Zentrum kamen, aber nicht hinein durften.
Ich twitterte gleich, was hier los war und bekam doch zum Glück auch schnell einige Antworten. Natürlich. Autofreier Sonntag. Zum zweiten Mal. – War letztes Jahr doch genau das Gleiche – wie ich das nur vergessen konnte. Also nichts passiert. Kein Anschlag oder ähnliches. Erleichterung!

Mit Sack und Pack machte ich mich auf in Richtung ‚Le Marais‘. Einfach nur dem BD de Strasbourg folgen und irgendwann links in eine der Straßen abbiegen. Bei Tage sieht das Viertel ganz anders aus als Abends. Schon sehr faszinierend. Durch den Autofreien Sonntag sogar noch deutlich verlassener. Der feuchte Boden tat sein Übriges dazu. Eine ganz besondere Stimmung. Ein paar Fotos hier… ein paar Fotos da. Im Viertel gab es einiges an neuer Streetart zu entdecken. Der Blick weiter nach oben an den Wänden lohnt sich also. Ich laufe durch diverse Gassen weiter bis zum Place des Vosges. Ein schöner Park. Perfekt um mal ein wenig durchzuschnaufen. Danach geht’s weiter über die Rue St. Antoine und mache noch eine kleine Foto-Visite in der St.Paul-St.Louis Kirche. Kann ich jedem nur empfehlen. Tolle Architektur!
Weiter vorbei an verschiedenen Modeboutiquen und hier hatte ich dann auch meinen ersten intensiveren Blickkontakt (viele von euch wissen ja, dass ich damit keine Probleme mehr habe), mit einem Herrn der dort in einem Eingang stand. Wer als Frau schonmal allein in Paris unterwegs war, der weiß sicher was ich meine. Heißt nicht umsonst ‚Stadt der Liebe‘. Jedenfalls nahm ich das dann auch direkt als Anlass, genau das zu genießen und mitzuspielen. Nach der Trennung tut’s schließlich auch einfach mal gut, Männer noch immer mit nur einem Blick dazu bringen zu können, dass sie auch nicht mehr wegsehen wollen! ;-)
Nun aber weiter zum Maison Européenne de la Photographie, aber da ich ja noch den ganzen Kram mit mir herumschleppe, gehe ich noch nicht rein. Nehme allerdings begeistert zur Kenntnis, welche Fotografen zu sehen sind. Steht also auf der Liste. Vor mir noch 2 Herren mit ihren Hunden… click – Foto. Lustige Szene.
Hier in diesem Moment entscheide ich mich dann auch dazu, es beim Hotel vom letzten Jahr einfach nochmal zu probieren. Die Leute waren schließlich sehr nett. Also ab in die Metro. Am Hotel angekommen gleich ein bekanntes Gesicht und ich werde sogar wiedererkannt. Perfekt. Zimmer ist auch noch frei. Für mich wird sogar noch ein wenig die geplante Belegung umsortiert und ich bekomme ein Zimmer, neben dem vom letzten Jahr. Supi. Preislich bekomme ich auch wieder einen kleinen Nachlass. Ein freundliches Lächeln und kurzer Smalltalk zeigen Wirkung.
Also hoch auf’s Zimmer. Endlich den schweren Rucksack ablegen und feststellen, dass sie renoviert haben. Schick geworden und mein Bad ist größer, als im letzten Jahr ;-)
Ich gönne mir eine halbe Stunde Ruhe, packe meine Umhängetasche neu und dann geht’s mit der Metro zur Pont Neuf, um ein wenig an der Seine entlang zu schlendern. Es gibt einiges an Kunst mit Umweltbezug zu sehen. Ein besonderer Publikumsmagnet ist eine ziemlich große Luftaufnahme von Paris, die auf der Straße angebracht ist. Ich nehme es im ersten Moment gar nicht richtig wahr und wundere mich, warum die Leute so nach unten schauen – bis ich selbst meinen Blick senke. Schöne Idee, diese Art der interaktiven Kunst.
Hier nehme ich mir auch noch einmal die Zeit und setze mich ans Ufer, genieße die Sonne und beobachte ein wenig die Menschen… Ziemlich flott war dann auch schon wieder eine halbe Stunde um. Weiter ging es dann oben an der Straße. Vorbei an den diversen Malern entlang des Louvre.
Am Tuileries steige ich wieder in die Metro. Ich will noch zum autofreien Champs-Élysées.
In der Metrostation habe ich auch meine Begegnung mit dem Herrn, der erst neben mir auf die Bahn wartete und dem ich dann im Wagen gegenüber saß. Wirklich unglaublich feine und elegante Kleidung. Grandioser Stil und eine Ausstrahlung, die etwas sehr faszinierendes hatte. Aus seinem Stoffbeutel ragt ein Schneiderlineal hervor, dass mich dann endgültig überzeugt hat, dass er Modedesigner sein muss. Hm, bei dem verdammt teuer aussehenden Schmuck, den er da am Handgelenk trägt, ist es wohl der ‚Meister‘ selbst. Aber da ich nunmal kein Paparazzo bin und auch keinen Wert auf diese Mentalität lege, habe ich ihn natürlich nicht gefragt, wer er ist oder gar offensichtlich irgendwelche Fotos gemacht. Lediglich eines, als ich die Kamera auf dem Schoß hatte. Wirklich wohl fühle ich mich aber auch dabei nicht… diese Art der heimlichen Fotografie ist einfach nicht mein Stil. Natürlich auch nur, um hinterher dann festzustellen, dass ich das Gesicht nicht komplett mit drauf habe. Ich hatte gehofft, hinterher mit Hilfe von google selbst herauszufinden wer das denn nun war.
– Mein Angebot steht daher noch – wer mir als Erstes sagen kann, welcher asiatisch aussehende Modedesigner das ist, darf sich eines der Fotos (die auch noch kommen werden) als Print aussuchen. Es lässt mir doch einfach keine Ruhe. ;-)
Am Arc de Triomphe angekommen ein nettes Bild entlang der Allee. Zwar Menschen ohne Ende, aber definitiv ein faszinierender Anblick so ganz ohne Autos. Aber auch hier bemerke ich ziemlich schnell einen heftigen Unterschied zum letzten Jahr. Deutlich mehr Militär und bewaffnete Polizei. Auch vor den einzelnen Geschäften selbst noch einmal Sicherheitspersonal und teilweise auch Metalldetektoren. Das gab es im vergangenen Jahr alles noch nicht. Jeder der auf die Champs-Élysées will, wird kontrolliert an einer der diversen Absperrungen. Aber alles läuft mit französischer Ruhe ab. Es ist einfach so und wird akzeptiert. Man möchte schließlich weiter das Leben genießen. Als Einschränkung empfinde ich das jedenfalls nicht. Im Gegenteil, es beruhigt.
Jedenfalls beschließe ich, mich nicht zu sehr an den vielen Menschen zu stören – ich habe ja auch damit gerechnet – also keine Überraschung. Ich folge also der Straße nun wieder in Richtung Place de la Concorde. Es herrscht schon fast eine Art Feststimmung auf der Straße. Es gibt viele Künstler, Tänzer und Musiker, um die sich immer wieder Menschentrauben bilden. Auch ich bleibe immer wieder stehen und schaue bzw. höre zu. Die Stimmung ist wirklich sehr locker. Kennt man von Deutschland nicht unbedingt. Einige picknicken auch mitten auf der Champs-Élysées. Witziger Anblick und ein Zeichen dafür, dass die Pariser das Leben weiterhin genießen.
Am Place de la Concorde dann angekommen entstand auch das Titelbild des heutigen Beitrages.
Eine wahnsinnig lange Zeltkonstruktion genau vor dem Garten, mit der Aufschrift ‚Paris sur Mode‘. Die Fashion-Week sollte schließlich bald losgehen.
Langsam begann auch die Dämmerung und ich fuhr noch einmal zum Hotel um mein Stativ zu für die Langzeitbelichtungen heute Nacht zu holen. Beim Umsteigen in der Metro kam ich auch an einem Streichorchester vorbei, das schon von weitem zu hören war. Auch hier lauschte ich noch eine ganze Weile. Aber nun wieder weiter. Die Nacht wird lang. An der Rezeption hat die Schicht gewechselt. Auch hier wieder ein bekanntes Gesicht. (Hi Muri – I know you’re reading this! ;-) ) Ein kurzer Plausch und dann raus in die Nacht.
Mit der Metro bis Alma Marceau. Hier noch direkt am Metro-Ausgang selbst die erste Langzeitbelichtung. Natürlich nicht ohne für einiges Staunen zu sorgen, wie kunstvoll ich doch mein Stativ auf der Treppe mit Blick nach oben aufstelle. Aber die Pariser sind freundlich und geduldig in diesem Moment und rennen mir nicht durch’s Bild. Merci beaucoup. Foto fertig – der Schwung kann durch. Nun noch 2-3 weitere Aufnahmen und dann weiter. Von hier habe ich dann auch meinen ersten Blick auf den beleuchteten Eiffelturm dieser Reise. Immer wieder wunderschön. An diesem Bild kann man sich einfach nicht satt sehen. Ich mache ein paar Aufnahmen und probiere noch ein paar experimentelle Dinge aus, die dann auch wirklich ein grandioses Ergebnis liefern.
[Leider gestaltet sich das mit der Erlaubnis von der SETE etwas schwieriger, als erwartet und so muss ich die Aufnahmen später nachreichen, wenn ich endlich deren Erlaubnis habe, den beleuchteten Eiffelturm hier zeigen zu dürfen. Auf eine Abmahnung wegen deren Copyright am beleuchteten Eiffelturm habe ich nämlich keine Lust. Kunst ist eben nicht so einfach ;-) ]
Kurz vor der Passerelle Debilly sehe ich, dass auf der Brücke gerade geshootet wird. Ein Model in einem riesigen roten Plüschherz. Als ich dann dort ankomme, sind sie gerade fertig und ziehen weiter. Auf der Brücke treffe ich auf eine junge Engländerin, die ebenfalls allein unterwegs ist. Ich helfe ihr bei einem Foto vom Eiffelturm und wir kommen noch ein wenig mehr ins Gespräch. Sie ist zum ersten mal in Paris und ich erkläre ihr, dass sie hier noch ein wenig mit mir warten soll, weil es sich lohnen wird. Pünktlich 22 Uhr begann dann auch wieder das Funkeln. Wusste sie gar nicht und dementsprechend war sie begeistert. In der Zwischenzeit mache ich weiter meine Aufnahmen. Als ich fertig bin werde ich von einem Mann angesprochen, ob ich nicht auch noch schnell ein Foto von ihm und seinem Sohn machen könne. Natürlich. Kein Problem. Danach ziehe ich weiter über die Quai Branly.
Ziemlich mutig positioniere ich mein Stativ auf der Straße, immer in der Hoffnung eine größere Auto-Pause abzupassen. Die Lücken in den Baumwipfeln lassen einen anderen Standort nicht zu. Mein Blick ist die ganze Zeit nach Hinten gerichtet, um nicht doch überfahren zu werden. Bei jedem Schwung Autos also schnell das Stativ und mich mit 2 Schritten wieder an die Seite gestellt. Die Aktion dauerte dadurch natürlich ein wenig länger. Erst einmal die perfekte Position finden. Dann Autos. Danach dann Kamerawinkel einstellen. Wieder Autos. Belichtung anpassen. Autos. Erste Belichtungsversuche. 20 Sekunden. Dann wieder Autos. Bild checken. Und so weiter und so fort… bis ich ein paar verschiedene Motiveinstellungen hatte war dann auch schon wieder fast eine halbe Stunde rum.
Am Eiffelturm selbst positionierte ich mich strategisch günstig an der Kreuzung der Pont d’Iéna. Kurz nach mir kommen noch 2 andere Fotografen. Aber die müssen kurz warten, wenn sie mich nicht mit im Bild haben wollen. Tolles Bild im Kasten und ich drehe mich um 180° in Richtung Trocadero und das Palais de Chaillot. Hier stelle ich mich auch ganz ans Ende der Fußgängerinsel und das Stativ schon auf den Mittelstreifen. Die Lampen leuchten gerade in einem guten Winkel. Also auch hier noch einige Aufnahmen. Die Leute in ihren Autos die wegen der roten Ampel immer mal wieder neben mir halten, freuen sich doch irgendwie alle über das was ich da tue. Jedenfalls sehr unterhaltsame Momente.
Nachdem ich auch die Fotos alle geschossen habe, laufe ich wieder weiter in Richtung Alma Marceau. Nur eben auf der anderen Uferseite. Der Avenue de New York. Hier begegne ich auch Lativ – einem älteren Herrn aus Südafrika – und wir kommen eine ganze Weile ins Gespräch. Er war vor über 30 Jahren das letzte Mal in Paris. Es ist kurz vor 23 Uhr. Ich bereite in der Zwischenzeit meine Kamera für einige weitere Aufnahmen vor. Ein kleines Geburtstags-Dankeschön für Jemanden mit kleinem Gruß. Interessiert schaut er mir zu was ich da für Verrenkungen mache, weil ich das Grußkärtchen doch festhalten muss, da es vom aufkommenden Wind sonst weggeweht worden wäre. Gar nicht so einfach diese (sportliche) Art der Langzeitbelichtung ;-)
Wenig später beginnt der Eiffelturm erneut zu glitzern. Er ist total erstaunt darüber und freut sich sichtlich. Für die Verwandtschaft hält er dieses Spektakel in einem kleinen Video fest. Er erzählt mir dann noch, dass es das damals so wohl noch nicht gegeben hätte. Und hätte er nicht da noch mit mir gewartet, wäre es ihm wohl gar nicht aufgefallen, da er in Richtung Metro weiter wollte. Er ist nur diesen einen Tag in Paris. Quasi auf der Durchreise von einem längeren Flug. Wir unterhalten uns noch ein wenig mehr über Dieses und Jenes und dann verabschieden wir uns voneinander. Heute macht es doch tatsächlich Spaß mit dem Smalltalk auf englisch.
Ich mache noch einen kleinen Abstecher hoch zum Palais de Tokyo. Gucken was da so los sein wird die Tage. Und dann sehe ich am Club YoYo nebenan, wer da am 27.09. auftreten wird. AaRON. Ja da war doch was… genau! Die Band, von der ich die Konzertkarten für Heidelberg gewonnen hatte und deren Auftritt aber 1 Tag vorher abgesagt wurde. Glücklicherweise habe ich hier freies w-lan und ich gucke gleich nach Karten. Zu meiner Enttäuschung stelle ich dann doch fest: Ausverkauft. Was ein Pech aber auch. Das wäre der krönende Abschluss für die Reise gewesen. Aber es sollte einfach nicht sein.
Ein klein wenig enttäuscht nach dieser doch spontanen Entdeckung ging ich zur Metrostation Iéna. Ab zum Hotel. Meine Füße tun sowieso schon weh, von der vielen Lauferei. Im Hotel unterhalte ich mich noch ein wenig mit Muri. Ist eh gerade recht ruhig. Und dann irgendwann ab auf’s Zimmer. War ein langer und aufregender Tag. Ich sichte noch die Fotos vom heutigen Tag. Schreibe ein wenig Tagebuch, lade alle Akkus und dann fallen auch mir irgendwann müde die Augen zu…

Einfach auf das erste Foto klicken und dann mit dem Pfeil auf der rechten Seite weiter. Viel Spaß :-)

personal: Ist doch alles super!

Wirklich? Oder nur oberflächlich und von Außen betrachtet?

Ich habe jetzt länger mit mir gerungen, ob ich das wirklich veröffentlichen soll, aber ich bin es leid Angst davor zu haben, was andere wohl darüber denken könnten. Schließlich zeige ich hier meine Schwächen – und wer macht das schon gern. Aber auch das gehört meiner Meinung nach dazu, wenn man etwas bewegen will.
Wo Licht ist, ist eben auch immer Schatten! Das wird nur all zu gern vergessen, wenn ich von positiven Dingen in meinem Leben berichte.

Um bei diesem Bild oben zu bleiben… es verdeutlicht mein Innenleben ganz gut.

Ein kaputtes Haus mit hübschem Ausblick. Du stehst Barfuß in diesem kühlen dunklen Gang und willst zum Fenster, um mehr zu entdecken. Raus aus der Dunkelheit – hin zum Licht. Nur musst du dazu vorher über all die Scherben und anderen Gefahren steigen. Immer in der Hoffnung, dich selbst nicht zu verletzen oder das in diesem maroden Haus nicht doch auf einmal die Decke herunter stürzt und dich unter all dieser Last begräbt.

Durch diverse Ereignisse in meiner Vergangenheit ist dieses Haus in dem ich stehe immer mehr zerbröckelt und auch in gewisser Weise vergessen worden. Es hat niemanden gekümmert und auch ich selbst hatte irgendwann nicht mehr die Kraft dazu, den ’schönen Schein‘ zu wahren. Ich lebte nur noch von Tag zu Tag. Kein Gedanke an Morgen. Hauptsache das Heute überstehen.
Dieser katastrophale Zustand ist 11 Monate her und begann schon etliche Jahre zuvor.
Mittlerweile bin ich dem Fenster ein ganzes Stück näher gekommen. Ich kann immer mehr erkennen. Blatt für Blatt. Kleinigkeiten. Aber ich bin noch nicht so nah, dass ich gar aus diesem Fenster hinausklettern könnte. Ob das überhaupt jemals möglich sein wird… – ich weiß es nicht.
Da ist schließlich der Autismus, der mich wie durch eine unsichtbare Barriere von dieser Welt da draußen trennt.
Ich weiß das ich niemals richtig dazu gehören werde. Aber das hält mich nicht davon ab, mir wenigstens meinen kleinen Teil so angenehm und erlebnisreich wie möglich zu machen. Das lässt all die autismusbedingten Kratzer und Wunden deutlich einfacher ertragen.

Um nun etwas konkreter zu werden, was meine letzten Wochen betrifft und der Ein oder Andere vielleicht auf Twitter oder Facebook mitverfolgt hat…
Es ist natürlich so, dass unglaublich viele positive Dinge geschehen sind.
Paris, die Konzerte und all das was ich fotografisch festhalten durfte… die Kontakte und Möglichkeiten die sich wiederrum daraus ergeben haben – ist ja vieles nachzulesen…
Doch das Alles ist mir nicht von allein zugeflogen, wie man vielleicht annehmen könnte. Für vieles habe ich schon Wochen und Monate im Voraus etwas getan, dass es mir dann letztendlich ermöglicht hat, dass ich das dann nun auch so tun konnte. Für andere Dinge wiederrum erforderte es Mut und auch ein wenig Glück, dass sie so extrem kurzfristig geklappt haben.
Tatsache ist aber, dass ich aktiv und hart arbeitend etwas dafür getan habe! Nichts davon wurde mir aus reiner Herzensgüte geschenkt oder weil ich mich in irgendeiner fucking privilegierten Position befinden würde.
Ich bin niemand mehr der sich im Selbstmitleid verkriecht und jammert, wie schlimm doch alles ist. Ich bin deutlich selbstbewusster geworden und gehe meinen Wünschen und Träumen nun endlich wieder nach.

Das allerdings hat auch zur Folge, dass ich die Schattenseiten mit in Kauf nehmen muss.
Es waren unglaubliche viele Eindrücke, die ich da in den letzten Wochen erlebt habe. Als Autistin prasseln ungefiltert deutlich mehr Reize auf mich ein, als es bei Nicht-Autisten der Fall ist. Das Alles will und muss verarbeitet werden. Dadurch dass ich so viel zu tun hatte, schob es sich immer mehr auf. Als ich nun ein paar Tage Ruhe hatte, brach das Alles über mich herein. Auch das so viel Positives geschehen war – Eines das Andere toppte. Irgendwann musste auch da Schluss sein.
Wo bin ich also nun? Ich bin ‚in ein Loch gefallen‘. Emotional überwältigt könnte man sagen. Erschöpft vom (positiven) Stress. Aber Realist wie ich bin, habe ich das kommen sehen. Nur nicht, dass es nun doch so plötzlich da war, dieses Tief.
Hinzu kommt der Schlafmangel, den ich in den letzten Wochen angesammelt hab. Pro Nacht kaum mehr als 3 Stunden Schlaf. Sicher, früher war das auch nicht viel anders, aber ich bin eben auch keine 20 mehr ;-)
Ich muss nun in Zukunft also weiter daran arbeiten ein Gleichgewicht zwischen Stress und Ruhe im Allgemeinen zu finden. In Paris selbst zum Beispiel gelang mir dieses Gleichgewicht ganz gut, aber daheim sind die Routinen doch (noch) zu eingespielt und müssen neu angepasst werden. Manchmal fällt mir das in komplett anderer Umgebung (Paris) eben leichter.
Aber ich bin sicher, dass mir das in der nächsten Zeit gelingen wird. Was ich aber auch merke ist, dass durch den ganzen Stress wiederrum andere wichtige Routinen gelitten haben und ich denen nicht wie gewohnt nachgehen konnte. Dieses Ungleichgewicht spüre ich nun.
Auch mein Körper sendet jetzt mittlerweile Signale, dass es zu viel war.
Aber auch das ist ein gutes Zeichen. – Ich nehme diese Grenze wahr. Ich akzeptiere sie. Ein andern mal kann ich dann weiter an dieser Grenze arbeiten, um sie noch ein klein wenig weiter nach Außen zu verschieben. Nur das ist nicht heute oder morgen. – Gewiss auch nicht kommende Woche. Nun stehen Regeneration und Analyse der aktuellen Situation ganz oben.
Dieses ‚Loch‘ will ersteinmal überwunden werden. Was mir sicher dabei helfen wird, sind die vielen Eindrücke und Erinnerungen aus den letzten Wochen. Waren doch wirklich fantastische Momente dabei. Und allein die sind es alle mal wert, auch solche Rückschläge und Tiefs in Kauf zu nehmen.
Für mich ist dass das eigentliche Leben.
Dieses Auf und Ab. Genießen und gefordert werden.
Ohne dieses Input, all diese bereisten Orte, Begegnungen, Erlebnisse, erfüllten Wünsche… das war es schließlich auch, was mir all die Jahre gefehlt und mich immer unglücklicher gemacht hatte.

Nun an diesem Wochenende waren meine Großeltern väterlicherseits auch zu Besuch. Genau… der Großvater mit dem Schach ;-)
Natürlich nutzte ich die Gelegenheit für einige Partien. Da mein Bruder mit da war, bat ich um etwas ganz Verrücktes: Eine Partie gegen Beide gleichzeitig.
Ich wusste von vornherein, dass ich keine Chance haben werde, wenn ich gleichzeitig spiele, aber darum ging es ja auch gar nicht. Ich wollte sehen, wo ich stehe.
Wenn ich das Spiel dann also wieder ‚ummünze‘ auf mein Leben, dann sehe ich insgesamt in der Konzentrationsfähigkeit erneut deutliche Fortschritte. Auch was das Vorrausdenken der Züge betrifft. Im Einzelspiel gelang mir alles noch besser – aber es war auch sehr interessant zu merken, wie sehr ich von meinem Fokus abhängig bin. Auf 2 Schachpartien so anspruchsvoll zu reagieren… momentan (noch) nicht möglich. Ich verlor beide Partien zusammen deutlich schneller, als eine Einzelne.
Aber das soll nicht das letzte Mal gewesen sein. Ich will besser werden.
Mein Bruder versuchte sich übrigens auch in einer Doppel-Partie gegen Großvater und mich. Was mich erstaunte, er berichtete genau das Gleiche. Das es nocheinmal deutlich anspruchsvoller ist, sich auf 2 Partien gleichzeitig zu konzentrieren. Ihr erinnert euch – er verlor noch nie ein Spiel und auch damals im Schachclub gewann er spielend gegen alle… Großvater und ich sind also doch ein härterer Brocken und er hatte sichtbar ziemliche Schwierigkeiten und leistete sich einige Schnitzer. Interessant diese Analyse, die man durch Schach erhält. Welche mentale Leistungsfähigkeit man tatsächlich hat. Ich erlebte aber auch, was es heißen kann, wenn die Leistungsfähigkeit (durch Müdigkeit) abnimmt. In einer weiteren hart umkämpften Partie verlor doch dann tatsächlich mein Bruder gegen meinen Großvater. Ein historischer Moment ;-)

Rational wie ich eben bin, mache ich mir keine Illusionen darüber, dass alles super ist. Auch wenn es von Außen so aussehen mag. Es ist jede Menge Arbeit und auch weiterhin ein arbeiten an mir selbst. Für mehr Stabilität. Ich bin auf einem guten Weg, kenne meine aktuellen Grenzen und akzeptiere wo ich im Moment stehe.
Jedenfalls bin ich auch sehr dankbar für die letzten Wochen und stolz auf das, was ich da eigentlich alles geschaffen und erreicht habe.

Alles andere ist ein gewisses Feintuning der bisherigen Routinen und auch die ein oder andere Kompletterneuerung. Ich bin schließlich nicht mehr der Mensch, der ich noch vor 11 Monaten war.

Es reicht eben nicht, nur 1 oder 2 Aspekte in seinem Leben zu ändern. Alles muss neu angepasst werden. Ansonsten reißt es dich nur in die Vergangenheit zurück.

Und das ist eben genau das, was ich nicht mehr will.

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Anmerkung zum Foto oben, weil mehrfach gefragt wurde: Aufgenommen wurde es in einer ehemaligen Tuberkulose Klinik irgendwo in Deutschland. ;-)

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personal: Schach als Indikator für das mentale Befinden

(Lesezeit circa 5 Minuten) – Triggerwarnung: Depression

Schach: 1 König. 1 Dame. 2 Türme. 2 Springer. 2 Läufer. 8 Bauern. Je für Hell und Dunkel. 64 Felder auf dem Brett. 2 Spieler. Unzählige Möglichkeiten.

Zunächst etwas zurück in der Zeit…
Schach habe ich als kleines Mädchen von meinem Großvater beigebracht bekommen. Von Anfang an war ich fasziniert von der Logik, Einfachheit aber dennoch insgesamten Komplexität dieses Spiels. Ich begriff schnell. So kam es dann also immer zu mehreren Schachpartien am Tag, wenn ich zu Besuch war. Mein Opa besitzt dieses Schachspiel aus Holz, auf dem ich spielen lernte, noch heute. Die Haptik und auch der Geruch den das Brett und die Figuren über die Jahre angenommen haben… Kindheitserinnerungen an die vielen gemeinsamen Stunden.

Nun aber zu dem, weshalb ich diesen Artikel hier eigentlich schreibe: Meine Beobachtungen der letzten Jahre an mir selbst und wie ich während dieser Zeit Schach spielte. Oder besser gesagt – kläglich scheiterte, vernünftige Partien zu spielen.
Rückblickend weiß ich nun, warum meine Spielweise in dieser Zeit grottenschlecht war.
Was war geschehen?
Ich landete in einer Beziehung und später auch Ehe, die mir so im Nachhinein betrachtet, absolut nicht gut taten. – Das Schlimme an der Depression und solchen Beziehungen ist ja, dass du es zu spät mitbekommst, was da eigentlich passiert. Du denkst du bist glücklich und zufrieden – ein Trugbild deiner Ängste und Sorgen, die dich zu Beginn gekonnt täuschen. Die Zweifel kommen erst langsam nach und nach. Dann willst du es nicht wahr haben. Und schon steckst du drin in diesem Teufelskreis.

Frühjahr 2013… Ich hatte eine PTBS ausgelöst durch das traumatische Geburtserlebnis – entwickelte zu allem Überfluss 3 Monate nach der Geburt meiner Tochter zusätzlich noch eine schwere Wochenbettdepression mit Zwangsgedanken. Dazu unfähige Ärzte und Pfleger, die die Situation nicht ernst nahmen, obwohl ich akut um Hilfe bat! Krasser Fall von unterlassener Hilfeleistung, wenn man es streng nimmt. Dazwischen dann noch die Autismus-Diagnostik an der UK Freiburg, als meine Tochter gerade mal 8 Wochen alt war. Sowie die da bereits kriselnde Ehe…
Ich merkte, dass ich kognitiv mittlerweile nicht mehr zu meinen gewohnten Leistungen in der Lage war. Kämpfte ich doch aktiv in und mit mir selbst, um zunächst einmal die Zwangsgedanken zu besiegen. Es war ein täglicher Kampf: David gegen Goliath. Ich habe ihn gewonnen. Hier begann sich dann meine starke Resilienz bemerkbar zu machen. Ohne jegliche Hilfe von Außen kämpfte ich mich noch durch die ärztlich unbehandelte Wochenbettdepression und auch das traumatische Geburtserlebnis bewältigte und verarbeitete ich allein. Aber das nahm alles Zeit in Anspruch. Ich musste mich schließlich noch um mein ‚weiteres Leben‘ kümmern. Baby, Haushalt, Ehemann und natürlich noch die frische Autismus-Diagnose, die das alles nicht gerade einfacher machte.
In dieser Zeit lernte ich viel über mich selbst und meine (kognitiven) Fähigkeiten.
Eben weil sie auf einmal nicht mehr da waren.
So richtig bewusst wurde mir das, als ich irgendwann in diesem ganzen emotionalen Chaos, bei einer Partie Schach gegen meinen Großvater, nach nicht einmal 30 Minuten verlor. Ich war schockiert. Das war nicht ich. Ich wollte eine Revanche. Das gleiche Trauerspiel. Ich war unfähig auch nur 3 Züge im Vorraus zu planen. – Eigentlich sind 6-7 Züge für jeweils 3 oder 4 Gegnervarianten normal bei mir.
Hier noch nicht einmal 3 meiner Eigenen…
Ich starrte auf das Schachbrett und sah nur Leere. Klar, da standen zwar Figuren auf dem Brett, doch irgendwie hatten sie keinerlei Bedeutung mehr für mich.
Dieses katastrophale Schach-Erlebnis öffnete mir die Augen. Das war Frühjahr 2015.
Ab diesem Zeitpunkt begann ich mich noch mehr mit mir selbst auseinander zu setzen.
Was will ich? Was kann ich? Was muss ich tun? Wer oder was hindert mich alles daran, meine Ziele zu erreichen? Was tut mir gut? Wer oder was nicht?
Ich veränderte mich, was letztendlich dazu führte, dass ich schlechte Entscheidungen des Mitmenschen nicht mehr einfach schweigend hinnahm. Leider konnte er damit nicht umgehen und so blieb mir eines Tages nur noch die Möglichkeit, die Polizei zu rufen und Anzeige wegen Körperverletzung zu erstatten. Bis hierher und nicht weiter! Ende.

Anfang September 2015 gab es wieder einige Partien gegen meinen Großvater. Leider auch hier noch immer schneller Verlust und Matt. Ich hatte nicht so recht Spaß am Spiel. Aber wer sollte es mir verübeln, nachdem was kurz zuvor geschehen war? Immerhin war die Leere verschwunden. Ein Fortschritt und ich interessierte mich für das Match, dass mein jüngerer Bruder gegen meinen Großvater spielte. Ich versuchte begleitend für mich zu analysieren. Das von Außen Betrachten fiel mir in diesem Moment immerhin leichter. Auch ein Fortschritt. Ich begann mich an eigene Logik-Denkweisen zu erinnern. Ließ mir im Nachhinein ein paar Züge von meinem Bruder erklären. Warum dieses oder jenes in der jeweiligen Situation. Analyse. Nicht nur das Spiel. Auch mich selbst. Akzeptieren. Verstehen. Lernen.

Frühjahr 2016… es war wieder Zeit für einen Besuch. Dieses Mal freute ich mich auf die Partien. Klarer Fortschritt. Die Runden dauerten deutlich länger. Meine Konzentrationsfähigkeit und Denkleistung waren wieder merklich ausgeprägter und schneller. Noch nicht auf Optimum, aber auf einem sehr guten Weg.
Ein Matt stand dann am Ende auch auf meinem Konto.
Danach wagte ich endlich mal wieder eine Runde gegen meinen Bruder. Man muss dazu sagen, dass mein 5 Jahre jüngerer Bruder in einer ganz anderen Dimension Schach spielt. Er ist mal (mehr oder weniger) aus einem Schachclub geflogen, weil er zu gut war. Er schlug alle Mitglieder mit Leichtigkeit und auch die Trainer hatten keine Chance. Irgendwann hatte niemand mehr Lust gegen ihn zu spielen… Ich weiß gar nicht, ob ihn überhaupt mal jemand in den letzten Jahren Matt gesetzt hat. Ich glaube nicht.
Na jedenfalls… ich schaffte einen Patt gegen ihn. Ein Remis. Nichts Rühmliches, aber immerhin nicht auf voller Linie verloren. Im Gegenteil, laut seiner Aussage machte ich ihm das Leben ein paar mal sehr schwer mit meinen Zügen. – Das ist ein ziemliches Kompliment, wenn man ihn im Schach ins gedankliche ‚Schleudern‘ bringt. Ich bin also auf einem guten Weg zu den alten Höchstleistungen.

September 2016…
Mein Leben verläuft seit dem Frühjahr von Monat zu Monat immer besser. Die Arbeit zahlt sich aus. Der August war mein persönliches Highlight bis jetzt. Dinge haben sich ergeben, an die habe ich vorher kaum zu denken oder gar zu hoffen gewagt. Und doch sind sie geschehen – das alles nur, weil ich die Initiative ergriff und mutige Züge wagte.
Mittlerweile habe ich mit fähigen Ärzten und Therapeuten hier in Heidelberg detailliert über meinen steinigen Weg sprechen können. Ich bekam einstimmig erklärt, dass es eine erstaunliche Leistung von mir war, das Alles allein bewältigt zu haben, während die Umstände alles andere als optimal waren.

Und nun…? Seit wenigen Tagen habe ich wieder so richtig Lust auf Schach. Ein verdammt gutes Zeichen ist das. Mal sehen, ob mein Bruder demnächst Zeit für eine Partie hat.

Das Spiel der Könige war nun zwar nicht mein Retter in der Not, doch hat es geholfen mir bewusst zu werden, was die aktuelle Situation war.
Eine Art Anker, der mich zurück in die tatsächliche Realität riss.
Raus aus dem, was mir andere weismachen wollten.
So im Nachhinein hätte es mir eigentlich damals schon zu denken geben müssen, dass ich den Mitmenschen nach nur wenigen Minuten Matt setzte. Oft hatten wir nicht gespielt – er war chancenlos gegen mich. Doch im ‚richtigen‘ Leben? Ich bin auf jemanden hereingefallen, der gut blenden und Menschen belabern beeinflussen kann.

Beim Schach jedoch fällt dieses Theater alles weg. Es gibt nichts zu blenden. Es gibt nur das was ist. Tatsachen. Das Brett und die Figuren. Ein Plan der sich von Zug zu Zug verändert, neu analysiert und angepasst werden muss. Keine Hilfsmittel. Da bleibt keine Zeit für Spielchen.

Jetzt nach all dieser Analyse finde ich, ist Schach ein ausgezeichnetes Spiel, um jemanden ‚tatsächlich‘ kennenzulernen. Ich werde mich bei der nächsten Partnerwahl wohl auch etwas mehr darauf stützen. Nun bin ich deutlich sensibler, was die Einschätzung eines Menschen angeht. Ein solch fataler Fehler wird mir gewiss nicht mehr passieren.
Das Spiel hat einfache und klare Regeln und ist daher auch für Jeden gut zu lernen – Ausreden man(n) könne kein Schach, lasse ich also nicht gelten.
Zum Einen lernt man viel über die Denkweise seines Gegenübers und zum Anderen können sich während des Spiels auch interessante Gespräche nebenher ergeben. Ich spiele schließlich kein Turnier-Schach, sondern lediglich zum Zeitvertreib. Ein tiefgründiges Gespräch während einer guten Partie finde ich durchaus reizvoll.
Schach wird also in Zukunft mit darüber entscheiden, ob jemand Chancen bei mir hat oder eben nicht. – Na wenn das mal nicht kultiviert ist ;-)

Ich werde auf jeden Fall wieder regelmäßiger spielen. Ich habe wieder Spaß daran und als positiven Nebeneffekt gleich dazu ein Kontroll- bzw. Warnsystem.

Vielleicht hat dieser doch sehr persönliche Einblick jemanden eine Idee gegeben, wie er eventuell sein eigenes Leben besser meistern kann.
Manchmal muss man in der Wahl der Hilfsmittel eben kreativ sein.

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Note: Das Schach-Set oben im Header habe ich im Louvre fotografiert.
Es ist das „Saint Louis“, stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde aus Kristall, Quarz und vergoldetem Silber hergestellt. >Hier< geht es zur genauen Beschreibung auf der Louvre-Website (englisch).

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Paris – IV

Teil I
Teil II
Teil III

Samstag 26.09.2015
Okay. Das war eine kurze Nacht. Sehr kurz. Es hatte direkt an der Kreuzung (irgendwann gegen 4:30 Uhr) vor der Kirche mit mehreren Autos gekracht. An Schlaf war dann bei den Sirenen und Lärm nicht mehr zu denken. Nun denn. Müssen eben 3 Stunden reichen. Also kurz Pulli und Hose überwerfen und raus für ne Zigarette. Gucken, was denn diese Unruhe da draußen verursacht… Joa. Hat ordentlich gescheppert. 3 Krankenwagen, 1 Notarzt, 2 Polizeiwagen und 1 Feuerwehr wegen den ausgelaufenen Flüssigkeiten. Aber nun wieder rein. Ich nutze die Gelegenheit, um mir eine kleine Tour für den Tag zu erstellen. Auf jeden Fall in die Katakomben und ins Le Marais. Pflicht. Notre Dame auch noch kurz und natürlich Eiffelturm heute. Der Rest… spontan. Mal schauen, wo mich die Stadt hinzieht.
Kurz gefrühstückt und schon geht es los in Richtung Notre Dame. Mittlerweile ist es 9 Uhr. Die Stadt ist herrlich unhektisch zu dieser Uhrzeit. Werde ich mir merken.
Nach der Notre Dame geht’s dann direkt weiter zum Eingang der Katakomben. Es ist kurz vor 10 und die Schlange reicht schon um’s Eck. Die Sonne knallt. Warten. Einlass geht gleich los. Nach mir wird die Schlange innerhalb weniger Minuten extrem lang. Glück gehabt. Ich warte ungefähr eine dreiviertel Stunde, bis gefragt wird, ob noch 2-3 Leute mit in die Führung wollen. Jepp. Hier. Ich. Und somit geht es vorbei an den anderen 20-30 Leuten vor mir. Eine größere zusammengehörige Gruppe. Nach der Kasse geht es dann auch direkt hinab. Es beginnt unspektakulär, gibt einige Infotafeln zur Geschichte und Geologie. Man läuft und läuft. Immerhin ist es wirklich angenehm hier unten. Ein willkommener Kontrast zur Hitze oben. Nach etlichen zurückgelegten Metern kommt ein weiterer Durchgang über dem steht: „ARRÈTE! C’EST ICI L’EMPIRE DE LA MORT“. Ab hier dann das eigentliche Highlight dieser Tour. Beeindruckend. Faszinierend. Eine besondere Atmosphäre. Unser Guide erklärt sehr gut auf Englisch. Wir bekommen jede Menge interessanter Geschichten zu hören. Kunstvoll arrangierte Knochen. Nur irgendwann hat das Auge genug… Knochen ohne Ende. Und noch mehr Knochen… Am Ende der Tour geht es natürlich alles wieder nach oben. Einiges Stöhnen vor mir. Dann wieder warten. Und schon bald die letzten Stufen. Herausgekommen sind wir ganz woanders. Kurz orientiert. Auf die Uhr geguckt. Hunger. Also noch eben schnell was zu essen organisiert und ab an die Seine. Sonne genießen. Bei der Gelegenheit stellte ich dann leider auch fest, dass die Metro Samstag Mittag mehr als voll ist. Da drängen sich sehr schnell Bilder der Tokioter Metro auf und wie die Menschen bis auf den letzten Zentimeter noch in den Wagen gedrückt werden. Na zumindest hätte man bei einer Vollbremsung auch nicht umfallen können. Definitiv nichts für Demophobiker. ;-)
Bis ca. 15 Uhr genoss ich also das Wetter, die Stimmung, das Plätschern des Wassers, die Boote die vorbei fuhren und noch ein Eis.
Spontan entschloss ich mich dazu zum Cartier Chinois im 13ten zu fahren. Kontrastreiche Architektur. Avenue D’Italie. Nett zu laufen. Am Ende dann links weg und dann die Nächste auch wieder links. Ich komme an einem der üblichen Mittags-Essens-Märkte vorbei. Private Familien die gekocht und vorbereitet haben, bieten hier ihre authentischen Speisen an. Ich schaue interessiert und werde dann doch dazu überredet hier direkt etwas zu probieren. Der Herr am Nachbarstand macht es in seinem improvisierten Öfchen warm. Fleisch und Teig mit Gemüse eingewickelt in einem Bananenblatt. Ich weiß leider nicht mehr wie es hieß, es schmeckte jedoch fantastisch. Ich weiß noch nicht einmal welches Fleisch das war. Interessant. Ungewöhnlich. Aber lecker. Definitiv eine Erfahrung wert. Traut euch :-)
Auf meinem Weg wieder zur Metro mache ich noch einen Zwischenstopp an einem der kleinen Lädchen mit dem ganzen China-Deko-Kram. Kleine Erinnerung (Winkekatze) und ein paar Räucherstäbchen mitnehmen. Und dann wieder rein in die nun nicht mehr ganz so proppevolle Metro in Richtung Bastille.
Ab hier will ich zu Fuß das Marais erkunden. Rue St. Antoine. Als ich zum Maison Européenne de la Photographie komme und die Fotografen sehe die dort ausstellen, kann ich natürlich auch nicht dran vorbei gehen. Jean-Pierre Laffont, John Edward Heaton, Caio Reisewitz und noch einige mehr. Hat sich sehr gelohnt.
Danach gehe ich weiter und entdecke dieses hippe Viertel. Galerie an Galerie. Junge Leute. Bars. Cafés. Bunt. Kreativ. Modern und doch klassisch nostalgisch. Es ist schwer zu beschreiben. Man muss es fühlen, was das Le Marais ausmacht. Mein Lieblingsviertel von Paris. Hier entstand auch das Foto aus der Galerie mit dem verliebten Pärchen Arm in Arm.
In der ganzen Hitze bekam ich dann doch Durst und so kam es gerade gelegen, dass nur wenige Meter weiter ein kleiner Intermarché auftauchte. Hier kam es auch zu einem kleineren Zwischenfall. Mega unfreundlicher und gelangweilter Kassierer, der mich um ein paar Euro meines Rückgeldes bescheissen wollte und just in dem Moment so tat, als wüsste er nicht, was ich meine. Der Herr mit der Ratte in seiner Kapuze, der kurz vor mir dran war, bekam das aber noch mit und kam mir in der Argumentation zu Hilfe. Innerlich fluchte ich aufgebracht vor mir her. Du Depp. Stell dich nicht doof. Ich zerr dich gleich über die Theke, wenn du mir nicht das Rückgeld gibst. Wir redeten gefühlte 5 Minuten auf ihn ein, bis er verstanden hatte, dass ich nicht früher gehe und doch gleich die Polizei rufen würde. Ich bekam also letztendlich mein fehlendes Geld und unterhielt mich vor dem Laden noch ein wenig mit dem Herrn über seine Ratte, die ich dann auch mal auf den Arm nehmen durfte. Mein erstes Mal mit Ratte. ;-)
Mittlerweile war es schon 20 Uhr… ein wenig weiter entlang schlendern und dann zurück zum Hotel und noch die letzte Nacht buchen und bezahlen. Die Option hatte mir der Besitzer ja gelassen. Sehr cool. Den ganzen Kram ablegen. Umziehen und dann zum Eiffelturm.
Puhh.. Samstag Abend ist die Metro also genauso voll wie am Mittag. Warum wundere ich mich eigentlich? War doch zu erwarten. Mittlerweile ist es ca. 21:30 Uhr. Aussteigen an der Station Trocadéro. Ausgang in Richtung Eiffelturm nehmen wollen. Zum Glück sehe ich genau in diesem Moment noch einen – aus einem der vorderen Wagen der Metro – torkelnden jungen Mann… direkt auf mich zu. Ich mache einen kleinen Schritt nach rechts und bleibe stehen. Da kotzt er direkt schräg links vor mir auf den Boden. Jawoll. Herzlich willkommen in Paris. Ich lache verlegen. Na was ein Glück, dass er mir nicht auf’s Kleid gereiert hat. Die Passanten die diese Aktion mitbekommen haben lächeln ebenfalls erleichtert in meine Richtung. Abhaken. Weiter geht’s. Immer der Masse nach. Hoch auf die Terasse mit dem legendären Blick auf den Eiffelturm. In wenigen Minuten geht es los. Ich habe noch eine Position mit freier Sicht gefunden. Kamera einstellen und schon geht es los. 22 Uhr. Ein Raunen geht durch die Menge, als der Eiffelturm zu funkeln beginnt. Hinzu kommt heute auch noch ein perfekt stehender Mond und eine Wolkenlücke, die alles herrlich dramatisch wirken lässt. Sehr schön. Ein Moment, der mir auch noch lange in Erinnerung bleiben wird. Wunderschönes Zusammenspiel aller Komponenten. Ich bleibe noch ein Weilchen sitzen. Beobachte die Verkäufer mit ihren leuchtenden Flugspielzeugen. Schreibe noch ein paar Zeilen in mein Tagebuch und dann gehe ich nocheinmal hinunter zum Turm. Den restlichen Abend genießen. Fotos machen und dann wieder in Richtung Hotel. Ich merke, dass ich letzte Nacht nicht all zu viel Schlaf abbekommen hatte. Also zurück mit der vollen Metro zum Gare de l’Est und die letzten Meter müde zu Fuß.

Sonntag 27.09.2015
Die Nacht hatte ich deutlich länger geschlafen. Das Kirchengebimmel bekam ich kaum mit und auch der Straßenlärm hielt sich in Grenzen. Der Sonntag hielt aber noch eine anderweitige Überraschung parrat. Es war der erste Auto-freie Sonntag, den Paris hatte. Nun ja… was man so autofrei nennt… waren natürlich trotzdem einige unterwegs, doch absolut kein Vergleich, zu den Tagen davor. Ein ungewohntes Bild. Keine verstopften Straßen. Und am Eiffelturm selbst gar keine. Die Chance nutzte ich natürlich an diesem herrlich sonnigen Morgen und machte noch ein paar weitere Aufnahmen. Die Sonne stand im (für mich) perfekten Winkel zum Turm. Wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Yesss! Wie es der Zufall dann auch noch wollte, sollte wenig später am Eiffelturm der Start des 38. Paris-Versailles Marathon stattfinden. Den hab ich natürlich auch noch mitgenommen.
Danach ging es dann durch den Jardin du Champ de Mars in Richtung Militärschule. Auf dem Weg dorthin vorbei an einem Fest für Familien mit ihren Kids, Square-Dance tanzenden Leuten weiter hinten im Park zugesehen und einer wirklich freakig freudigen Japanerin dabei geholfen, noch ein paar Fotos von sich und dem Eiffelturm zu bekommen. Sie muss mich mit meiner Kamera schon von weitem gesehen haben und kam schnurstraks und breit grinsend auf mich zu. War echt klasse. Krasser Style. Sehr cool mit ihrem Zuckerwatte-farbenem Haar. Mein Highlight des Tages.
Danach ging es dann aber wieder zurück zum Hotel. Auschecken. Also mit meinem ganzen Kram in Richtung Gare de l’Est und auf den TGV warten.
Noch eine gute Stunde. Leute beobachten. Lebensgeschichten ausdenken. Wo kommen sie her. Wo wollen sie hin. Was erleben sie. Gesprächsfetzen aufschnappen.
Dann rollt der TGV auch schon ein. Zum Glück sitzt dieses Mal niemand auf meinem Platz. Natürlich wieder am Fenster. Wie reserviert. Wenig später nimmt ein Herr mittleren Alters neben mir Platz. Amerikaner wie sich schnell herausstellt. Kommunikativ. Wieder keine Ruhe. Darf doch nicht wahr sein. Nun gut… verging die Zeit auch recht flott und ich konnte mein holpriges Englisch mal wieder sprechen üben. Nicht nur 5-10 Minuten lang, wie die Tage zuvor. (Ich verstehe weit mehr, als ich selbst über die Lippen auf Englisch rausbekomme. Fehlende Übung eben…)
Es dauerte nicht lange und wir kamen auf das Thema Trump. Vom Reisen in Europa und wo wir überall schon waren über die DDR zu Trump. Irgendwo im Gespräch falsch abgebogen. Ich muss kurz lachen. Mein Gesprächspartner schaut mich verwirrt an und lacht dann mit. Ok. Gut gerettet. Jedenfalls wird unser Gespräch dann doch recht schnell etwas aufgeregter. Was wäre wenn. Trump Präsident und so. Will keiner von uns Beiden. Worst Case-Szenarios in unseren Köpfen. Und dann war es auch schon fast Ende der Fahrt für uns beide. Karlsruhe. Er weiter nach Frankfurt und ich Richtung Basel. War doch ganz nett. Kurzweilig.
In Karlsruhe dann ab in den ICE nach Basel. Ich sitze am Gang. Links neben mir sitzt ein junger Mann der sich New York Fotos an seinem Laptop anguckt. Scheint wohl gerade zurückgekommen zu sein. Aber er ist absolut nicht gesprächig. Auch recht. Rechts neben mir nach dem Gang 2 ältere Damen. Die eine am Gang knabbert Nüsse aus einer Tüte. Eine Verpackung in der sie nur eine sehr kleine Öffnung gemacht hatte. Raschel raschel. Schüttel. Mampf. Raschel. Schüttel. Knister. Mampf. Und so weiter… Kurz bevor ich ihr sagen will, wie unglaublich nervig ihre Art und Weise des Nüsse-Essens bzw. Rausfummeln der selbigen ist, packt sie die Tüte weg. Na da haste ja nochmal Glück gehabt. Beinahe wäre ich zynisch geworden. Halbwegs komplikationslos ging dann auch die restliche Reise bis Heim von statten. Ich hatte nun ein paar Tage meine Tochter nicht gesehen und so war aufgrund meiner Prosopagnosie der Unterschied riesig. Ich staunte. War überwältigt und überglücklich schloss ich sie in meine Arme.

Das war es also… mein kleines Abenteuer. Genau zur richtigen Zeit, denn nur wenig später, sollte sich mein Leben komplett verändern. Ich bin froh, dass ich das damals so durchgezogen hab. Von den Erinnerungen zehre ich noch heute und sie waren es auch, die mich die folgenden Monate gut durchhalten ließen. Wenn man auf sein Herz hört und das durchzieht, dann eröffnen sich neue Wege, die letztenendes doch glücklicher und zufrieden machen, als man vielleicht zum aktuellen Zeitpunkt noch gar nicht absehen kann. Für mich nehme ich jedenfalls als Lebenserfahrung mit, dass egal was kommt, ich auf mich selbst immer vertrauen kann. Ich finde einen Weg, etwas Gutes für mich und meine Tochter daraus zu machen. Wer braucht schon all diesen materiellen Kram, wenn er wirklich glücklich sein kann. Nun so bei Null wieder angefangen zu haben, hatte etwas sehr befreiendes für das ich durchaus dankbar bin. Ich wäre nicht der selbstbewusste und zufriedene Mensch, der ich heute bin.
„We think that if we have health and wealth they’re enough to be happy, but actually happiness depends on the state of our minds.“ (Dalai Lama) Recht hat er.

An dieser Stelle nun auch ein Dankeschön an all diejenigen, die meine Reise bis hierher mitverfolgt haben. Danke für die netten Worte und den Zuspruch. Das bedeutet mir viel!

(Header-Foto: Kronleuchter in der Notre Dame)

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Ein passendes Lied zu meinem Weg: Wolfsheim – Kein Zurück

Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her.

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Paris – III

Teil I
Teil II

Da saß ich nun also auf der Bank und versuchte mich wieder etwas zu entspannen. Ist zwar nicht das erste Mal, dass ich in eine solche Situation geraten bin, weil ich Fotos machte und dann auf einmal die Polizei kam (ich kann die wildesten Stories erzählen ;-)), aber das hier war doch eine deutlich andere und angespanntere Hausnummer. Der Herr drehte immerhin auch in Military-Klamotten dort im Brunnen seine Runden (siehe Bilder am Ende des Teil II). Kopfkino. Was wäre wenn…
Nach ein paar Minuten ging es dann aber wieder. Ich ging weiter durch den Park die Champs-Élysées entlang. Direkt vor mir biegen vom Grand Palais etwa 70-80 Kadetten mit auf die Avenue ein und marschieren ebenfalls in Richtung Arc de Triomphe. Ab hier schlendere ich gemütlich. Ein wenig hier… ein wenig da gucken. Viele viele Touristen. Sehr kommerziell. Aber ist bekannt. Ich laufe weiter und höre dann kurz nach dem Disney Store ein Kamera-Klicken von Links. Habe ich gar nicht vorher erkannt. Gut gemacht. Spieß umdrehen. Click. Foto. Ich bleibe natürlich stehen und laufe dann zurück. Franzose mit gebrochenem Englisch. Wieder Glück. Ich frage, ob er mich aufgenommen hatte und lasse mir das Bild zeigen. Auch die anderen gefallen mir. Er hat ein gutes Gefühl für den Moment. Wir kommen ein wenig ins Gespräch, er erzählt mir von seinem Projekt, warum und wofür er die Streetfotos macht und dann verabschiede ich mich wieder.
Ich schlendere weiter… beobachte die Menschen um mich herum. Ein Foto hier – ein Foto da. Dann wieder direkt vor mir, eine junge Französin, die eine Bananenschale auf einen eigentlich schon mehr als übervollen Mülleimer legt, ohne das alles auseinander kracht. Der Anblick wirkt sehr skurril in dem Moment, dass ich nicht um ein Foto herum komme. (Siehe Bildergalerie.) Natürlich nicht ohne just in dem Moment von 2 jungen Männern angequatscht zu werden, warum ich denn den Mülleimer fotografiere ;-)
Kleine Kunst im Alltag, die doch niemand für voll nimmt. – Wer weiß, vielleicht mache ich mal eine kleine Fotostrecke irgendwann genau darüber.
Weiter geht es bis zum Arc de Triomphe und dann in die Av. d´Iena. Ein ruhiges Sträßchen mit tollen Türfassaden. Ein angenehmer Kontrast zur hektischen Champs-Élysées. Ich laufe durch den kleinen Park, vorbei an den Händlern mit ihren Billig-Repliken des Eiffelturms und mache dann spontan doch noch einen Abstecher zum Palais du Tokyo. Moderne Kunst. Danach dann endlich zum Tour Eiffel. Viel Militär mit Sturmgewehren. Kein Gedanke an mögliche Anschläge. Ich fühle mich sicher. Doch lang bleibe ich heute nicht, da es zu regnen beginnt. Also heute keine Fotos. Bin ja noch ein wenig in der Stadt. Kamera verstauen und ein kurzer Blick auf meinen Stadtplan. Ab zum Maison de la Culture du Japon. Sehr schön. Auch zu empfehlen und eine gute Entscheidung, um dem Regen zu entgehen.
Mittlerweile ist es spät geworden. Ich will wieder zum Hotel zurück. Nächste Metro-Station gesucht. Bir-Hakim. Auf dem Weg dorthin an verbotenen Hütchen-Spielen vorbei und anderen jungen Männern direkt vor der Station, die den Touris am Ticketautomaten „helfen“ wollen und anschließend um Geld betteln. Nee Jungs. Ich komm klar. Keine Chance. Direkt abgewimmelt. Ich steige also in die M6 und am Montparnasse Bienvenüe will ich in die M4. Und ich laufe und laufe… Déjà-vu. Ich erinnere mich direkt wieder an meinen letzten Paris-Aufenthalt. Dieser ewig lange Tunnel. Wäre ich doch nur eine Station weiter gefahren. Jetzt lauf ich diese gefühlten 2km. Meine Füße tun mir eh schon weh. Toll. Immerhin hat sich ein ziemlich guter Musiker im Tunnel platziert. Es bleiben viele Menschen stehen und lauschen begeistert. Auch ich höre sicher eine gute Viertelstunde zu… Wirklich gut. Kurz in der Tasche gekramt und 2 € in sein Hütchen geschmissen. Nun aber weiter. Ist ja doch unangenehm stickig und warm hier im Tunnel. Schon bald bin ich an meiner Metro-Station angekommen und zurück mit der M4 zum Gare de l’Est. Ins Hotel und Füße hochlegen. Akkus laden. Halt. Wo haben die die Steckdose versteckt? Ist doch jetzt nicht wahr. Auch im Bad keine zu sehen. Kurzerhand ziehe ich also den Stecker vom TV, um wenigstens mein Handy laden zu können. Für die große Kamera hab ich eh noch einen vollen Ersatz. Nun noch unter die Dusche. Passt. Nicht stecken geblieben. ;-)
Erschöpft lasse ich mich danach in mein Bett fallen und schließe die Augen. Gong. Dong. Gong. Laut. Jetzt hab ich mich arg erschreckt. Nee oder?! Ich gucke auf mein Handy. 23:45 Uhr. Okay… wird also spannend heut Nacht mit dem Gebimmel der Kirche, direkt vor dem Hotel.

25.09.2016
Wider Erwarten bin ich doch zügig eingeschlafen. Die Nacht war okay. Das Kirchengeläut hat mich erstaunlicherweise nicht gestört. Etwas nerviger war das nächtliche Gehupe an der Kreuzung und diverse Sirenen. Alles in allem, habe ich aber dennoch recht erholsam geschlafen. Und beim Aufwachen entdeckte ich vom Bett aus auch die gesuchte Steckdose. Direkt beim Schreibtisch. Ich muss lachen. Da war ich aber ganz schön verpeilt gestern Abend.
Nun gut. Das ist also geklärt. Schnell in frische Klamotten geschmissen und dann ab zum Louvre. Ich hab ja noch kein Ticket. Will also nicht zu spät dort sein und mich in eine ewig lange Schlange stellen müssen.
Die Nacht hatte es noch ein wenig geregnet. Die Gehsteige sind feucht. Ab zur Metro. Weiter auf meinem Weg zum Louvre (ich bin ein paar Stationen früher ausgestiegen, um mir noch etwas mehr die Stadt anzusehen) entdeckte ich an der Rue de Rivoli einige Obdachlose, die auf den großen Lüftungsschächten der angrenzenden Gebäude schliefen. Ich hatte Mitleid, weil ihre Pappen auf denen sie teilweise lagen, ziemlich durchweicht waren vom Regen. Das konnte nicht gesund sein. Auch wenn die Luft aus den Schächten tatsächlich sehr warm war. Dennoch… Ich machte mir Gedanken…
Jedoch nicht all zu lang, denn nur wenige Meter weiter wurde ich von einem älteren Obdachlosen angesprochen angeflirtet ;-) und er ließ mich auch nicht so recht gehen. Na gut. Dann unterhalte ich mich ein wenig mit dir. Wir kamen ziemlich schnell auf das Thema, wie er denn obdachlos geworden war (er kam vor etlichen Jahren aus Deutschland nach Frankreich). Und ich erfuhr seine Lebensgeschichte. Unglückliche Umstände, Job verloren… Wohnung… so war das. Aber mich hat fasziniert, dass er trotzallem noch so eine Lebensfreude austrahlt. Nach einer knappen halben Stunde musste ich dann aber auch weiter. Bald ist Einlass. Gegen 08:45 Uhr kam ich dann an der Pyramide an. Die Schlange war noch nicht all zu lang. Okay… vielleicht 10 Minuten warten. Kein Problem. Einlass soll 09:00 Uhr beginnen.
Aber wie es das Schicksal dann heute so wollte, sollte sich der Einlass verschieben. Ohne weitere Informationen warum, öffnete sich erst um 10 Uhr die Tür. Während der Wartezeit kam ich auch wieder mal mit den Leuten um mich herum ins Gespräch, da ich trotz meiner Kopfhörer angequatscht wurde. Jaja.. immer ich. Aber sie waren nett, die Engländer. So verging wenigstens die Wartezeit recht zügig.
Kurz durch die Kontrolle und dann hinunter zur Kasse. 15,-€ Eintritt finde ich übrigens mehr als angemessen. Ich holte mir noch einen Lageplan und dann als erstes natürlich zu DaVinci, bevor dort alles zu spät, kein Vorrankommen und ruhiges Betrachten mehr möglich ist. Ich hatte tatsächlich noch Glück. Keine 15 Minuten später war der Saal mit der Mona Lisa (ist es denn tatsächlich noch immer die Kopie?) und auch der Vorraum mit seinen anderen Werken proppevoll. Auch kein Genuss mehr, sich die anderen Gemälde anzusehen. Insgesamt verbrachte ich gute 7 Stunden im Louvre. Danach war meine Aufnahmekapazität durch. Extrem viel Input. Visuell und auch geschichtliche Hintergrundinformationen. Ich habe leider lang nicht alles gesehen, was ich gerne gesehen hätte. Einfach riesig der Louvre und durchrennen bringt schließlich auch nichts. Also wird es definitiv einen weiteren Besuch von mir geben. Es lohnt sich übrigens auch, den Blick im Louvre immer mal wieder nach oben schweifen zu lassen. Gibt jede Menge zu entdecken (siehe Headerbild) :-)

Angetan hat es mir aber vor allem auch die Apollo-Galerie im Denon-Flügel (Saal 66). Ein wunderschönes Eingangstor an dem sämtliche Touristen achtlos vorbei liefen. Ich jedoch stellte mich direkt davor und begutachtete die feinen Details. Der Saal selbst… ein „Woah-Gefühl“ wenn man hinein kommt. Mädchentraum eben. Nicht nur wegen der Kronjuwelen. Überhaupt war das gesamte Erste Stockwerk im Sully- und auch im Richelieu-Flügel sehr sehenswert. Hier habe ich definitiv die meiste Zeit gelassen.
Mit meinen ganzen Eindrücken verließ ich also den Louvre durch die Untergrundpassage. Wieder Menschen ohne Ende. Man…, was ein Gedränge. Mein Hirn ist voll – ich muss nach oben ins Freie, damit die Gedanken wieder fließen können. Noch ein wenig umhergeirrt bis ich den richtigen Ausgang gefunden hatte, um im Tuileries Garden herauszukommen. Ich setzte mich wieder ein wenig an den Brunnen und genoss die Sonnenstrahlen. Hunger. Weiter geht’s in Richtung Montmartre. Zwischendurch noch etwas zu essen organisiert. Am Fuß der Sacré-Cœur direkt wieder an den Film „Fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert fühlen. Das Wetter passt. Die Sonne steht im perfekten Winkel und die Wolken bieten einen guten Kontrast zur Kirche. Fotos machen. Danach geht es dann die Stufen nach oben. Auf circa der Hälfte einer Gruppe junger Koreaner dabei geholfen mit ihren Handys ein paar Gruppenaufnahmen zu machen und dann die letzten Stufen hinauf. Ich kam genau im richtigen Moment oben an. Iya Traoré stieg gerade aus dem Auto. Unglaublich, was ich hier in Paris immer wieder für ein Glück habe. So oft zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.
Gespannt beobachtete ich seine Darbietung. Wirklich gut. Und tolle Venen an den Unterarmen. Gab also genug zu gucken. ;-)
Nach etwa 10 Minuten war das ganze Spektakel dann auch schon wieder vorbei. Die Menge steckte ihm diverse Euros zu. Kein schlechter Verdienst. Ein paar Selfies mit den Leuten und dann… ja dann ein kleines extra Posing für mich. Ha! Schon wieder! Perfekt. Noch ein kurzer Handshake und dann verschwand er auch schon direkt wieder im Auto. So schnell wie er kam, war er wieder weg.
Ich schlendere nun weiter in Richtung Montmartre. Hm. Hab ich irgendwie schöner in Erinnerung. Also weiter. Ich gehe bewusst die Nebengassen entlang und dann die Rue Lepic hinunter. Mir fällt sofort die überall an den Hausfassaden verteilte Streetart auf. Einiges erkannte ich erst auf den zweiten Blick und hab ein paar mal wirklich grinsen müssen. Klasse Sachen dabei. Originell.
Die Sonne wandert weiter unaufhörlich in Richtung Horizont. Ich fahre wieder kurz zum Hotel zurück, mein Ein-Bein-Stativ für die Nachtaufnahmen holen. Dann direkt in den angrenzenden Boulevard de Magenta. Hier gibt es etliche Restaurants, Bars und Imbisse. Die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Vietnamesisch modern interpretiert. Sehr lecker.
Mich packt spontan die Lust nun noch einmal an die Seine zu fahren. Kurz in die Metro gehüpft und zack – da bin ich. Ich gehe direkt runter zum Ufer und suche mir ein nettes Plätzchen im Mondschein. Den Tag Revue passieren lassen und entspannen. Hat was romantisches. Aber da sitze ich nun. Allein. Lang lasse ich diesem Gedanken aber nicht die Möglichkeit sich festzusetzen. Der Abend ist zu schön dafür. Den Moment genießen und entspannen. Ich stelle fest, dass ich den ganzen Tag nicht eine Zigarette geraucht hatte. Sehr schön. Doch Feinstaub und Abgasen sei Dank, fühlte sich meine Lunge keineswegs besser an… ;-)

Als Abschluss des Tages kann man nur noch ein paar Tipps geben…
Versucht erst gar nicht an großen Kreuzungen bei Rot an einer Ampel stehen zu bleiben. Wenn gerade kein Auto kommt, wird quasi von hinten geschoben und man muss laufen oder eben sehr stabil stehen.
Aber auch wenn die Ampel grün zeigt oder ihr an einem Zebrastreifen überqueren wollt, trotzdem unbedingt auf den Verkehr achten, ob letztenendes wirklich gehalten wird. Ist lebensgefährlich bei der Fahrweise einiger Franzosen. Den Tag über hatte ich einige beinahe-Crashs beobachtet. Erklärt natürlich auch die vielen Sirenen, die man Tag wie Nacht immer wieder hört.
Ein weiterer Pluspunkt… in der Stadt verteilt findet man hin und wieder offenes w-lan. Praktisch.
Wenn eines an der Stadt für Autisten anstrengend ist, dann ist es die Lautstärke. Aber gut. Es ist Paris. Da kann man auch fast nichts anderes erwarten. Mittendrin. Pulsierendes Leben. Schmelztiegel der Kulturen und auch der Gerüche… ;-)

Weiter mit Teil IV
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Prosopagnosie

…oder: Ich hab dich gar nicht (gleich) erkannt.

Prosopagnosie wird umgangssprachlich auch als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.
Den Begriff „Gesichtsblindheit“ finde ich unglücklich gewählt, denn ich sehe sehr wohl Gesichter. Ich sehe sie sogar extrem im Detail. Vermutlich nehme ich sie in kurzer Zeit sogar wesentlich detailraicher als ’normale‘ Menschen wahr – doch ich kann sie einfach nicht als Ganzes abspeichern. Vielleicht liegt es an der Masse der Informationen, die Prosopagnostiker wahrnehmen. So richtig erforscht sind die Gründe allerdings noch nicht.

Es kam mitunter schon vor, dass plötzlich inmitten eines Gespräches sich das Gesicht für mich veränderte. Ein direktes Delete + Reboot der Information, die doch eigentlich noch immer die Gleiche ist. Ich nehme dann auf einmal ganz andere Details wahr, die mich dann denken lassen: „Denjenigen habe ich eben noch ganz anders ‚gesehen‘.“
Manchmal finde ich diesen Vorgang, wenn ich ihn mitbekomme (ist nicht immer der Fall in einem direkten Gespräch), sehr interessant. Es zeigt doch deutlich, dass das Gehirn auf einmal andere Dinge verarbeitet – neu versucht zu interpretieren, um diese ’sicher‘ abzuspeichern.
Ich habe also Probleme, Gesichter als Ganzes wiederzuerkennen, doch ich kann mich sehr wohl an Details erinnern. Kleine Haut-Male, Narben, eine kleine Stelle mit einzelnen grauen Härchen im Haar oder Eigenheiten in der Iris zum Beispiel.

Es sind die anderen Dinge, an denen ich Menschen (wieder-)erkenne. Stimme, Frisur, Details im Gesicht oder den Händen – diese verändern sich nur sehr selten und sind daher relativ ’sicher‘ zu identifizieren für mich.
Aber es gibt auch Vorteile in dieser ganzen Sache…
Ich nehme kleinste Veränderungen im Gesicht meiner Tochter sofort wahr. So wie vielleicht die Großeltern sagen, wenn man nach einer Weile wieder zu Besuch ist: „Du hast dich aber verändert und/oder bist aber groß geworden.“ – Ich habe das jeden Tag. Wenn ich mich selbst im Spiegel betrachte, ist es ebenfalls so. Ich finde das wundervoll und empfinde es in der Hinsicht eher als Geschenk, denn als Ärgernis.
Um hier eines gleich richtig zu stellen… Natürlich erkenne ich meine Tochter. Ich würde sie auch in einer Gruppe ähnlich aussehender Kinder wiedererkennen. Es sind die vielen vielen Details, die ich mit ihr verbinde und die auch einzigartig sind. Ich laufe schließlich nicht blind durch die Welt. Ich erinnere und erkenne eben nur anders, als andere Menschen.

Woher ich weiß, dass ich Prosopagnosie habe? Das wurde bei mir im Rahmen der Autismus-Diagnostik festgestellt. Vorher wusste ich schlichtweg nicht, dass ich das habe. Ich hatte mir unbewusst Strategien wie oben schon erwähnt, angeeignet. Doch auch das schützt nicht davor, dass ich an manchen Menschen unabsichtlich vorbei laufe und dann leider als arrogant und der gleichen gelte, was mir absolut nicht gerecht wird.
Mittlerweile grüße ich fast jeden. Und meistens grüßt man auch zurück. Auch wenn ich keinerlei Ahnung habe, wer das eigentlich ist. Manchmal werde aber auch ich zuerst gegrüßt… hier das gleiche Spiel… freundlich zurück Grüßen und lächeln. Wenn ich nicht angesprochen werde, einfach weitergehen und abhaken. Seitdem ich nicht mehr so viel grübele, wer das gewesen sein könnte, lebt es sich deutlich entspannter.
Ob die Prosopagnosie bei mir kongenital (angeboren) oder später durch den schweren Unfall in meiner Kindheit (mit heftiger Kopfverletzung) entstanden ist, kann man Rückblickend nicht sagen. Prosopagnosie tritt allerdings auch häufig als Komorbidität bei Autismus auf.
Für mich macht das alles keinen Unterschied, was nun die eigentliche Ursache ist. Ich habe mich damit arrangiert. Meistens klappt es ganz gut. Manchmal entstanden dadurch witzige Geschichten, weil ich mit jemandem redete, aber in dem Moment absolut nicht wusste, wer diese Person tatsächlich ist und sich dann erst im Nachhinein herausgestellt hatte, wer das eigentlich war.

Heute gehe ich offen mit dem Thema um und frage gleich erneut nach dem Namen (und/oder der Funktion), wenn ich tatsächlich keine Zuordnung herstellen kann.
Bisher habe ich damit gute Erfahrungen gemacht und kann so gleich andere Menschen für dieses Thema sensibilisieren.

Ein Film der das Thema Prosopagnosie aufgreift ist „Faces in the Crowd“ mit Milla Jovovich. Kann ihn empfehlen. Auch wenn er für Prosopagnostiker wirklich tricky ist. ;-)

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