Autismus – Was bedeutet das?

Zuallererst… vergesst Rain Man und all die dazugehörigen Klischees. Bitte. Das Vorbild zu dieser Filmfigur war Kim Peek. Er war Savant – kein Autist. Realitaetsfilter hat das hier zusammengefasst.

Das Internet ist überflutet von defizitären Beschreibungen und Erklärungen, die leider sehr schnell ein recht negatives Bild zeichnen. Die Diagnose Autismus ist aber bei weitem keine Katastrophe. „It’s a feature – not a bug.“

Autismus bedeutet im Grunde nichts anderes als dass das Gehirn anders verdrahtet ist. Mit einem anderen Betriebssystem läuft, als es Neurotypische Menschen besitzen. Die Wahrnehmung ist eine andere – viel intensiver.
Der Filter in unserem Betriebssystem, der dafür zuständig ist Reize von Außen (visuell, auditiv und auch taktil) in kleinere Teile zu zerlegen oder gar ganz auszublenden, funktioniert anders und lässt all die Informationen fast ungefiltert und gleichzeitig durch. Es kommen also alle Reize in gleicher Intensität an.
Musik die von irgendwo aus Lautsprechern kommt, Gespräche der Menschen um dich herum, das Gespräch das du vielleicht gerade selbst mit jemandem führst, die Kleidung auf der Haut, Flackern irgendwelcher Lampen, Straßenlärm, Vogelzwitschern, das Surren irgendwelche Apparate, Gerüche und noch viele Reize mehr… Nichts wird vom Gehirn ausgeblendet. Eben ganz anders als bei einem Neurotypischen Menschen.
Dass das sehr schnell in einen Overload führen kann, sollte jedem klar sein. Deswegen ist es um so wichtiger sich selbst und seine Grenzen kennenzulernen. Erst dann kann man daran arbeiten, diese in die ein oder andere Richtung zu verschieben.
Um dieser Flut an Informationen irgendwie Herr zu werden, greifen Autisten daher auf (ihre) Routinen zurück. Sie machen das Leben deutlich angenehmer und geben Sicherheit. Ein Anker, wenn es doch einmal ein zu viel an Reizen war.

>Hier< gebe ich einen Einblick, wie ich die unterschiedlichen Reize wahrnehme.

Die Hauptschwierigkeiten liegen in der Art der Kommunikation. Autisten lieben sachliche und direkte Kommunikation, wohingegen Neurotypische Menschen manche Aussagen eher versteckt in ihre Sätze packen oder sogar nur über die Körpersprache transportieren. All diese subtilen Kleinigkeiten zu bemerken, verlangt vom Autisten ziemlich viel Arbeit ab und zehrt unnötig an den Ressourcen. Dann liebe klare Ansagen.
Smalltalk ist auch heute noch ziemliche Arbeit für mich. Keine entspannte Plauderei nebenbei. Wenn es irgendwann um’s Wetter geht oder längere Pausen gibt, dann weiß ich, dass ich den Smalltalk versemmelt habe. Deswegen bin ich immer bemüht, das Gespräch auf irgendein bestimmtes Thema zu lenken. Auf ‚echte‘ Informationen, bei denen kein Interpretieren mehr nötig ist.

Die professionell und klinisch gestellte Diagnose bedeutet keinesfalls, dass das Leben nicht mehr lebenswert wäre oder man all seine Hoffnungen und Träume über Bord werfen muss (RW). Im Gegenteil, sie bietet eine Chance wieder mehr zu sich selbst zu finden. Ganz besonders, wenn die Diagnose erst im Erwachsenenalter gestellt wurde. (Ich erhielt meine erst im Alter von 28 Jahren.)
Nicht selten ist es so, dass man jahrelang negativ von außen beeinflusst wurde, man solle sich doch einfach mal „zusammenreißen“ oder nicht so anstellen.

Was hilfreich ist, ist dass man sich nach der Diagnose – wenn irgendwie machbar – mit anderen erwachsenen Autisten austauscht. Es gibt viele gute (autobiografische) Bücher und auch Blogs oder man sucht in den sozialen Netzwerken in den Gruppen.
Sie können wertvolle Einblicke in das Leben mit Autismus geben. Tipps für Strategien teilen, um dieses oder jenes zu bewältigen.
Ebenfalls wichtig finde ich, dass man sich nichts vormacht. Ja – die Diagnose ist niederschmetternd im ersten Moment. Doch sie ist keine Tragödie. Wichtig ist die Aufarbeitung des bisherigen Lebens, dass sich auf einmal in einem ganz anderen Licht darstellt. Eine Art Trauerbewältigung. Das Leben wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Und das ist auch gut so!
Auch die Aufklärung des direkten Umfeldes, mit dem man täglichen Kontakt hat ist bedeutend. Das Leben ist schwer genug mit Autismus, man möchte wenigstens ‚privat‘ ohne Vorurteile und Stigmata leben können. Ein positives und unterstützendes Umfeld sind gute Vorraussetzungen für ein zufriedenes Leben.
Aber auch wer diese Vorraussetzungen vielleicht nicht hat… ich habe es auch geschafft. Allein. Es hat vielleicht etwas länger gedauert, aber ich bin nun dreieinhalb Jahre nach der Diagnose endlich an dem Punkt angelangt, an dem ich mich nicht mehr für andere verbiege. Ich folge meinem Gefühl. Habe mich, meine Talente und Fähigkeiten – sowie meine Schwächen akzeptiert. Ich versuche immer wieder an meinen Grenzen zu arbeiten. Sie jedes Mal etwas weiter zu setzen. Manchmal klappt es. Manchmal nicht. Nur versuchen sollte man es selbst wenigstens. Es gibt meiner Meinung nach nichts schlimmeres als sich auf einem „Das kann ich doch eh nicht…“ auszuruhen oder es sich gar von Anderen einreden zu lassen. „Autisten können nicht…“ „Mein Kind wird nie…“ etc. Woher will man es wissen, wenn man es nicht versucht hat? Vielleicht auch ein zweites oder drittes Mal, wenn man aus den zuvor gemachten Fehlern gelernt hat?

Denn was man kann und was nicht, dass entscheidet man auch als Autist noch immer selbst!

3 Filme, die ich zum Thema Autismus empfehlen kann (weil selbst gesehen):
* Snow Cake (mit Alan Rickman, Sigourney Weaver und Carrie-Anne Moss)
* Mary & Max (Animationsfilm)
* Ben X (kann allerdings stark triggern – Mobbing)

Hier ist noch ein sehr guter TEDx Vortrag von Chris Varney:


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