Paris – II

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(Noch einmal zur Erinnerung: kursiv = Gedankengänge; ich habe viel im Tagebuch festgehalten)

Da gingen wir also nun unserer Wege. Das erste Mal am Gare de l’Est – erinnert mich stark an den Frankfurter Hauptbahnhof. Na dann mal ab durch die Mitte.
Die Menschen aus dem Zug strömten in alle Richtungen. Ich ging nur geradeaus. Schon fast symbolisch. Vorwärts. Schritt für Schritt. Gespannt was mich erwartet.
Bahnhofsvorplatz. Die Sonne blendet. Ich atme tief durch. Genieße den Augenblick. Schiebe die Sonnenbrille vom Kopf zur Nase hinunter. Hier bin ich.
Paris. Mon amour.
Da bin ich hier und nun? Unterkunft… falls das heute nicht klappt, ich hab schon anderes durch. Eine Nacht schlag ich mir notfalls auch so um die Ohren, wäre nicht das erste Mal. Also los jetzt!
Weiter geradeaus über die Kreuzung. Das erste Café. Noch eines. Dann ein Hotel. Auf den Aushang gucken. Nein. Nicht wirklich mein Budget mit 240,-€ die Nacht. Weiter. Eine schöne Kirche. Église Saint-Laurent. Ich bleibe stehen. Wunderschöner Gotik-Stil. In Ruhe ansehen. Und weiter. Das nächste Hotel. Ok. Sieht schon von außen verdammt teuer aus. Ich wage trotzdem einen Blick. Nein. Da bleibe ich einen Moment stehen. Als wenn die Information jetzt erst ankommt. Ich gehe nochmal wenige Schritte zurück und blicke in die kleine unscheinbare Seitengasse. Ein Schild: Hotel Sibour.
Unscheinbar, aber direkt neben der Kirche. Ziemlich mittig der kleinen Gasse der Eingang. Wirkt ja eigentlich nicht gerade toll. Erstmal eine rauchen. Ich schaue auf den Aushang und glaube meinen Augen kaum. 80 – 90,-€ das DZ mit Dusche und TV. 40,- hingegen das Einzelzimmer ohne alles. Klo/Dusche auf dem Gang. Wie im Ferienlager damals. Why not. Hostel wäre auch nicht besser, dafür zusätzlich mit Großraumzimmer. Ich wollte es so. Wird schon nicht so siffig sein. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe hinein. „Bonjour“ und gebrochenes französisch meinerseits. Der freundlich wirkende Herr an der Rezeption schwenkt um auf english. Ich erkläre ihm, dass ich das Einzelzimmer ohne alles möchte. Etwas ungläubig schaut mich der Herr an. Ich frage noch einmal nach der Zimmerausstattung. Bin hin- und her gerissen. Ich nehme es. Will ich das wirklich? Budget gibt auch knapp das Doppelzimmer her, dann spare ich eben woanders. Nach etwas erklären und fragen nehme ich dann doch das Doppelzimmer. Ein wenig verhandeln. Ha! 70,- bietet mir der Herr an. Das ist ungefähr das, was ich auch bei AirBnB gezahlt hätte. Ich buche 2 Nächte, die Dritte Nacht… mal schauen, wo ich bin. Ich bekomme Zimmerschlüssel und Fernbedienung überreicht. Fernbedienung? Ok. Geht gut los. Ich muss ein wenig grinsen und gehe links und dann wieder rechts zum Aufzug. Klein. Passt mit dem Rucksack auf dem Rücken gerade so. So langsam wie der Aufzug fährt und Geräusche von sich gibt, bin ich erleichtert, als die Tür wieder auf geht. Heil im 3. Stockwerk angekommen.
Ich gehe nach rechts. Komme am Treppenhaus vorbei. Überall dunkler Teppich. Passend zum dunklen Gang. Mir schießen Bilder von schlechten Horrorfilmen in halbdunklen Hotels ins Bewusstsein. Da ist es. Mein Zimmer auf der linken Seite. Ich schließe auf. Erwarte schlimmes.
Und bin erschrocken. Das hab ich nicht erwartet. Großes Doppelbett, Blümchentapete, ein toller alter Kleiderschrank. Hell.
Fenster auf. Ausblick. Fantastisch. Ein toller Blick auf die Kirche. Ich setze meinen schweren Rucksack und die Tasche mit meiner Kamera ab. Probeliegen. Bequem. Freude. Ein paar kleine Tränen laufen mir über die Wange. Geschafft. All die Angst. Unbegründet. Alles wird gut. Nun ein Blick ins Bad. Oha. Eng.
Trocken-Probesitzen. Wenn ich die Tür nicht zumache ist es gar nicht so wild. Platzangst hab ich eigentlich keine, aber Tür zu, ist mir dann doch zu eng. Zimmer hab ich eh für mich allein – so what. Linken Fuß ins Zimmer ausstrecken. Meine rechte Schulter leicht unters Waschbecken schieben, Kinn mit Würde darüber. Geht schon. Zum Glück bin ich nicht mehr ganz so dick wie früher. Ich muss laut lachen. Bilder in meinem Kopf, wie ich eingeklemmt im Bad hänge und um Hilfe zappele. Ja. Alles machbar hier. Bin zufrieden. Ich schaue mich in dem Mini-Bad von meinem ‚Thron‘ aus um. Riecht etwas nach Chlor. Ok. Es ist alles sauber. Duschtür aufgeschoben. Ist aber auch nicht sehr groß der Spalt, durchquetschen. Wird schon passen heute Abend. Mein Blick wandert weiter. Kein Schimmel. Keine Flecken, kein Ungeziefer, keine Spinnweben. Ein heller freundlicher Gelbton an der Wand. 1 Rolle Klopapier. 2 Handtücher. 1 eingepacktes Glas unter dem Spiegel auf der Ablage.
Nun weiter. Tasche etwas erleichtern. Kamera checken. Endlich etwas essen. Bifi-Roll – trocken, aber hilft für’s Erste. Nun runter zur Rezeption. Dort bekomme ich einen kostenlosen Stadtplan und noch den Hinweis, wann die Tür geschlossen ist und ich dann klingeln muss, um wieder hinein zu kommen. Alles klaro. Voller Elan raus aus der Tür und ab nach rechts, wieder zur Hauptstraße, als ich mich vorhin entschied, zurück zu gehen.
Ich laufe die Straße entlang. Sauge alle Eindrücke auf. Wissend, dass ich an der Seine wieder raus kommen werde. Schick hier. Ich überquere die nächste Kreuzung und laufe weiter. Und weiter…
Irgendwas ist anders. Vor lauter Eindrücken so ausgereizt in der Verarbeitung… Wo bin ich hier? Hier bin ich doch falsch. Alles anders. Anders als erwartet. Wo sind die Leute von vorhin hin, die auch in diese Richtung liefen? Die anderen Touristen? Hallo? Ich bleibe stehen und sehe mich in Ruhe um.
Tatsächlich bin ich mit überqueren der letzten Straße im Afrikaner-Viertel gelandet. Keinerlei Weiße mehr zu sehen. Ich gebe zu, dass ich etwas erschrocken war. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich gehe weiter. Viele junge Männer die in Gruppen vor den Geschäften stehen. Viele Friseur-Salons. Hübsche Frauen kommen und gehen. Die jungen Männer öffnen die Türen. Hat etwas Türsteher-Charakter. Prollig. Goldketten. Muskulös, Sonnenbrille. Handy. Vor fast jedem Geschäft. Eine andere Welt. Boulevard de Strasbourg.
Ich bemerke, dass ich ziemlich angestarrt werde. Scheinen nicht viele weiße junge Frauen sonst allein hier entlang zu laufen. Je weiter ich gehe, desto mehr Männer-Grüppchen stehen auf dem Weg und beobachten mich schon von weitem. Ich lasse mich nicht beirren und laufe weiter. So unvorhergesehen; ich kann die Architektur um mich herum gerade nicht genießen. Unerwarteter Kulturschock. Vielleicht trifft es das.
Ich habe Hunger. An der nächsten Kreuzung biege ich rechts ab. Dann wieder links. Viele kleine Geschäfte. (Rue Saint-Denis)
Immer weiter Richtung Süden. Links der Tour Saint-Jaques. Da ist sie. Die Seine.
Ich entschließe mich dazu, am Quai bis zur Pont des Arts zu schlendern. Vorbei an diversen Malern und der Pont Neuf. An der Pont Neuf helfe ich noch einem Pärchen ein schönes Foto von sich zu bekommen, genieße den Blick und laufe weiter. Rechts der Louvre. Links die Weltberühmten Schlösser. Leider nicht mehr an der Brücke selbst, da diese unter dem Gewicht gelitten hatte und vor kurzem demontiert wurden. Am Quai ließ man aber noch einige wenige Geländer stehen und war somit für viele Pärchen Anziehungspunkt Nr. 1.
Ich machte noch ein paar Fotos, vorbei an einer Polizeistreife auf Inline-Skates, die gerade jemanden überprüften. Ich gehe bis zur Mitte der Brücke und entscheide mich dann doch spontan in Richtung Louvre zu gehen. Ich gehe in Richtung Garten, setze mich auf einen der vielen Sonnenstühle am Brunnen, und genieße den Moment. Ich beobachte Möwen, Touristen, Einheimische, offensichtliche Models, Künstler, Fotografen, Tierliebhaber – alles dabei. Ein wundervoller Ort zum entspannen. Das Wasser plätschert. Ein leichter Wind und die Sonne, die die Wolken hin und wieder etwas dramatisch wirken lässt.
Eine gute Stunde verbrachte ich hier, bis ich mich wieder auf den Weg machte. Ticket besorgen.
Ab in Richtung Pyramide. Ein kurzes Louvre-Selfie von und mit mir (wenn ich schon hier bin ;-) ) und übereifrige Damen dabei beobachten, wie sie gute 10 Minuten lang versuchen, die perfekte Selfie-Pose zu finden. Vor der Pyramide selbst an einem Absperrgitter sitzen 4 Kunststudentinnen, die den Louvre sehr gut zu Papier gebracht haben. Tolle Zeichnungen.
Weiter. Eingang suchen. Carrousel du Louvre. Irgendwo hier muss doch der Eingang sein. Jetzt laufe ich schon im Kreis. Toll. Ich bin genervt. Ich entschließe mich dazu, die Suche abzubrechen und auf Risiko zu gehen. Ticket dann eben morgen früh mit Anstehen an der Pyramide. Das kann ja heiter werden.
Ich gehe wieder durch die Tuileries Garden. Der Blumenduft ist sehr eindringlich. Riecht gut. Meine Laune hebt sich wieder. Vorbei an Statuen. Hier und da noch ein Foto und weiter zum Place de la Concorde. Der Obelisk mit der Goldenen Spitze. Eindrucksvoll. Vor über 10 Jahren, als ich das letzte Mal an dieser Stelle stand, hat mich das alles nicht so sehr beeindruckt, obgleich damals der Grundstein für meine Liebe zu Paris gelegt wurde. Ich drehe eine Runde um den Obelisken und gehe dann zum südlichen Springbrunnen, um ein paar Aufnahmen zu machen. Gerade angekommen sehe ich einen Mann. Was zum Kuckuck macht der da? Rucksack liegt am Rand, er im Wasser watend. Was sucht er? Na hauptsache er wäscht sich nicht noch. Der Mann dreht seine Runden im Brunnen, ich versuche einen halbwegs ordentlichen Blickwinkel mit der Kamera festzuhalten. Just in diesem Moment bemerke ich die Überwachungskameras und dass das Wasser weniger wird. Schnell noch ein paar Fotos, jetzt spritzt es nicht so. Der Mann dreht weiter seine Runden und ich höre Sirenen, die immer näher kommen. Ich muss grinsen… Ich habe es gewusst. Warum eigentlich immer ich? Ich überlege noch kurz mich zu entfernen, aber denke mir nur, dass das dann womöglich erst recht verdächtig wirkt. 3 Polizeiwagen halten, einer an jeder Seite um uns herum. 5 Beamte steigen aus. Hand an der Waffe. Walkie-Talkie-Sprachfetzen. 2 sitzen noch im Auto. Ich werde gebeten mich auszuweisen, obwohl ich signalisierte nicht zu dem Herrn zu gehören. Ich zeigte meine letzten Aufnahmen, während meine Personalien von einem Polizisten im Auto via Funk überprüft wurden. Fehlt jetzt noch, dass ich womöglich noch mit auf’s Revier soll, um eine Aussage zu machen. Aber alles gut. Sie glaubten mir, ich bekam meinen Ausweis wieder, wurde höflich verabschiedet und durfte gehen. Bei dem Herren aus dem Brunnen dauerte es länger. Ich glaube sie haben ihn mitgenommen. Bin mir aber nicht sicher, so genau habe ich nicht mehr drauf geachtet. Zu viel in diesem Moment. Ich gehe über die Straße zum Park. Setze mich auf eine Bank und zünde mir auf den Schrecken eine Zigarette an.

weiter mit Teil III

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Louvre. Selfie.
Louvre – Selfie
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster

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Paris – I

Paris. Eine Reise und wie ich mich vielen Herausforderungen stellte.
24.09.2015 – 27.09.2015

Das Kursiv geschriebene sind meine Gedanken. Real und ungefiltert.

Doch von vorn.
Montag der 21.9.2015, Nutella hatte gerade zu seinen Gläsern die Aktion, dass es eine 1-Monatige Bahncard 25 Gratis dazu gab. Ok. Gekauft.
Paris hatte ich im Hinterkopf. 2001 war eh schon viel zu lange her. Also Paris. Ich mache das!
Am Abend dann etwas im Web gesurft, ob das denn passen wird wettertechnisch. Sieht gut aus.
Dienstag 22.09.2015. Auf in die Stadt zum DB-Schalter. 20 Minuten Wartezeit. Keine Sitzgelegenheit. Dann war ich dran. Die Dame war sehr nett, kam ebenfalls gebürtig aus dem Osten, wie sich herausstellte. Diesen Nutella-Gutschein hingegeben. Bahncard-Ausdruck bekommen. Hatte ohne Probleme geklappt. „Wo soll es denn hingehen?“ – „Nach Paris bitte. Übermorgen. Ab hier. Rückfahrt am Sonntag.“ Wildes tippen im Computer. Basel – Paris Verbindungen… 3 Stunden. Dann der Einwurf der Dame: „über Karlsruhe wird es aber um einiges günstiger, weil das dann direkt über DB läuft.“ Hm. 3 Stunden länger. Egal. Ich mag Zug fahren. Ich muss sowieso sparen. „Ok. Machen wir.“ sagte ich. Tickets wurden gebucht und ausgedruckt. Europa-Spezial Frankreich. Hin- und Rückfahrt für 156,-€. Kann man wirklich nicht meckern.
Zufrieden ging ich aus dem DB-Büro. Doch mir war etwas flau im Magen. Scheisse. Und wo schlaf ich eigentlich?
Dienstag Mittag… und Donnerstag früh bei Zeiten sollte es losgehen. Also günstige Hostels recherchiert. AirBnB nachgeguckt. Ist auch noch was frei. Aber hab ich dieses Mal keine Nerven für. Die Liste mit den Hostels nehm ich sicherheitshalber aber mit. Sicher ist sicher. Abenteuer! Oder einfach nur gewagt und dumm? – Nix da, ich schaffe das!
Auf nach Paris ohne gebuchte Unterkunft!
Mittwoch… Geschlafen hatte ich die Nacht nicht so dolle. Ob das wirklich gut geht? Ich lasse es drauf ankommen. Noch etwas Recherche, was günstiger kommen wird… Tageskarten oder das Carnet. Vermutlich das Carnet. Öffnungszeiten googeln. Ich will endlich mal in den Louvre. Wo Tickets kaufen. Gefunden. Stadtplan auf google Maps anschauen. Grober Überblick. Wo will ich hin… Ganz schön viel. Könnte etwas stressig werden. Aber ich lasse mich treiben. Die Stadt wird mir den Weg zeigen. Meinem Gefühl folgen.
Trekkingrucksack packen. Schlafsack. Paar Klamotten. Wörterbuch. Kamera. Alle möglichen Ladekabel. Buch. Taschenlampe. Taschenmesser. Getränk und BifiRoll. Wechselschuhe.
Rucksack testweise aufsetzen. Kippt etwas nach links. Also alles nochmal neu packen. Jetzt ist es besser.
Schlafen. Vor lauter Aufregung sind es nur 3 Stunden geworden.

24.09.2015
Mit der Regionalbahn ging es bei Zeiten nach BaselBad. Warten auf den ICE. Verwirrung auf dem Bahnsteig. Wagenplan studieren. Abfahrtszeiten vergleichen. Der ICE der gleich einrollt ist es nicht. Doof gemacht.
Ich sehe viele verwirrte Gesichter. Jung wie alt. Mann wie Frau. Der ICE fährt ein. Doch das ist nicht meiner. Ist das wirklich nicht meiner? Ruhig bleiben, ich hab 3x auf den Plan geguckt – Wagennummern sind auch nicht identisch. Die Anzeigetafel scheint sich nicht entscheiden zu können, welchen ICE sie anzeigen soll. 100%-ig sicher bin ich mir auch nicht, dass das wirklich der falsche ICE ist. Restrisiko 5%.
Ein junger Mann will gerade hastig einsteigen, dreht sich zu mir um und fragt „Karlsruhe?“ Ich schüttele den Kopf. In diesem Moment springt die Anzeige wieder um. Jetzt ist mein ICE ausgewiesen. Abfahrt in 1 Minute. Es kommen Menschen angerannt und hechten in den Zug. Die Türen schließen sich. Eine Frau will wieder aussteigen. Doch da rollt er schon los.
Der Bahnsteig ist fast komplett leer. Der junge Mann lächelt mir noch einmal erleichtert zu, dass er nicht zu denen gehört, die falsch eingestiegen sind. Ich lächele zurück.
Das war dann wohl meine gute Tat für heute.
Warten. Und warten. Minuten werden zu einer gefühlten Ewigkeit.
Das ist doch jetzt nicht wahr. Verspätung. Ich hab doch nur 15 Minuten Umsteigezeit zum TGV in Karlsruhe. Fuck. Auf den Füßen vor und zurück wippen. Eine Durchsage. Triebwagenprobleme. Verzögerung ca. 20 Minuten. Wie soll ich das denn schaffen? Ich bin den Tränen nahe. Soll es das jetzt gewesen sein? Ich bin doch noch gar nicht weit gekommen. Paris in weiter Ferne. 15 Minuten nach Planmäßiger Abfahrtszeit rollt der ICE ein. Geänderte Wagenreihung. Egal. Er ist da. Ich bin erleichtert und für den ICE bis Karlsruhe hab ich sowieso keine Sitzplatzreservierung. Platz am Fenster bekommen. Die Begrüßung tönt durch die Lautsprecher. Der Lokführer will versuchen etwas Zeit aufzuholen. Ich bin wieder etwas zuversichtlicher. Keine weiteren Besonderheiten auf der Fahrt. Toller Sonnenaufgang. Er hat tatsächlich Zeit gut gemacht. Karlsruhe HBF. Hässlich wie eh und jeh. Dafür nun wieder mit 7 Minuten Umsteigezeit. Easy.
Da steht er ja schon. Der TGV. Meine Sitzplatzreservierung rauskramen. Wagen 18. Der ganz vorn. Das erste mal TGV. Da bin ich also mit meinem sperrigen Rucksack direkt ins Abteil. Mein Platz. Da sitzt bzw. schläft eine junge Frau. Was macht sie da? Hab ich mich im Wagen geirrt? Ich gehe noch einmal zurück, um mich zu vergewissern. Den Stau den ich im Abteil fabriziert hatte, erstmal vorbei lassen. Ich bin richtig. Ich zücke also mein Ticket, nehme allen Mut zusammen und versuche die Frau freundlich aber bestimmt zu wecken. Französisch spricht sie. Mit deuten auf mein Ticket und einem „Voiture 18“ darauf hinweisen, wo wir hier sind. Sie holt ihr Ticket hervor. Aha. Falscher Wagen. Sie muss in die 16. Der TGV rollt los. Ziemlich wackelig und ständig geht diese doofe Tür zu. (Mein Sitzplatz war direkt am Fenster, Abteileingang oben rechts) Hat mich 1x eigeklemmt mit meinem Rucksack. Absetzen und noch irgendwie mit in die überfüllte Gepäckablage vor dem Abteil stopfen. Kann zumindest nicht herunterfallen.
Endlich. Ich sitze. Tiefes durchatmen.
Der Herr neben mir bemerkt meine Erleichterung. Ein kurzes Hallo und guten Morgen. Die erste Zeit schaue ich interessiert aus dem Fenster. Ich bin zufrieden. Ich liebe das, wenn die Welt so vorbei zieht.
Der Herr neben mir kramt sein Frühstück hervor. Man hab ich hunger. War das nervenaufreibend bisher. Mein Essen und Trinken sind im Rucksack. Haha. Nein. Ganz toll gemacht. Aufstehen will ich jetzt aber nicht. Ich will ihn nicht beim frühstücken stören. Mhh… riecht sein Brot lecker. Doch aufstehen? Ich blieb sitzen.
Eine schöne Landschaft da draußen. Gefällt mir. Unterwegs in Richtung Strasbourg.
Nach seinem Frühstück holt er seinen Laptop aus seiner Tasche und schaltet ihn ein. Ok. Sehr gut. Hab ich Glück, wenn er arbeiten will. Ich schaue weiter aus dem Fenster. Höre tippen von nebenan.
Dann spricht er mich an. „Sind sie beruflich unterwegs?“ Warum tust du das? Du hast deinen Laptop gerade aufgeklappt. Willst du nicht lieber arbeiten? Warum? Warum sprechen mich nur immer alle an?? Ja ich weiß… das sympathische Mädel von nebenan. Oder ist es doch meine autistische Distanziertheit, die wie ein Mysterium – auf vorwiegend Männer, zumeist mindestens 10 Jahre älter – wirkt?
„Nicht direkt. Ich möchte Fotos machen.“ Nein, warum tue ich das? Warum kann ich nicht einfach lügen? Es geht nicht. Jetzt hab ich sein Interesse geweckt. Toll. Smalltalk in 3..2..1…
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste… ich sollte mich bis Paris mit ihm unterhalten. Ein Smalltalk-Profi, wie sich schnell herausstellte. Ich nehme die Herausforderung an, vielleicht kann ich was lernen. Einfach Augen zu und durch.
Ich erfuhr also, was er beruflich machte. Warum er heute nach Paris fährt. Ich erfuhr interessante Sachen, langweiliges oder aber auch wissenswertes. Ich weiß nun, wie man die günstigsten Flüge nach Denver bekommt.
Ein Vorort. Der TGV hält recht abrupt. Ziemliche Bremsung. Mein Abteil, also das Erste… genau auf einer Brücke. Unruhe im Zug. Scheint nicht geplant zu sein. *Pschhhffschhh…* Klingt, als wenn der Zug ausgemacht wurde. Lichter gehen auch aus. Ich gucke nach unten. Geht sehr tief runter. Mein Hirn rattert und spielt alle möglichen nun kommen könnenden Situationen durch. Mein rechter Mittelfinger flattert gegen die Handinnenfläche. Ich ziehe meinen Ärmel vom Pullover etwas mehr hinunter. Ich will nicht, dass der sympathische Herr neben mir das mitbekommt. Dennoch scheint er meinen Stresspegel zu bemerken. Er verwickelt mich wieder in ein Gespräch. Danke. Zusammenreißen und nicht weiter stressen. Anderer Fokus.
*Pfffschhhhtrrrrrr…brummm… krschhhpschhh* Das Licht geht wieder an. Bald schon rollen wir langsam weiter. Bis zur Stadt.
Strasbourg. Sieht toll aus. Wunderschön. Der Dom. Ich staune. Mein Sitznachbar erzählt mir ein wenig über die Stadt.
Hauptbahnhof. Emsiges aus und einsteigen. Ich beobachte eine Frau am Gleis, die noch jemandem hinterher winkt, als wir wieder langsam losrollen. Weiter geht’s.
Jetzt kommen wir auf die Hochgeschwindigkeitstrasse. Sieht ziemlich neu aus. Uuuh… Beschleunigung. Ordentlich. Ein Raunen geht durch’s Abteil. Die Anzeige springt auf die km/h Angaben. 315 km pro Stunde. Ich schaue aus dem Fenster. So schnell. In der Ferne langsam. Spitzenwert waren 322km/h für etwa 2 Minuten.
Schon bald waren die ersten Flugzeuge zu sehen. Wir kamen Paris immer näher. Nun wieder etwas Tippen von links. Kurz durchatmen. Bis ich ihn auf ein tieffliegendes Flugzeug aufmerksam mache. Es sieht so aus, als wenn der Zug immer schön parrallel neben her fährt. 317km/h. Landeanflug auf Charles-de-Gaulle. Der TGV in Richtung Paris Est. Nicht mehr weit. Unruhe im Abteil. Die ersten räumen zusammen. Der Herr und ich bleiben noch gute 5 Minuten entspannt sitzen. Genießen den Ausblick. Nur noch wenige Worte jetzt. Dann machen auch wir uns zurecht und in Richtung unserer Gepäckstücke auf. Im Gang stehen. Ungeduldige Fahrgäste. Ich positioniere mich so, dass ich gut aus einem Fenster sehen kann.
Da ist es. Paris. Ich bin tatsächlich hier.
Der TGV rollt langsam ein. Gleiswechsel. Es schaukelt heftig. Währenddessen haue ich meine rechte Hand an einem Fahrrad an. Das tat weh. Schmerz. Augen schließen. Tief durchatmen. Ich bin hier. Jetzt. Ich akzeptiere die Situation. Gehört mit zu meinem Abenteuer. Der Zug hält. Türen öffnen sich. Wir strömen heraus. Ein Pulk der sich seinen Weg bahnt. Zwischendrin immer wieder glückliches Wiedersehen. Freude anderer Menschen. Noch ein kurzer verabschiedender Blick von dem Mann, der neben mir saß. Unsere Blicke verlieren sich in der Masse. Jeder geht seinen Weg.

weiter mit Teil II

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Die Wolken weinen noch um dich…


Triggerwarnung: Depression, Suizid, Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte…

Hastig sucht sie den Hausschlüssel in ihrer Jackentasche. Ein solches Unwetter gab es schon lange nicht mehr in der Stadt. Gefunden. Mit zittrigen Händen schließt sie die Tür auf, zieht Jacke und Schuhe aus und biegt nach links in ihr Wohnzimmer ab. Dort noch schnell die Unordnung der letzten Tage beseitigen – und ab ins Bad. Der Blick in den Spiegel zeigt eine junge Frau, braunes welliges Haar, mit blau-grüner Augenfarbe und gepflegten Lippen. Sie hält kurz inne, atmet tief ein und wieder aus, streicht mit den Fingern durchs Haar und setzt ihr schönstes Lächeln auf.
„So, da bin ich wieder – entschuldige bitte das Chaos“ sagt sie mit freundlicher Stimme zu dem Mann, der sie seit der Bushaltestelle begleitet hatte. Es war ihr verzweifelter Versuch etwas Nähe zuzulassen. Viel hatte sie ja nicht mehr. Ihre Eltern wollten nichts mehr von ihr wissen. Freunde hatte sie keine. Der Ehemann schon lange weg. Und ein Kind… darüber sprach sie nie wieder. 3 Jahre – auf den Tag genau ist das alles nun her.
Sie bat ihre neue Bekanntschaft mit ins Wohnzimmer, holte 2 Gläser aus dem Schrank und kippte etwas von dem Wein, den sie letzte Woche erst gekauft hatte, hinein. Im Hintergrund läuft eine CD mit 20er Jahre Musik.
Beide unterhalten sich über dieses und jenes, bis sie genug Wein getrunken hatten und den Weg ins Schlafzimmer gar nicht erst antraten. Sie genoss jede Berührung, seinen Atem an ihrem Hals, die rhythmischen Bewegungen. Ein Moment des Glücks.
Doch wie so vieles in ihrem Leben verschwand auch ihre Bekanntschaft schon bald wieder. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. Sie hatte es mit ihrem Outfit doch genau darauf angelegt. Die Reize betonend, aber nicht billig. Elegant. Das war sie. Eine elegante Frau, die sich nach Vertrauen und Nähe sehnte und doch immer wieder nur für kurze Augenblicke das empfand, was sie nach außen spielte.
Sie macht sich einen Schwarztee und gibt 2 große Stückchen Candis-Zucker mit dem Löffel hinzu. Es knistert kurz. Den Moment mochte sie am meisten, wenn sie ihren Tee zubereitete. Es regnet noch immer ziemlich stark und der Wind lässt die Äste des Kastanienbaumes gegen das Fenster klopfen.
Wieder einmal rinnt ihr eine Träne über die Wange.
Sie sitzt noch eine gute halbe Stunde vor dem Fenster, beobachtet die Tropfen, die am Fenster hinunterlaufen und atmet tief ein und wieder aus. Geht zu ihrem Nachtschränkchen im Schlafzimmer, öffnet die Schublade und holt einen handgeschriebenen Brief heraus, den sie in einen roten Umschlag packt. Den Brief legt sie auf ihren Wohnzimmertisch. Zieht sich wieder Schuhe und Jacke an und macht das Licht aus. Hinter ihr klackt die Wohnungstür. Den kalten Gang hinunter zur Haustür. Es regnet noch immer und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden sie. Doch das macht ihr nichts. Heute nicht.
Durchgenässt und mit zerzaustem Haar kommt sie an der Brücke an, die sie doch jeden Tag 2 mal überquert. Sie kennt sie genau. Sie hat alles schon zig mal durchgespielt. Würde denn wenigstens jetzt ihr jemand zuhören? Es fahren noch 3 Autos vorbei, dann ist es wieder dunkel. Als das nächste Auto kommt ist die Brücke menschenleer.
2 Tage später öffnet sich die Wohnungstür erneut.
Es ist die Polizei, die nach Hinweisen sucht und eine Beamtin findet schließlich den roten Briefumschlag.
Sie öffnet und liest ihn. Die Zeilen gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

Allein. Wie ein Regentropfen der mit so vielen anderen gemeinsam am Fenster nach unten läuft. Einige schließen sich zusammen und bilden kleine Straßen, andere wiederum bleiben einzeln zurück.
Ich habe so vieles versucht. Vergessen und vergeben. Um Hilfe gebeten. Doch ich war nur ein Tropfen von vielen. Zu vielen. Unverstanden und unbeachtet. Versuchte allein klar zukommen. Doch irgendwann ist die Kraft zu Ende. – Dieser Tag ist heute.

Es tut mir Leid.

Katharina…