Können Autisten Auto fahren?

Ja natürlich können Autisten das, wenn sie es wollen. Warum auch nicht?
Wie wir ja nun alle gelernt haben, sind Autisten nicht alle gleich und entsprechen nicht immer dem gängigen Klischee. Es ist ein Spektrum und jeder hat so seine eigenen Stärken und Schwächen.
Auch unter Autisten gibt es diejenigen die gern Auto fahren, aber eben auch welche die das aus sonstigen Gründen nicht tun.
Sicher, als Autist hat man einige Herausforderungen mehr zu händeln, als das bei Nicht-Autisten der Fall ist. Aber es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, warum man Autisten vom Auto fahren abraten oder es ihnen nicht zutrauen sollte.

Ich berichte nun einfach mal, wie das bei mir so war bzw. ist.
(Zur Erinnerung: Meine Autismus-Diagnose erhielt ich erst mit 28.)

Ich machte meinen Führerschein mit 18 in einem Ferienkurs. Es war ein Kurs, der über zwei Schulferien verteilt war.
Rückblickend muss ich wirklich sagen, dass das für mich die idealste Lösung war. In den ersten Ferien (es waren Herbstferien) hatten wir jeden Tag 4 Stunden Theorie-Unterricht. Geballtes Wissen und nicht über mehrere Wochen dahergeplätschert. Ich konnte mich allein darauf fokussieren und lernen. Am Ende der Ferien gab es dann die Theoretische Prüfung. Bestanden im ersten Anlauf ohne Fehler. Wer nicht bestanden hätte, hätte zu Beginn der nächsten Ferien dann direkt noch die Chance gehabt, das nachzuholen.
In den darauffolgenden Ferien (Weihnachten/Neujahr) gab es dann jeden Tag 2 Stunden lang Fahrtraining. Ich hatte eine Lehrerin, die sehr resolut war, aber mir auch vieles zutraute und mich ‚erstmal machen ließ‘ ohne von vornherein belehrend zu sein. Erst wenn ich etwas nicht konnte, erklärte sie sachlich und gab hilfreiche Tipps.
Eine der Autobahnfahrten… ich weiß noch dass ich fragte, wo wir hinfahren würden und sie nur sagte: „Fahren Sie einfach.“ Das tat ich dann. Die Fahrlehrerin neben mir machte die ganze Zeit einen ziemlich ruhigen Eindruck. Irgendwann fragte ich mal, ob ich denn mal wieder langsamer fahren solle (es war ein ziemlich langes Stück freigegeben – ich nutzte die Gelegenheit), hier bekam ich auch nur eine knappe Antwort: „Nein, Sie machen das gut so.“ – Ich weiß jetzt nicht ob das üblich ist, dass man als Fahranfänger mit dem Auto (es war ein Audi A1) mit 180 km/h so ‚herumheizen‘ kann, ohne das der Fahrlehrer einen Ton sagt.
Jedenfalls merkte ich damals, dass mir besonders Autobahnfahren sehr viel Spaß macht und auch liegt. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Aber noch einmal kurz zurück zu diesem Ferienkurs…
Auch hier empfand ich es als sehr angenehm, dass wir Teilnehmer jeden Tag Fahrstunden hatten. Ich konnte mich ziemlich schnell auf das Auto einstellen und wir übten diverse Standardprüfungselemente. Gegen Ende der Ferien stand dann auch die praktische Prüfung an. Ich war sehr nervös. Hieß es doch auch, dass der Prüfer des Tages wohl ein besonders strenger sein solle. Aber meine Fahrlehrerin beruhigte mich und sprach mir Mut zu, dass ich alles gut könne, wir alles geübt haben und ich zuversichtlich sein solle. Während der Prüfung kamen wir an einigen schwierigen Kreuzungen vorbei, aber ich bekam alles gut hin. Letztlich bestand ich dann „sehr sicher“, so die Worte des Prüfers.

Ich besitze zwar kein eigenes Auto, aber meine Fahrangebote (zB Partner) wurden immer gern angenommen. Wenn ein Auto ganz neu für mich ist, stürze ich mich nicht gleich in den Stadtverkehr, sondern teste ertsmal kurz auf einem Parkplatz o.ä. an, wie es sich verhält. Beschleunigt, abbremst etc. Da ist ja auch jedes Auto anders und hat immer sein ganz eigenes Feeling. Da brauche ich 2-3 Minuten um mich einzugewöhnen.
Ich halte mich für eine ziemlich gute und sichere Fahrerin. Bisher habe ich auch noch nichts Gegenteiliges gehört. Ich habe schon in einigen wirklich sehr gefährlichen Situationen auf der Autobahn intuitiv richtig reagiert, was den Umgang mit dem Auto angeht und so auch (vermutlich) schlimme Unfälle verhindert. Das ich nach sowas dann dennoch fertig war, das ist denke ich normal. Das würde auch Nicht-Autisten so gehen. Nächsten Parkplatz aufgesucht und erstmal Pause gemacht.
Liegt aber sicher auch mit daran, dass wie oben schon beschrieben, mir Autobahnfahrten wirklich Spaß machen.
Je höher meine Geschwindigkeit, desto konzentrierter bin ich. Wenn es das Auto hergibt, dann fahre ich auch gern mal 200 an entsprechend freigegebenen Stellen. Im Gegensatz zum Stadtverkehr finde ich die Autobahn auch verhältnismäßig reizarm. Kein Gegenverkehr, keine Ampeln, keine unübersichtlichen Kreuzungen, kein Schilderwald, keine Radfahrer oder plötzlich auftauchende Fußgänger etc.
Auf der Autobahn kann ich sehr vorausschauend fahren oder sehe rechtzeitig andere Autos von hinten herannahen. Ich kann auch oft relativ sicher einschätzen, ‚wie‘ jemand fährt. Sehe ich es doch frühzeitig. Also ob wer ausschert und dann erst blinkt (oder auch gar nicht), in meinen Sicherheitsabstand zum Vordermann einfach mal einschert und meine Geschwindigkeit vollkommen falsch einschätzt oder ob wer herumeiert, weil er abgelenkt ist etc. So kann man schon im Vorfeld einige blöde (und unnötige) Situationen verhindern, weil man sich darauf einstellen kann.
Wer selbst viel Autobahn fährt und das hier liest, der weiß, dass auf deutschen Autobahnen gern mal gefahren wird, als hätten einige den Führerschein im Lotto gewonnen (RW).

Während der Autofahrt höre ich gern Musik. Im Endeffekt hilft es mir sogar dabei mich zu konzentrieren. Meine Playlist habe ich immer auf einem USB-Stick mit dabei. Für mich persönlich ist das ein angenehmer Ausgleich zum Fahren. Es ist dann auch immer wieder eine gewohnte und gleichbleibende Komponente. Radiogedudel mit den Ansagen dazwischen, der Werbung… das würde mich eher nerven.

Navigationsgeräte (mit diesen Fahrspurassistenten für Kreuzungen) sind natürlich auch eine tolle Erfindung. Der Stress entfällt eine Adresse zu suchen oder in einer Stadt in der man sich nicht auskennt, kann man dadurch deutlich sicherer fahren. Auch die voraussichtliche Ankunftszeit und/oder noch zu bewältigende Entfernung können Sicherheit bieten. – Wenn man allerdings einen gewissen Termindruck hat, der trotz ausreichend Zeiteinplanung durch langen Stau oder andere Vorkomnisse dann immer näher rückt… das kann dann u.U. Stress verursachen.

Letztlich ist es natürlich eine sehr individuelle Entscheidung ob es sich jemand zutraut den Führerschein zu machen. Vielleicht ist es ja eine Alternative zum ‚üblichen Prozedere‘, die ich hier beschrieben habe. Solche Intensiv-Ferienkurse gibt es sicher in vielen Städten.


Das Header-Foto zeigt eine Kreuzung vor dem ‚Hôtel de Ville‘ in Paris.

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Aktivismus

Ich wollte es auch noch einmal genauer aufdröseln, was gestern mit Selbstdiagnose und Aktivismus gemeint war, aber Felicea kam mir nun zuvor.
Im folgenden also noch einmal ihre Zusammenfassung auf Twitter:

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Wie ich gestern in meinem Blogpost „Nur ein Stück Papier“ vergessen hatte zu erwähnen, hat Aktivismus oder sich für eine Sache einsetzen nichts mit der eigenen Betroffenheit zu tun. Sondern viel mehr, ob etwas in meinen Augen – nach meinen eigenen ethischen Grundsätzen – falsch läuft. Jeder definiert diese für sich selbst, deswegen ist es natürlich völlig legitim, wenn nicht Jeder für das Gleiche kämpft.
Ich setze mich z.B. auch dafür ein, dass Krankenpfleger oder Kindergärtner eine angemessene Bezahlung und vor allem, bessere Arbeitsbedingungen erhalten.
Der Unterschied ist doch lediglich, dass ich keiner dieser beiden Gruppen zugehörig bin – und nicht so tue als ob. Ich sage offen, dass ich das nicht bin.
Und sind wir mal ehrlich…
Es hat doch (leider) heutzutage einen viel größeren Impact auf Medien/Politik, wenn sich nicht nur ‚Betroffene‘ zu Wort melden, sondern auch noch eine breite Masse anderer Menschen sagt: „Hey, schaut alle hierher, hier läuft etwas falsch. Hört auf diese Gruppe, wir unterstützen deren Vorhaben/Ansichten/Forderungen.“
Und genau deswegen setze ich mich dafür ein. Damit ein Umdenken stattfinden kann in der Gesellschaft – vor allem aber in der Politik. Damit eben mehr auf solche Gruppen (Minderheiten) gehört wird.
Minderheiten brauchen nun einmal die Unterstützung der Masse. Wenn die Masse zu laut ist mit ihren Vorurteilen/Ansichten, dann können Minderheiten gar nicht gehört werden.
Sie gehen sprichwörtlich in der Masse unter.

Ich stehe zur aktuellen Diskussion so:
Selbstdiagnose (subjektiv) = dennoch Verdachtsautist
klinische Diagnose (objektiv) = Autist

Ich ging diesen nervenaufreibenden Diagnoseweg.
Mir war es wichtig, dass eine Person die mich nicht schon jahrelang kennt, eine objektive Meinung abgibt, ob meine subjektive Einschätzung… also der Verdacht, dass ich Autistin sein könnte – tatsächlich stimmte.

Ich für meinen Teil kann leider nicht nachvollziehen, wie man aus einer Selbstdiagnose eine Klinische macht, obwohl das real gar nicht der Fall ist.
Also öffentlich behauptet man wäre Autist, obwohl man nur seine subjektive Einschätzung hat. Es ist nicht rational.
Ich sage damit nicht, dass die Selbsteinschätzung zwingend falsch sein muss. Bevor mich hier jemand falsch versteht. Doch eine externe professionelle Meinung – nicht nur zwischen Tür und Angel – halte ich für notwendig, wenn man sich als Autist bezeichnet.
Aktivismus im öffentlichen Raum, da gehört das Internet für mich nun mal dazu, in dem es um konkrete Veränderungen im Leben von Autisten geht, da sollte die Basis eben Ehrlichkeit sein.

Zu sagen, man ist offiziell diagnostiziert… Ja oder Nein. Man hat den Verdacht und wartet auf einen Termin oder man ist eben kein ‚Betroffener‘ und repräsentiert eine ganz andere Gruppe von Menschen, die für Verbesserungen im Leben von Autisten eintreten.

Ich denke das Problem liegt darin, dass die ohne klinische Diagnose glauben, sie dürften nicht mitreden. Das ist doch gar nicht der Fall.
Wie ich schon oben schrieb… Jede Unterstützung ist willkommen.
Das was hingegen wichtig ist, ist die offene und ehrliche Kommunikation.
Teilt euch mit. Sagt was bzw. wer ihr seid.
Autist ja oder nein. Eltern autistischer Kinder, Autistische Eltern(-teile) mit ’normalen‘ Kindern, Ehepartner eines Autisten oder die Musiklehrerin, die sich einfach nur so für das Thema einsetzt ohne direkten Kontakt… oder was auch immer.
Die Kombinationen sind extrem vielfältig.
Durch die Vielfalt gewinnt der Aktivismus an Kraft.
Vielfalt schafft Masse.
Masse hat Kraft etwas zu bewegen.
Nur ehrlich sollte sie sein. Zu sich selbst. Nach außen. Immer.

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Nur ein Stück Papier?

Das Diagnoseschreiben.
In der Autismus-Community spaltet es wie nichts anderes.

Was ich heute ganz stark auf Twitter festgestellt habe ist, dass die Selbstdiagnostizierten leider oftmals dieses fehlende Stück Papier aus verschiedensten Gründen verteidigen. Lebensläufe sind alle unterschiedlich und es mag vielfältige Gründe geben, warum jemand keine professionell erstellte Diagnose erhält.
Ich persönlich verstehe nicht, wie behauptet werden kann, man wäre mit diesem Stück Papier elitär. Irgendwie schwingt da dieser Unterton mit („Du hälst dich für etwas besseres, weil du hast eine und ich nicht.“). Kann sein das ich mich da irre, es ist nur mein Empfinden.
Ich verstehe absolut, wenn manche verzweifeln, weil sie keine Kraft für diesen anstrengenden Weg, des monatelangen Wartens auf den Termin, haben. Das Leben drumherum kann viele Gründe dafür liefern. Deswegen ist dieser Mensch keineswegs schlechter. Doch ich verstehe nicht, wenn aus dieser Verzweiflung heraus nicht offen gesagt/geschrieben wird, dass man eben keine offizielle Diagnose hat.
Jemand der von sich selbst aus sagt, ich habe den Verdacht zum Spektrum zu gehören, ich möchte mich gerne engagieren, aber ich will/kann aus diversen Gründen keine Diagostik machen, den respektiere ich gleichermaßen wie jemanden, der diesen aufwändigen Weg gegangen ist. Aber bitte auch so kommunizieren, welcher Gruppe man angehört. Das beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen und für eine bessere Zukunft eintreten, dass sollte das gemeinsame Ziel sein. Zumindest ist das meines.
Was mir persönlich wichtig ist, ist die Tatsache der Offenheit und Ehrlichkeit.
Das wiederrum mündet in Vertrauen.

Was ich leider feststelle ist, dass dieses Vertrauen oftmals fehlt. Nein, eher ziemliches Misstrauen herrscht.
Da folgen dann gerne Sätze wie: „Aber was ist mit den falsch positiv/negativ diagnostizierten?“ oder: „man sei Autist seit der Geburt und nicht erst ab diesem Stück Papier“.
Natürlich.

Das gegenseitige Vertrauen ist das, was meiner Meinung nach die Community stark macht. Da braucht es keine Zweifler in den eigenen Reihen. Entweder ich vertraue auf die Korrektheit der ärztlichen Diagnose oder der Zweifel zerfrisst mich und ich drehe mich im Kreis, anstatt vorwärts zu kommen.
Wenn ich mich für etwas einsetze, dann habe ich den Standpunkt für mich klar definiert. So das ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann und darauf achte, dass durch meine Handlungen keine Nachteile für andere entstehen.

Zwietracht ist doch genau das, was unglaubwürdig macht. Kräfte werden geopfert, die an anderer Stelle viel wichtiger wären. „Wenn Zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte.“ (RW)
Das ist das Gleiche wie im Sport. Es gibt zwei Varianten. Den anderen respektieren: die beiden führenden Player pushen sich gegenseitig zu neuen Höchstleistungen oder aber den anderen manipulieren wollen: sie beharken sich gegenseitig, zerren am Trikot, machen Fehler, fallen hin und die anderen (in diesem Falle: Therapien mit schädlichen Langzeitfolgen) kommen gemütlich und ohne großen Aufwand vorbei.
Zu welcher Variante willst du gehören?
Pushen oder hinfallen?
Pushen geht nur, wenn Player 1 offen zeigt was er kann. Player 2 mobilisiert seine Kräfte und will mehr – in dieser Zeit hat Player 1 die Möglichkeit der Regeneration, um erneut seine Leistung verbessern zu können. Und so weiter und so fort…

Ich vertraue darauf, dass jemand der behauptet er sei Autist, dies auch von ärztlicher Seite her hat abklären lassen. Ich will nicht zweifeln. Zweifeln macht kaputt. Wenn die Diagnose kein Facharzt bestätigt hat, auch gut, das respektiere ich. Aber dann sei offen und ehrlich. Deine Unterstützung wird dennoch benötigt.
Nur Ehrlichkeit schafft langanhaltendes Vertrauen.
Gegenseitiges Vertrauen macht gemeinsam stark.
Ich für meinen Teil möchte nicht ständig beweisen müssen, dass ich das Diagnoseschreiben hier abgeheftet in einem Ordner habe, weil man mir nicht glaubt. Ich bin nicht besser als andere, nur weil ich dieses Stück Papier habe. Wäre ich stolz darauf, würde es in einem goldenen Rahmen über meinem Schreibtisch hängen. Doch ich bin nicht stolz darauf. Warum sollte ich? Ich habe nichts geleistet dafür. Es ist keine Medaille.
Im Gegenteil, es ist ein Mahnmal dafür, dass ich härter arbeiten muss als andere Menschen, um Gleiches zu erreichen.

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