Paris – III

Teil I
Teil II

Da saß ich nun also auf der Bank und versuchte mich wieder etwas zu entspannen. Ist zwar nicht das erste Mal, dass ich in eine solche Situation geraten bin, weil ich Fotos machte und dann auf einmal die Polizei kam (ich kann die wildesten Stories erzählen ;-)), aber das hier war doch eine deutlich andere und angespanntere Hausnummer. Der Herr drehte immerhin auch in Military-Klamotten dort im Brunnen seine Runden (siehe Bilder am Ende des Teil II). Kopfkino. Was wäre wenn…
Nach ein paar Minuten ging es dann aber wieder. Ich ging weiter durch den Park die Champs-Élysées entlang. Direkt vor mir biegen vom Grand Palais etwa 70-80 Kadetten mit auf die Avenue ein und marschieren ebenfalls in Richtung Arc de Triomphe. Ab hier schlendere ich gemütlich. Ein wenig hier… ein wenig da gucken. Viele viele Touristen. Sehr kommerziell. Aber ist bekannt. Ich laufe weiter und höre dann kurz nach dem Disney Store ein Kamera-Klicken von Links. Habe ich gar nicht vorher erkannt. Gut gemacht. Spieß umdrehen. Click. Foto. Ich bleibe natürlich stehen und laufe dann zurück. Franzose mit gebrochenem Englisch. Wieder Glück. Ich frage, ob er mich aufgenommen hatte und lasse mir das Bild zeigen. Auch die anderen gefallen mir. Er hat ein gutes Gefühl für den Moment. Wir kommen ein wenig ins Gespräch, er erzählt mir von seinem Projekt, warum und wofür er die Streetfotos macht und dann verabschiede ich mich wieder.
Ich schlendere weiter… beobachte die Menschen um mich herum. Ein Foto hier – ein Foto da. Dann wieder direkt vor mir, eine junge Französin, die eine Bananenschale auf einen eigentlich schon mehr als übervollen Mülleimer legt, ohne das alles auseinander kracht. Der Anblick wirkt sehr skurril in dem Moment, dass ich nicht um ein Foto herum komme. Natürlich nicht ohne just in dem Moment von 2 jungen Männern angequatscht zu werden, warum ich denn den Mülleimer fotografiere ;-)
Kleine Kunst im Alltag, die doch niemand für voll nimmt. – Wer weiß, vielleicht mache ich mal eine kleine Fotostrecke irgendwann genau darüber.

Weiter geht es bis zum Arc de Triomphe und dann in die Av. d´Iena. Ein ruhiges Sträßchen mit tollen Türfassaden. Ein angenehmer Kontrast zur hektischen Champs-Élysées. Ich laufe durch den kleinen Park, vorbei an den Händlern mit ihren Billig-Repliken des Eiffelturms und mache dann spontan doch noch einen Abstecher zum Palais du Tokyo. Moderne Kunst. Danach dann endlich zum Tour Eiffel. Viel Militär mit Sturmgewehren. Kein Gedanke an mögliche Anschläge. Ich fühle mich sicher. Doch lang bleibe ich heute nicht, da es zu regnen beginnt. Also heute keine Fotos. Bin ja noch ein wenig in der Stadt. Kamera verstauen und ein kurzer Blick auf meinen Stadtplan. Ab zum Maison de la Culture du Japon. Sehr schön. Auch zu empfehlen und eine gute Entscheidung, um dem Regen zu entgehen.
Mittlerweile ist es spät geworden. Ich will wieder zum Hotel zurück. Nächste Metro-Station gesucht. Bir-Hakim. Auf dem Weg dorthin an verbotenen Hütchen-Spielen vorbei und anderen jungen Männern direkt vor der Station, die den Touris am Ticketautomaten „helfen“ wollen und anschließend um Geld betteln. Nee Jungs. Ich komm klar. Keine Chance. Direkt abgewimmelt. Ich steige also in die M6 und am Montparnasse Bienvenüe will ich in die M4. Und ich laufe und laufe… Déjà-vu. Ich erinnere mich direkt wieder an meinen letzten Paris-Aufenthalt. Dieser ewig lange Tunnel. Wäre ich doch nur eine Station weiter gefahren. Jetzt lauf ich diese gefühlten 2km. Meine Füße tun mir eh schon weh. Toll. Immerhin hat sich ein ziemlich guter Musiker im Tunnel platziert. Es bleiben viele Menschen stehen und lauschen begeistert. Auch ich höre sicher eine gute Viertelstunde zu… Wirklich gut. Kurz in der Tasche gekramt und 2 € in sein Hütchen geschmissen. Nun aber weiter. Ist ja doch unangenehm stickig und warm hier im Tunnel. Schon bald bin ich an meiner Metro-Station angekommen und zurück mit der M4 zum Gare de l’Est. Ins Hotel und Füße hochlegen. Akkus laden. Halt. Wo haben die die Steckdose versteckt? Ist doch jetzt nicht wahr. Auch im Bad keine zu sehen. Kurzerhand ziehe ich also den Stecker vom TV, um wenigstens mein Handy laden zu können. Für die große Kamera hab ich eh noch einen vollen Ersatz. Nun noch unter die Dusche. Passt. Nicht stecken geblieben. ;-)
Erschöpft lasse ich mich danach in mein Bett fallen und schließe die Augen. Gong. Dong. Gong. Laut. Jetzt hab ich mich arg erschreckt. Nee oder?! Ich gucke auf mein Handy. 23:45 Uhr. Okay… wird also spannend heut Nacht mit dem Gebimmel der Kirche, direkt vor dem Hotel.

25.09.2016
Wider Erwarten bin ich doch zügig eingeschlafen. Die Nacht war okay. Das Kirchengeläut hat mich erstaunlicherweise nicht gestört. Etwas nerviger war das nächtliche Gehupe an der Kreuzung und diverse Sirenen. Alles in allem, habe ich aber dennoch recht erholsam geschlafen. Und beim Aufwachen entdeckte ich vom Bett aus auch die gesuchte Steckdose. Direkt beim Schreibtisch. Ich muss lachen. Da war ich aber ganz schön verpeilt gestern Abend.
Nun gut. Das ist also geklärt. Schnell in frische Klamotten geschmissen und dann ab zum Louvre. Ich hab ja noch kein Ticket. Will also nicht zu spät dort sein und mich in eine ewig lange Schlange stellen müssen.
Die Nacht hatte es noch ein wenig geregnet. Die Gehsteige sind feucht. Ab zur Metro. Weiter auf meinem Weg zum Louvre (ich bin ein paar Stationen früher ausgestiegen, um mir noch etwas mehr die Stadt anzusehen) entdeckte ich an der Rue de Rivoli einige Obdachlose, die auf den großen Lüftungsschächten der angrenzenden Gebäude schliefen. Ich hatte Mitleid, weil ihre Pappen auf denen sie teilweise lagen, ziemlich durchweicht waren vom Regen. Das konnte nicht gesund sein. Auch wenn die Luft aus den Schächten tatsächlich sehr warm war. Dennoch… Ich machte mir Gedanken…
Jedoch nicht all zu lang, denn nur wenige Meter weiter wurde ich von einem älteren Obdachlosen angesprochen angeflirtet ;-) und er ließ mich auch nicht so recht gehen. Na gut. Dann unterhalte ich mich ein wenig mit dir. Wir kamen ziemlich schnell auf das Thema, wie er denn obdachlos geworden war (er kam vor etlichen Jahren aus Deutschland nach Frankreich). Und ich erfuhr seine Lebensgeschichte. Unglückliche Umstände, Job verloren… Wohnung… so war das. Aber mich hat fasziniert, dass er trotzallem noch so eine Lebensfreude austrahlt. Nach einer knappen halben Stunde musste ich dann aber auch weiter. Bald ist Einlass. Gegen 08:45 Uhr kam ich dann an der Pyramide an. Die Schlange war noch nicht all zu lang. Okay… vielleicht 10 Minuten warten. Kein Problem. Einlass soll 09:00 Uhr beginnen.
Aber wie es das Schicksal dann heute so wollte, sollte sich der Einlass verschieben. Ohne weitere Informationen warum, öffnete sich erst um 10 Uhr die Tür. Während der Wartezeit kam ich auch wieder mal mit den Leuten um mich herum ins Gespräch, da ich trotz meiner Kopfhörer angequatscht wurde. Jaja.. immer ich. Aber sie waren nett, die Engländer. So verging wenigstens die Wartezeit recht zügig.
Kurz durch die Kontrolle und dann hinunter zur Kasse. 15,-€ Eintritt finde ich übrigens mehr als angemessen. Ich holte mir noch einen Lageplan und dann als erstes natürlich zu DaVinci, bevor dort alles zu spät, kein Vorrankommen und ruhiges Betrachten mehr möglich ist. Ich hatte tatsächlich noch Glück. Keine 15 Minuten später war der Saal mit der Mona Lisa (ist es denn tatsächlich noch immer die Kopie?) und auch der Vorraum mit seinen anderen Werken proppevoll. Auch kein Genuss mehr, sich die anderen Gemälde anzusehen. Insgesamt verbrachte ich gute 7 Stunden im Louvre. Danach war meine Aufnahmekapazität durch. Extrem viel Input. Visuell und auch geschichtliche Hintergrundinformationen. Ich habe leider lang nicht alles gesehen, was ich gerne gesehen hätte. Einfach riesig der Louvre und durchrennen bringt schließlich auch nichts. Also wird es definitiv einen weiteren Besuch von mir geben. Es lohnt sich übrigens auch, den Blick im Louvre immer mal wieder nach oben schweifen zu lassen. Gibt jede Menge zu entdecken (siehe Headerbild) :-)

Angetan hat es mir aber vor allem auch die Apollo-Galerie im Denon-Flügel (Saal 66). Ein wunderschönes Eingangstor an dem sämtliche Touristen achtlos vorbei liefen. Ich jedoch stellte mich direkt davor und begutachtete die feinen Details. Der Saal selbst… ein „Woah-Gefühl“ wenn man hinein kommt. Mädchentraum eben. Nicht nur wegen der Kronjuwelen. Überhaupt war das gesamte Erste Stockwerk im Sully- und auch im Richelieu-Flügel sehr sehenswert. Hier habe ich definitiv die meiste Zeit gelassen.
Mit meinen ganzen Eindrücken verließ ich also den Louvre durch die Untergrundpassage. Wieder Menschen ohne Ende. Man…, was ein Gedränge. Mein Hirn ist voll – ich muss nach oben ins Freie, damit die Gedanken wieder fließen können. Noch ein wenig umhergeirrt bis ich den richtigen Ausgang gefunden hatte, um im Tuileries Garden herauszukommen. Ich setzte mich wieder ein wenig an den Brunnen und genoss die Sonnenstrahlen. Hunger. Weiter geht’s in Richtung Montmartre. Zwischendurch noch etwas zu essen organisiert. Am Fuß der Sacré-Cœur direkt wieder an den Film „Fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert fühlen. Das Wetter passt. Die Sonne steht im perfekten Winkel und die Wolken bieten einen guten Kontrast zur Kirche. Fotos machen. Danach geht es dann die Stufen nach oben. Auf circa der Hälfte einer Gruppe junger Koreaner dabei geholfen mit ihren Handys ein paar Gruppenaufnahmen zu machen und dann die letzten Stufen hinauf. Ich kam genau im richtigen Moment oben an. Iya Traoré stieg gerade aus dem Auto. Unglaublich, was ich hier in Paris immer wieder für ein Glück habe. So oft zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.
Gespannt beobachtete ich seine Darbietung. Wirklich gut. Und tolle Venen an den Unterarmen. Gab also genug zu gucken. ;-)
Nach etwa 10 Minuten war das ganze Spektakel dann auch schon wieder vorbei. Die Menge steckte ihm diverse Euros zu. Kein schlechter Verdienst. Ein paar Selfies mit den Leuten und dann… ja dann ein kleines extra Posing für mich. Ha! Schon wieder! Perfekt. Noch ein kurzer Handshake und dann verschwand er auch schon direkt wieder im Auto. So schnell wie er kam, war er wieder weg.
Ich schlendere nun weiter in Richtung Montmartre. Hm. Hab ich irgendwie schöner in Erinnerung. Also weiter. Ich gehe bewusst die Nebengassen entlang und dann die Rue Lepic hinunter. Mir fällt sofort die überall an den Hausfassaden verteilte Streetart auf. Einiges erkannte ich erst auf den zweiten Blick und hab ein paar mal wirklich grinsen müssen. Klasse Sachen dabei. Originell.
Die Sonne wandert weiter unaufhörlich in Richtung Horizont. Ich fahre wieder kurz zum Hotel zurück, mein Ein-Bein-Stativ für die Nachtaufnahmen holen. Dann direkt in den angrenzenden Boulevard de Magenta. Hier gibt es etliche Restaurants, Bars und Imbisse. Die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Vietnamesisch modern interpretiert. Sehr lecker.
Mich packt spontan die Lust nun noch einmal an die Seine zu fahren. Kurz in die Metro gehüpft und zack – da bin ich. Ich gehe direkt runter zum Ufer und suche mir ein nettes Plätzchen im Mondschein. Den Tag Revue passieren lassen und entspannen. Hat was romantisches. Aber da sitze ich nun. Allein. Lang lasse ich diesem Gedanken aber nicht die Möglichkeit sich festzusetzen. Der Abend ist zu schön dafür. Den Moment genießen und entspannen. Ich stelle fest, dass ich den ganzen Tag nicht eine Zigarette geraucht hatte. Sehr schön. Doch Feinstaub und Abgasen sei Dank, fühlte sich meine Lunge keineswegs besser an… ;-)

Als Abschluss des Tages kann man nur noch ein paar Tipps geben…
Versucht erst gar nicht an großen Kreuzungen bei Rot an einer Ampel stehen zu bleiben. Wenn gerade kein Auto kommt, wird quasi von hinten geschoben und man muss laufen oder eben sehr stabil stehen.
Aber auch wenn die Ampel grün zeigt oder ihr an einem Zebrastreifen überqueren wollt, trotzdem unbedingt auf den Verkehr achten, ob letztenendes wirklich gehalten wird. Ist lebensgefährlich bei der Fahrweise einiger Franzosen. Den Tag über hatte ich einige beinahe-Crashs beobachtet. Erklärt natürlich auch die vielen Sirenen, die man Tag wie Nacht immer wieder hört.
Ein weiterer Pluspunkt… in der Stadt verteilt findet man hin und wieder offenes w-lan. Praktisch.
Wenn eines an der Stadt für Autisten anstrengend ist, dann ist es die Lautstärke. Aber gut. Es ist Paris. Da kann man auch fast nichts anderes erwarten. Mittendrin. Pulsierendes Leben. Schmelztiegel der Kulturen und auch der Gerüche… ;-)

Weiter mit Teil IV
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Paris – II

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(Noch einmal zur Erinnerung: kursiv = Gedankengänge; ich habe viel im Tagebuch festgehalten)

Da gingen wir also nun unserer Wege. Das erste Mal am Gare de l’Est – erinnert mich stark an den Frankfurter Hauptbahnhof. Na dann mal ab durch die Mitte.
Die Menschen aus dem Zug strömten in alle Richtungen. Ich ging nur geradeaus. Schon fast symbolisch. Vorwärts. Schritt für Schritt. Gespannt was mich erwartet.
Bahnhofsvorplatz. Die Sonne blendet. Ich atme tief durch. Genieße den Augenblick. Schiebe die Sonnenbrille vom Kopf zur Nase hinunter. Hier bin ich.
Paris. Mon amour.
Da bin ich hier und nun? Unterkunft… falls das heute nicht klappt, ich hab schon anderes durch. Eine Nacht schlag ich mir notfalls auch so um die Ohren, wäre nicht das erste Mal. Also los jetzt!
Weiter geradeaus über die Kreuzung. Das erste Café. Noch eines. Dann ein Hotel. Auf den Aushang gucken. Nein. Nicht wirklich mein Budget mit 240,-€ die Nacht. Weiter. Eine schöne Kirche. Église Saint-Laurent. Ich bleibe stehen. Wunderschöner Gotik-Stil. In Ruhe ansehen. Und weiter. Das nächste Hotel. Ok. Sieht schon von außen verdammt teuer aus. Ich wage trotzdem einen Blick. Nein. Da bleibe ich einen Moment stehen. Als wenn die Information jetzt erst ankommt. Ich gehe nochmal wenige Schritte zurück und blicke in die kleine unscheinbare Seitengasse. Ein Schild: Hotel Sibour.
Unscheinbar, aber direkt neben der Kirche. Ziemlich mittig der kleinen Gasse der Eingang. Wirkt ja eigentlich nicht gerade toll. Erstmal eine rauchen. Ich schaue auf den Aushang und glaube meinen Augen kaum. 80 – 90,-€ das DZ mit Dusche und TV. 40,- hingegen das Einzelzimmer ohne alles. Klo/Dusche auf dem Gang. Wie im Ferienlager damals. Why not. Hostel wäre auch nicht besser, dafür zusätzlich mit Großraumzimmer. Ich wollte es so. Wird schon nicht so siffig sein. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe hinein. „Bonjour“ und gebrochenes französisch meinerseits. Der freundlich wirkende Herr an der Rezeption schwenkt um auf english. Ich erkläre ihm, dass ich das Einzelzimmer ohne alles möchte. Etwas ungläubig schaut mich der Herr an. Ich frage noch einmal nach der Zimmerausstattung. Bin hin- und her gerissen. Ich nehme es. Will ich das wirklich? Budget gibt auch knapp das Doppelzimmer her, dann spare ich eben woanders. Nach etwas erklären und fragen nehme ich dann doch das Doppelzimmer. Ein wenig verhandeln. Ha! 70,- bietet mir der Herr an. Das ist ungefähr das, was ich auch bei AirBnB gezahlt hätte. Ich buche 2 Nächte, die Dritte Nacht… mal schauen, wo ich bin. Ich bekomme Zimmerschlüssel und Fernbedienung überreicht. Fernbedienung? Ok. Geht gut los. Ich muss ein wenig grinsen und gehe links und dann wieder rechts zum Aufzug. Klein. Passt mit dem Rucksack auf dem Rücken gerade so. So langsam wie der Aufzug fährt und Geräusche von sich gibt, bin ich erleichtert, als die Tür wieder auf geht. Heil im 3. Stockwerk angekommen.
Ich gehe nach rechts. Komme am Treppenhaus vorbei. Überall dunkler Teppich. Passend zum dunklen Gang. Mir schießen Bilder von schlechten Horrorfilmen in halbdunklen Hotels ins Bewusstsein. Da ist es. Mein Zimmer auf der linken Seite. Ich schließe auf. Erwarte schlimmes.
Und bin erschrocken. Das hab ich nicht erwartet. Großes Doppelbett, Blümchentapete, ein toller alter Kleiderschrank. Hell.
Fenster auf. Ausblick. Fantastisch. Ein toller Blick auf die Kirche. Ich setze meinen schweren Rucksack und die Tasche mit meiner Kamera ab. Probeliegen. Bequem. Freude. Ein paar kleine Tränen laufen mir über die Wange. Geschafft. All die Angst. Unbegründet. Alles wird gut. Nun ein Blick ins Bad. Oha. Eng.
Trocken-Probesitzen. Wenn ich die Tür nicht zumache ist es gar nicht so wild. Platzangst hab ich eigentlich keine, aber Tür zu, ist mir dann doch zu eng. Zimmer hab ich eh für mich allein – so what. Linken Fuß ins Zimmer ausstrecken. Meine rechte Schulter leicht unters Waschbecken schieben, Kinn mit Würde darüber. Geht schon. Zum Glück bin ich nicht mehr ganz so dick wie früher. Ich muss laut lachen. Bilder in meinem Kopf, wie ich eingeklemmt im Bad hänge und um Hilfe zappele. Ja. Alles machbar hier. Bin zufrieden. Ich schaue mich in dem Mini-Bad von meinem ‚Thron‘ aus um. Riecht etwas nach Chlor. Ok. Es ist alles sauber. Duschtür aufgeschoben. Ist aber auch nicht sehr groß der Spalt, durchquetschen. Wird schon passen heute Abend. Mein Blick wandert weiter. Kein Schimmel. Keine Flecken, kein Ungeziefer, keine Spinnweben. Ein heller freundlicher Gelbton an der Wand. 1 Rolle Klopapier. 2 Handtücher. 1 eingepacktes Glas unter dem Spiegel auf der Ablage.
Nun weiter. Tasche etwas erleichtern. Kamera checken. Endlich etwas essen. Bifi-Roll – trocken, aber hilft für’s Erste. Nun runter zur Rezeption. Dort bekomme ich einen kostenlosen Stadtplan und noch den Hinweis, wann die Tür geschlossen ist und ich dann klingeln muss, um wieder hinein zu kommen. Alles klaro. Voller Elan raus aus der Tür und ab nach rechts, wieder zur Hauptstraße, als ich mich vorhin entschied, zurück zu gehen.
Ich laufe die Straße entlang. Sauge alle Eindrücke auf. Wissend, dass ich an der Seine wieder raus kommen werde. Schick hier. Ich überquere die nächste Kreuzung und laufe weiter. Und weiter…
Irgendwas ist anders. Vor lauter Eindrücken so ausgereizt in der Verarbeitung… Wo bin ich hier? Hier bin ich doch falsch. Alles anders. Anders als erwartet. Wo sind die Leute von vorhin hin, die auch in diese Richtung liefen? Die anderen Touristen? Hallo? Ich bleibe stehen und sehe mich in Ruhe um.
Tatsächlich bin ich mit überqueren der letzten Straße im Afrikaner-Viertel gelandet. Keinerlei Weiße mehr zu sehen. Ich gebe zu, dass ich etwas erschrocken war. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich gehe weiter. Viele junge Männer die in Gruppen vor den Geschäften stehen. Viele Friseur-Salons. Hübsche Frauen kommen und gehen. Die jungen Männer öffnen die Türen. Hat etwas Türsteher-Charakter. Prollig. Goldketten. Muskulös, Sonnenbrille. Handy. Vor fast jedem Geschäft. Eine andere Welt. Boulevard de Strasbourg.
Ich bemerke, dass ich ziemlich angestarrt werde. Scheinen nicht viele weiße junge Frauen sonst allein hier entlang zu laufen. Je weiter ich gehe, desto mehr Männer-Grüppchen stehen auf dem Weg und beobachten mich schon von weitem. Ich lasse mich nicht beirren und laufe weiter. So unvorhergesehen; ich kann die Architektur um mich herum gerade nicht genießen. Unerwarteter Kulturschock. Vielleicht trifft es das.
Ich habe Hunger. An der nächsten Kreuzung biege ich rechts ab. Dann wieder links. Viele kleine Geschäfte. (Rue Saint-Denis)
Immer weiter Richtung Süden. Links der Tour Saint-Jaques. Da ist sie. Die Seine.
Ich entschließe mich dazu, am Quai bis zur Pont des Arts zu schlendern. Vorbei an diversen Malern und der Pont Neuf. An der Pont Neuf helfe ich noch einem Pärchen ein schönes Foto von sich zu bekommen, genieße den Blick und laufe weiter. Rechts der Louvre. Links die Weltberühmten Schlösser. Leider nicht mehr an der Brücke selbst, da diese unter dem Gewicht gelitten hatte und vor kurzem demontiert wurden. Am Quai ließ man aber noch einige wenige Geländer stehen und war somit für viele Pärchen Anziehungspunkt Nr. 1.
Ich machte noch ein paar Fotos, vorbei an einer Polizeistreife auf Inline-Skates, die gerade jemanden überprüften. Ich gehe bis zur Mitte der Brücke und entscheide mich dann doch spontan in Richtung Louvre zu gehen. Ich gehe in Richtung Garten, setze mich auf einen der vielen Sonnenstühle am Brunnen, und genieße den Moment. Ich beobachte Möwen, Touristen, Einheimische, offensichtliche Models, Künstler, Fotografen, Tierliebhaber – alles dabei. Ein wundervoller Ort zum entspannen. Das Wasser plätschert. Ein leichter Wind und die Sonne, die die Wolken hin und wieder etwas dramatisch wirken lässt.
Eine gute Stunde verbrachte ich hier, bis ich mich wieder auf den Weg machte. Ticket besorgen.
Ab in Richtung Pyramide. Ein kurzes Louvre-Selfie von und mit mir (wenn ich schon hier bin ;-) ) und übereifrige Damen dabei beobachten, wie sie gute 10 Minuten lang versuchen, die perfekte Selfie-Pose zu finden. Vor der Pyramide selbst an einem Absperrgitter sitzen 4 Kunststudentinnen, die den Louvre sehr gut zu Papier gebracht haben. Tolle Zeichnungen.
Weiter. Eingang suchen. Carrousel du Louvre. Irgendwo hier muss doch der Eingang sein. Jetzt laufe ich schon im Kreis. Toll. Ich bin genervt. Ich entschließe mich dazu, die Suche abzubrechen und auf Risiko zu gehen. Ticket dann eben morgen früh mit Anstehen an der Pyramide. Das kann ja heiter werden.
Ich gehe wieder durch die Tuileries Garden. Der Blumenduft ist sehr eindringlich. Riecht gut. Meine Laune hebt sich wieder. Vorbei an Statuen. Hier und da noch ein Foto und weiter zum Place de la Concorde. Der Obelisk mit der Goldenen Spitze. Eindrucksvoll. Vor über 10 Jahren, als ich das letzte Mal an dieser Stelle stand, hat mich das alles nicht so sehr beeindruckt, obgleich damals der Grundstein für meine Liebe zu Paris gelegt wurde. Ich drehe eine Runde um den Obelisken und gehe dann zum südlichen Springbrunnen, um ein paar Aufnahmen zu machen. Gerade angekommen sehe ich einen Mann. Was zum Kuckuck macht der da? Rucksack liegt am Rand, er im Wasser watend. Was sucht er? Na hauptsache er wäscht sich nicht noch. Der Mann dreht seine Runden im Brunnen, ich versuche einen halbwegs ordentlichen Blickwinkel mit der Kamera festzuhalten. Just in diesem Moment bemerke ich die Überwachungskameras und dass das Wasser weniger wird. Schnell noch ein paar Fotos, jetzt spritzt es nicht so. Der Mann dreht weiter seine Runden und ich höre Sirenen, die immer näher kommen. Ich muss grinsen… Ich habe es gewusst. Warum eigentlich immer ich? Ich überlege noch kurz mich zu entfernen, aber denke mir nur, dass das dann womöglich erst recht verdächtig wirkt. 3 Polizeiwagen halten, einer an jeder Seite um uns herum. 5 Beamte steigen aus. Hand an der Waffe. Walkie-Talkie-Sprachfetzen. 2 sitzen noch im Auto. Ich werde gebeten mich auszuweisen, obwohl ich signalisierte nicht zu dem Herrn zu gehören. Ich zeigte meine letzten Aufnahmen, während meine Personalien von einem Polizisten im Auto via Funk überprüft wurden. Fehlt jetzt noch, dass ich womöglich noch mit auf’s Revier soll, um eine Aussage zu machen. Aber alles gut. Sie glaubten mir, ich bekam meinen Ausweis wieder, wurde höflich verabschiedet und durfte gehen. Bei dem Herren aus dem Brunnen dauerte es länger. Ich glaube sie haben ihn mitgenommen. Bin mir aber nicht sicher, so genau habe ich nicht mehr drauf geachtet. Zu viel in diesem Moment. Ich gehe über die Straße zum Park. Setze mich auf eine Bank und zünde mir auf den Schrecken eine Zigarette an.

weiter mit Teil III

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Louvre. Selfie.
Louvre – Selfie
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster

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