Telefonieren

Heute merke ich es wieder einmal ganz besonders, wie sehr ich doch durch den Autismus eingeschränkt bin.
Telefonieren fällt mir schon immer unglaublich schwer. Man muss so viele Dinge beachten. Bei Nicht-Autisten läuft das in den meisten Fällen sehr intuitiv ab… sie wissen wann sie dran sind mit reden und können das mit dem Smalltalk, als wäre es die leichteste Sache der Welt.
Ich hingegen… ich muss mich auf ein Telefonat vorbereiten. Was will ich sagen, was könnte der andere sagen… ich brauche hierauf wieder eine angemessene (und zügige) Reaktion usw. usf. Da entsteht jede Menge gedanklicher Druck, der auch schnell zum Ballast werden kann.
Auch kostet es mich viel Energie, überhaupt dann eine Nummer zu wählen. Ich weiß ja schließlich noch immer nicht, was oder wer mich erwartet (zumindest oftmals). Ist eine Frau am anderen Ende des Hörers oder doch eine Männerstimme? Wie wird sie mich anreden. Rechne ich damit oder bin ich dann überrumpelt, weil vielleicht eine eher unübliche Grußformel gewählt wurde?
Es kann dann sehr leicht passieren, dass ich schon nach dieser Situation komplett den Faden verliere, rumstammele und überfordert bin. Ich dann nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll, weil mein Gefühl des geplanten Gesprächsablaufs hier schon nicht mehr greift.
Ich fühle mich deutlich sicherer, wenn ich Dinge planen kann oder sie vorhersehbar sind. Bei einem Telefonat ist man jedoch sehr abhängig von seinem Gegenüber, dass man noch nicht einmal sieht.

Ganz besonders anstrengend ist es für mich, wenn ich den Mut gefunden habe, irgendwo anzurufen, dann aber nicht die richtige Person erreiche. Der Anrufbeantworter dran ist, ein Kollege den Anruf annimmt oder es einfach nur klingelt ohne dass jemand den Hörer abnimmt.
Heute ist es so, dass ich mit jemandem in einer Behörde sprechen wollte. Leider gibt es mittlerweile keine direkte Durchwahl mehr. Ich muss also eine zentrale Nummer anrufen.

Punkt 1: Als ich heute Morgen dort anrief kurz nach 9, hing ich knappe 10 Minuten in der Warteschleife. Furchtbare Musik und zwischendrin Bandansagen, dass der nächste freie Mitarbeiter ja unbedingt für mich reserviert wäre. Dann nach 5 Minuten Warteschleife mit eingestreut: ‚Wenn Ihnen die Wartezeit zu lang wird, versuchen Sie es später noch einmal.‘
Hier schon das erste Dilemma. Nun bin ich schon so lang in der Warteschleife und habe tapfer durchgehalten, soll ich wirklich auflegen oder geht nicht vielleicht doch jeden Moment jemand dran? Dann ärgere ich mich andererseits über diese sinnlos verplemperte Wartezeit, die mir schon so einiges abverlangt hat. Letztendlich habe ich dann doch frustriert aufgelegt.

Punkt 2: Ich sammelte wieder all meinen Mut. Versuchte mich zu beruhigen und wählte erneut die Nummer. Nun wieder das gleiche Spiel – kenne ich ja von vorhin. Erst tutet es und dann Musikgedudel mit dieser Bandansage. Nach etwa 4 Minuten hörte ich es dann in der Leitung klacken und ein Herr mit freundlicher Stimme meldete sich. Allerdings kam keine weitere Einleitung von ihm. Hier war ich schon wieder deutlich gestresst. Musste ich doch nun schnell reagieren. Immerhin hatte ich mir einige Notizen auf einem Zettel gemacht und fand dann doch in das Gespräch zurück.
Ich schilderte mein Anliegen und dann begann der Smalltalk von meinem Gegenüber. Er gab meine Daten in den Computer ein und wollte vielleicht so eine ’nette‘ Atmosphäre schaffen oder einfach nur die Zeit etwas schneller verstreichen lassen. Sicher. Ein Nicht-Autist hätte sich über diese Geste sicherlich gefreut. Für mich bedeutete es Stress pur, denn darauf war ich nun überhaupt nicht vorbereitet. Ich stammelte rum, lachte ein- zwei mal verlegen oder gab kurze knappe Antworten, die vielleicht seltsam (abweisend?) auf mein Gegenüber gewirkt haben mögen. Aber der Herr bemühte sich weiter.
Ich war aber einfach nur froh, wenn ich da halbwegs ohne grobe Schnitzer durchkomme. Meine Daten waren dann also eingegeben und man vertröstete mich, dass man mich nicht weiterverbinden könne, sondern ein Rückruf erfolgen wird. Ich willigte ein und nach einem kurzen Abschiedsgruß legte ich auf.

Punkt 3: Ich warte nun mittlerweile über 6 Stunden auf den besagten Rückruf.
Ich versuche nun zu beschreiben, was dieses Warten auf den unbekannten Zeitpunkt des Anrufes, mit mir macht.
Ich bin nervös, kann mich nicht mehr konzentrieren, ich kann meinen gewohnten Routinen nicht nachgehen. All meine Gedanken kreisen nur noch um diesen Rückruf. Ich habe Angst auf Toilette zu gehen, weil ja dann genau das Telefon klingeln könnte. Oder nehme ich das Telefon mit, während ich gerade im Bad bin? Ich kann selbst dann nicht zurückrufen, weil ich wieder nur in der Zentrale lande. Ein unglaublicher Stress, der sich in mir aufbaut, je länge ich warten muss.
Ich fühle mich in meiner eigenen Wohnung unwohl, die doch eigentlich mein kleiner Schutz- und Schonraum ist.
Nicht nur, dass sich ja mein Anliegen gar nicht klärt, ich nichts dagegen tun kann – nein, es zerschießt mir eben auch noch meinen Tag. Ich bekomme rasch Bauchweh, so als müsste ich mich übergeben. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, ob ich es noch schaffe mich verständlich auszudrücken, in diesem Zustand der Unruhe und Nervosität, dann bei einem möglichen Anruf der ja jederzeit kommen könnte. Und auch jetzt… ich bin unglaublich gestresst, weil jeden Moment das Telefon klingeln kann, während ich hier schreibe. Ich dann aus dieser Tätigkeit herausgerissen werde. Ich bin sehr gestresst und es frisst unglaublich viel Energie. Ich bin unkonzentriert und müde aufgrund all der Anspannung, die meinen ganzen Körper betrifft.
Ich verkrampfe, sitze steif, presse beider Kiefer aufeinander… dann bekomme ich Zahnweh und manchmal auch Kopfweh davon. Sogar meine Zehen und Finger verkrampfen sich. Manchmal sitze ich aber auch… ich denke es geht gerade einigermaßen und dann merke ich, wie stark verkrampft ich doch bin.
Ich muss mich bewusst dazu bringen, die Muskeln wenigstens für einen Moment mal wieder zu lockern. Ich versuche meinen Mund zu entspannen. Meistens klappt das alles aber nur für wenige Momente. Dann hat mich der Strudel der Anspannung wieder. Mittlerweile habe ich Schmerzen.
Nun sitze ich hier… ich weiß, dass ich heute nichts mehr Zustande bringe. Mein Tagesablauf komplett ruiniert ist. Ich fühle mich nicht wohl.
Nun nach dieser langen Wartezeit kommen weitere Fragen hinzu… kommt heute überhaupt noch der Anruf? Kommt er erst morgen? Was ist der Grund? Hat man mich vergessen? Muss ich morgen dort erneut in der Zentrale anrufen? Oder wissen die das noch mit dem Rückruf und haben es heute einfach nicht geschafft? Diese Ungewissheit macht mich fertig. Sie wird mich so lange beschäftigen, bis ich dieses Telefonat doch irgendwann hinter mir habe. Nur wer weiß, wann das sein wird.

Und doch…

Ich habe mittlerweile die positive Erfahrung machen dürfen, dass ich telefonieren kann und es mir sogar Spaß macht. Was ich dafür aber benötige? Vertrauen zu der Person am anderen Ende der Leitung. Ich muss die Person bereits kennen, dann fällt es mir deutlich leichter. Ob nun ‚Real-Life‘ oder Twitter ist hierbei gleichwertig. Besonders unkompliziert empfinde ich es mit anderen Autisten. So hab ich schon mehrere Stunden mit einer anderen Autistin telefoniert, die ich bis dahin nur durch Twitter kannte und selbst nicht gern telefoniert.

Heute… Ich fühle mich schlecht, weil ich es einfach nicht hinbekomme. Andererseits war ich froh, dass ich dort ein zweites Mal anrief, die Warteschleife ertragen hatte und auch das Gespräch einigermaßen hinbekam. Ich freute mich einen kurzen Moment lang. Dann aber wieder die Zweifel… warum bekomme ich so eine Kleinigkeit einfach nicht hin? Bekomme ich doch (vermeintlich) viel schwerere Dinge mühelos hin. Und hier scheitere ich (gerade auch für Außenstehende) an so einer ‚Kleinigkeit‘. Wie passt das zusammen? Strenge ich mich nur einfach nicht genug an?
Mir wurde schon oft gesagt… ‚Du musst einfach mehr üben, dann wird das schon.‘
Ich merke aber… es liegt definitiv nicht an fehlender Übung. Es liegt an den vielen Unbekannten.

Dieses Dilemma ist es, was mich heute besonders traurig macht. Weil ich weiß, dass ich es eigentlich kann. Es nichts mit fehlender Anstrengung, Mut und Zuversicht zu tun hat.
Nur meine Behinderung… die legt darauf überhaupt keinen Wert, was ich eigentlich kann und was nicht.

Sie macht es mir nicht leicht mit fremden Menschen zu telefonieren.
Sie ist einfach nur da, ob ich will oder nicht.

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Sehnsucht

Das Herz gebrochen,
Die Augen leer.
Ich such die Liebe,
Die Angst wiegt schwer.

Verliere die Unbekümmertheit,
Ein Lächeln nur so selten.
Wunden heilen mit der Zeit,
Hoffnung beginnt zu welken.

Vertrauen will ich finden,
Einen Stern für mich allein.
Für Jetzt und alle Ewigkeit,
Einsam will ich nicht mehr sein.

Am kühlen Abend sehe ich,
Ein Licht am Firmament.
Hinab gefallen ganz allein,
Das es in mir weiter brennt.

Die Wolken weinen noch um dich…


Triggerwarnung: Depression, Suizid, Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte…

Hastig sucht sie den Hausschlüssel in ihrer Jackentasche. Ein solches Unwetter gab es schon lange nicht mehr in der Stadt. Gefunden. Mit zittrigen Händen schließt sie die Tür auf, zieht Jacke und Schuhe aus und biegt nach links in ihr Wohnzimmer ab. Dort noch schnell die Unordnung der letzten Tage beseitigen – und ab ins Bad. Der Blick in den Spiegel zeigt eine junge Frau, braunes welliges Haar, mit blau-grüner Augenfarbe und gepflegten Lippen. Sie hält kurz inne, atmet tief ein und wieder aus, streicht mit den Fingern durchs Haar und setzt ihr schönstes Lächeln auf.
„So, da bin ich wieder – entschuldige bitte das Chaos“ sagt sie mit freundlicher Stimme zu dem Mann, der sie seit der Bushaltestelle begleitet hatte. Es war ihr verzweifelter Versuch etwas Nähe zuzulassen. Viel hatte sie ja nicht mehr. Ihre Eltern wollten nichts mehr von ihr wissen. Freunde hatte sie keine. Der Ehemann schon lange weg. Und ein Kind… darüber sprach sie nie wieder. 3 Jahre – auf den Tag genau ist das alles nun her.
Sie bat ihre neue Bekanntschaft mit ins Wohnzimmer, holte 2 Gläser aus dem Schrank und kippte etwas von dem Wein, den sie letzte Woche erst gekauft hatte, hinein. Im Hintergrund läuft eine CD mit 20er Jahre Musik.
Beide unterhalten sich über dieses und jenes, bis sie genug Wein getrunken hatten und den Weg ins Schlafzimmer gar nicht erst antraten. Sie genoss jede Berührung, seinen Atem an ihrem Hals, die rhythmischen Bewegungen. Ein Moment des Glücks.
Doch wie so vieles in ihrem Leben verschwand auch ihre Bekanntschaft schon bald wieder. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. Sie hatte es mit ihrem Outfit doch genau darauf angelegt. Die Reize betonend, aber nicht billig. Elegant. Das war sie. Eine elegante Frau, die sich nach Vertrauen und Nähe sehnte und doch immer wieder nur für kurze Augenblicke das empfand, was sie nach außen spielte.
Sie macht sich einen Schwarztee und gibt 2 große Stückchen Candis-Zucker mit dem Löffel hinzu. Es knistert kurz. Den Moment mochte sie am meisten, wenn sie ihren Tee zubereitete. Es regnet noch immer ziemlich stark und der Wind lässt die Äste des Kastanienbaumes gegen das Fenster klopfen.
Wieder einmal rinnt ihr eine Träne über die Wange.
Sie sitzt noch eine gute halbe Stunde vor dem Fenster, beobachtet die Tropfen, die am Fenster hinunterlaufen und atmet tief ein und wieder aus. Geht zu ihrem Nachtschränkchen im Schlafzimmer, öffnet die Schublade und holt einen handgeschriebenen Brief heraus, den sie in einen roten Umschlag packt. Den Brief legt sie auf ihren Wohnzimmertisch. Zieht sich wieder Schuhe und Jacke an und macht das Licht aus. Hinter ihr klackt die Wohnungstür. Den kalten Gang hinunter zur Haustür. Es regnet noch immer und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden sie. Doch das macht ihr nichts. Heute nicht.
Durchgenässt und mit zerzaustem Haar kommt sie an der Brücke an, die sie doch jeden Tag 2 mal überquert. Sie kennt sie genau. Sie hat alles schon zig mal durchgespielt. Würde denn wenigstens jetzt ihr jemand zuhören? Es fahren noch 3 Autos vorbei, dann ist es wieder dunkel. Als das nächste Auto kommt ist die Brücke menschenleer.
2 Tage später öffnet sich die Wohnungstür erneut.
Es ist die Polizei, die nach Hinweisen sucht und eine Beamtin findet schließlich den roten Briefumschlag.
Sie öffnet und liest ihn. Die Zeilen gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

Allein. Wie ein Regentropfen der mit so vielen anderen gemeinsam am Fenster nach unten läuft. Einige schließen sich zusammen und bilden kleine Straßen, andere wiederum bleiben einzeln zurück.
Ich habe so vieles versucht. Vergessen und vergeben. Um Hilfe gebeten. Doch ich war nur ein Tropfen von vielen. Zu vielen. Unverstanden und unbeachtet. Versuchte allein klar zukommen. Doch irgendwann ist die Kraft zu Ende. – Dieser Tag ist heute.

Es tut mir Leid.

Katharina…