Paris – IV

Teil I
Teil II
Teil III

Samstag 26.09.2015
Okay. Das war eine kurze Nacht. Sehr kurz. Es hatte direkt an der Kreuzung (irgendwann gegen 4:30 Uhr) vor der Kirche mit mehreren Autos gekracht. An Schlaf war dann bei den Sirenen und Lärm nicht mehr zu denken. Nun denn. Müssen eben 3 Stunden reichen. Also kurz Pulli und Hose überwerfen und raus für ne Zigarette. Gucken, was denn diese Unruhe da draußen verursacht… Joa. Hat ordentlich gescheppert. 3 Krankenwagen, 1 Notarzt, 2 Polizeiwagen und 1 Feuerwehr wegen den ausgelaufenen Flüssigkeiten. Aber nun wieder rein. Ich nutze die Gelegenheit, um mir eine kleine Tour für den Tag zu erstellen. Auf jeden Fall in die Katakomben und ins Le Marais. Pflicht. Notre Dame auch noch kurz und natürlich Eiffelturm heute. Der Rest… spontan. Mal schauen, wo mich die Stadt hinzieht.
Kurz gefrühstückt und schon geht es los in Richtung Notre Dame. Mittlerweile ist es 9 Uhr. Die Stadt ist herrlich unhektisch zu dieser Uhrzeit. Werde ich mir merken.
Nach der Notre Dame geht’s dann direkt weiter zum Eingang der Katakomben. Es ist kurz vor 10 und die Schlange reicht schon um’s Eck. Die Sonne knallt. Warten. Einlass geht gleich los. Nach mir wird die Schlange innerhalb weniger Minuten extrem lang. Glück gehabt. Ich warte ungefähr eine dreiviertel Stunde, bis gefragt wird, ob noch 2-3 Leute mit in die Führung wollen. Jepp. Hier. Ich. Und somit geht es vorbei an den anderen 20-30 Leuten vor mir. Eine größere zusammengehörige Gruppe. Nach der Kasse geht es dann auch direkt hinab. Es beginnt unspektakulär, gibt einige Infotafeln zur Geschichte und Geologie. Man läuft und läuft. Immerhin ist es wirklich angenehm hier unten. Ein willkommener Kontrast zur Hitze oben. Nach etlichen zurückgelegten Metern kommt ein weiterer Durchgang über dem steht: „ARRÈTE! C’EST ICI L’EMPIRE DE LA MORT“. Ab hier dann das eigentliche Highlight dieser Tour. Beeindruckend. Faszinierend. Eine besondere Atmosphäre. Unser Guide erklärt sehr gut auf Englisch. Wir bekommen jede Menge interessanter Geschichten zu hören. Kunstvoll arrangierte Knochen. Nur irgendwann hat das Auge genug… Knochen ohne Ende. Und noch mehr Knochen… Am Ende der Tour geht es natürlich alles wieder nach oben. Einiges Stöhnen vor mir. Dann wieder warten. Und schon bald die letzten Stufen. Herausgekommen sind wir ganz woanders. Kurz orientiert. Auf die Uhr geguckt. Hunger. Also noch eben schnell was zu essen organisiert und ab an die Seine. Sonne genießen. Bei der Gelegenheit stellte ich dann leider auch fest, dass die Metro Samstag Mittag mehr als voll ist. Da drängen sich sehr schnell Bilder der Tokioter Metro auf und wie die Menschen bis auf den letzten Zentimeter noch in den Wagen gedrückt werden. Na zumindest hätte man bei einer Vollbremsung auch nicht umfallen können. Definitiv nichts für Demophobiker. ;-)
Bis ca. 15 Uhr genoss ich also das Wetter, die Stimmung, das Plätschern des Wassers, die Boote die vorbei fuhren und noch ein Eis.
Spontan entschloss ich mich dazu zum Cartier Chinois im 13ten zu fahren. Kontrastreiche Architektur. Avenue D’Italie. Nett zu laufen. Am Ende dann links weg und dann die Nächste auch wieder links. Ich komme an einem der üblichen Mittags-Essens-Märkte vorbei. Private Familien die gekocht und vorbereitet haben, bieten hier ihre authentischen Speisen an. Ich schaue interessiert und werde dann doch dazu überredet hier direkt etwas zu probieren. Der Herr am Nachbarstand macht es in seinem improvisierten Öfchen warm. Fleisch und Teig mit Gemüse eingewickelt in einem Bananenblatt. Ich weiß leider nicht mehr wie es hieß, es schmeckte jedoch fantastisch. Ich weiß noch nicht einmal welches Fleisch das war. Interessant. Ungewöhnlich. Aber lecker. Definitiv eine Erfahrung wert. Traut euch :-)
Auf meinem Weg wieder zur Metro mache ich noch einen Zwischenstopp an einem der kleinen Lädchen mit dem ganzen China-Deko-Kram. Kleine Erinnerung (Winkekatze) und ein paar Räucherstäbchen mitnehmen. Und dann wieder rein in die nun nicht mehr ganz so proppevolle Metro in Richtung Bastille.
Ab hier will ich zu Fuß das Marais erkunden. Rue St. Antoine. Als ich zum Maison Européenne de la Photographie komme und die Fotografen sehe die dort ausstellen, kann ich natürlich auch nicht dran vorbei gehen. Jean-Pierre Laffont, John Edward Heaton, Caio Reisewitz und noch einige mehr. Hat sich sehr gelohnt.
Danach gehe ich weiter und entdecke dieses hippe Viertel. Galerie an Galerie. Junge Leute. Bars. Cafés. Bunt. Kreativ. Modern und doch klassisch nostalgisch. Es ist schwer zu beschreiben. Man muss es fühlen, was das Le Marais ausmacht. Mein Lieblingsviertel von Paris. Hier entstand auch das Foto aus der Galerie mit dem verliebten Pärchen Arm in Arm.
In der ganzen Hitze bekam ich dann doch Durst und so kam es gerade gelegen, dass nur wenige Meter weiter ein kleiner Intermarché auftauchte. Hier kam es auch zu einem kleineren Zwischenfall. Mega unfreundlicher und gelangweilter Kassierer, der mich um ein paar Euro meines Rückgeldes bescheissen wollte und just in dem Moment so tat, als wüsste er nicht, was ich meine. Der Herr mit der Ratte in seiner Kapuze, der kurz vor mir dran war, bekam das aber noch mit und kam mir in der Argumentation zu Hilfe. Innerlich fluchte ich aufgebracht vor mir her. Du Depp. Stell dich nicht doof. Ich zerr dich gleich über die Theke, wenn du mir nicht das Rückgeld gibst. Wir redeten gefühlte 5 Minuten auf ihn ein, bis er verstanden hatte, dass ich nicht früher gehe und doch gleich die Polizei rufen würde. Ich bekam also letztendlich mein fehlendes Geld und unterhielt mich vor dem Laden noch ein wenig mit dem Herrn über seine Ratte, die ich dann auch mal auf den Arm nehmen durfte. Mein erstes Mal mit Ratte. ;-)
Mittlerweile war es schon 20 Uhr… ein wenig weiter entlang schlendern und dann zurück zum Hotel und noch die letzte Nacht buchen und bezahlen. Die Option hatte mir der Besitzer ja gelassen. Sehr cool. Den ganzen Kram ablegen. Umziehen und dann zum Eiffelturm.
Puhh.. Samstag Abend ist die Metro also genauso voll wie am Mittag. Warum wundere ich mich eigentlich? War doch zu erwarten. Mittlerweile ist es ca. 21:30 Uhr. Aussteigen an der Station Trocadéro. Ausgang in Richtung Eiffelturm nehmen wollen. Zum Glück sehe ich genau in diesem Moment noch einen – aus einem der vorderen Wagen der Metro – torkelnden jungen Mann… direkt auf mich zu. Ich mache einen kleinen Schritt nach rechts und bleibe stehen. Da kotzt er direkt schräg links vor mir auf den Boden. Jawoll. Herzlich willkommen in Paris. Ich lache verlegen. Na was ein Glück, dass er mir nicht auf’s Kleid gereiert hat. Die Passanten die diese Aktion mitbekommen haben lächeln ebenfalls erleichtert in meine Richtung. Abhaken. Weiter geht’s. Immer der Masse nach. Hoch auf die Terasse mit dem legendären Blick auf den Eiffelturm. In wenigen Minuten geht es los. Ich habe noch eine Position mit freier Sicht gefunden. Kamera einstellen und schon geht es los. 22 Uhr. Ein Raunen geht durch die Menge, als der Eiffelturm zu funkeln beginnt. Hinzu kommt heute auch noch ein perfekt stehender Mond und eine Wolkenlücke, die alles herrlich dramatisch wirken lässt. Sehr schön. Ein Moment, der mir auch noch lange in Erinnerung bleiben wird. Wunderschönes Zusammenspiel aller Komponenten. Ich bleibe noch ein Weilchen sitzen. Beobachte die Verkäufer mit ihren leuchtenden Flugspielzeugen. Schreibe noch ein paar Zeilen in mein Tagebuch und dann gehe ich nocheinmal hinunter zum Turm. Den restlichen Abend genießen. Fotos machen und dann wieder in Richtung Hotel. Ich merke, dass ich letzte Nacht nicht all zu viel Schlaf abbekommen hatte. Also zurück mit der vollen Metro zum Gare de l’Est und die letzten Meter müde zu Fuß.

Sonntag 27.09.2015
Die Nacht hatte ich deutlich länger geschlafen. Das Kirchengebimmel bekam ich kaum mit und auch der Straßenlärm hielt sich in Grenzen. Der Sonntag hielt aber noch eine anderweitige Überraschung parrat. Es war der erste Auto-freie Sonntag, den Paris hatte. Nun ja… was man so autofrei nennt… waren natürlich trotzdem einige unterwegs, doch absolut kein Vergleich, zu den Tagen davor. Ein ungewohntes Bild. Keine verstopften Straßen. Und am Eiffelturm selbst gar keine. Die Chance nutzte ich natürlich an diesem herrlich sonnigen Morgen und machte noch ein paar weitere Aufnahmen. Die Sonne stand im (für mich) perfekten Winkel zum Turm. Wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Yesss! Wie es der Zufall dann auch noch wollte, sollte wenig später am Eiffelturm der Start des 38. Paris-Versailles Marathon stattfinden. Den hab ich natürlich auch noch mitgenommen.
Danach ging es dann durch den Jardin du Champ de Mars in Richtung Militärschule. Auf dem Weg dorthin vorbei an einem Fest für Familien mit ihren Kids, Square-Dance tanzenden Leuten weiter hinten im Park zugesehen und einer wirklich freakig freudigen Japanerin dabei geholfen, noch ein paar Fotos von sich und dem Eiffelturm zu bekommen. Sie muss mich mit meiner Kamera schon von weitem gesehen haben und kam schnurstraks und breit grinsend auf mich zu. War echt klasse. Krasser Style. Sehr cool mit ihrem Zuckerwatte-farbenem Haar. Mein Highlight des Tages.
Danach ging es dann aber wieder zurück zum Hotel. Auschecken. Also mit meinem ganzen Kram in Richtung Gare de l’Est und auf den TGV warten.
Noch eine gute Stunde. Leute beobachten. Lebensgeschichten ausdenken. Wo kommen sie her. Wo wollen sie hin. Was erleben sie. Gesprächsfetzen aufschnappen.
Dann rollt der TGV auch schon ein. Zum Glück sitzt dieses Mal niemand auf meinem Platz. Natürlich wieder am Fenster. Wie reserviert. Wenig später nimmt ein Herr mittleren Alters neben mir Platz. Amerikaner wie sich schnell herausstellt. Kommunikativ. Wieder keine Ruhe. Darf doch nicht wahr sein. Nun gut… verging die Zeit auch recht flott und ich konnte mein holpriges Englisch mal wieder sprechen üben. Nicht nur 5-10 Minuten lang, wie die Tage zuvor. (Ich verstehe weit mehr, als ich selbst über die Lippen auf Englisch rausbekomme. Fehlende Übung eben…)
Es dauerte nicht lange und wir kamen auf das Thema Trump. Vom Reisen in Europa und wo wir überall schon waren über die DDR zu Trump. Irgendwo im Gespräch falsch abgebogen. Ich muss kurz lachen. Mein Gesprächspartner schaut mich verwirrt an und lacht dann mit. Ok. Gut gerettet. Jedenfalls wird unser Gespräch dann doch recht schnell etwas aufgeregter. Was wäre wenn. Trump Präsident und so. Will keiner von uns Beiden. Worst Case-Szenarios in unseren Köpfen. Und dann war es auch schon fast Ende der Fahrt für uns beide. Karlsruhe. Er weiter nach Frankfurt und ich Richtung Basel. War doch ganz nett. Kurzweilig.
In Karlsruhe dann ab in den ICE nach Basel. Ich sitze am Gang. Links neben mir sitzt ein junger Mann der sich New York Fotos an seinem Laptop anguckt. Scheint wohl gerade zurückgekommen zu sein. Aber er ist absolut nicht gesprächig. Auch recht. Rechts neben mir nach dem Gang 2 ältere Damen. Die eine am Gang knabbert Nüsse aus einer Tüte. Eine Verpackung in der sie nur eine sehr kleine Öffnung gemacht hatte. Raschel raschel. Schüttel. Mampf. Raschel. Schüttel. Knister. Mampf. Und so weiter… Kurz bevor ich ihr sagen will, wie unglaublich nervig ihre Art und Weise des Nüsse-Essens bzw. Rausfummeln der selbigen ist, packt sie die Tüte weg. Na da haste ja nochmal Glück gehabt. Beinahe wäre ich zynisch geworden. Halbwegs komplikationslos ging dann auch die restliche Reise bis Heim von statten. Ich hatte nun ein paar Tage meine Tochter nicht gesehen und so war aufgrund meiner Prosopagnosie der Unterschied riesig. Ich staunte. War überwältigt und überglücklich schloss ich sie in meine Arme.

Das war es also… mein kleines Abenteuer. Genau zur richtigen Zeit, denn nur wenig später, sollte sich mein Leben komplett verändern. Ich bin froh, dass ich das damals so durchgezogen hab. Von den Erinnerungen zehre ich noch heute und sie waren es auch, die mich die folgenden Monate gut durchhalten ließen. Wenn man auf sein Herz hört und das durchzieht, dann eröffnen sich neue Wege, die letztenendes doch glücklicher und zufrieden machen, als man vielleicht zum aktuellen Zeitpunkt noch gar nicht absehen kann. Für mich nehme ich jedenfalls als Lebenserfahrung mit, dass egal was kommt, ich auf mich selbst immer vertrauen kann. Ich finde einen Weg, etwas Gutes für mich und meine Tochter daraus zu machen. Wer braucht schon all diesen materiellen Kram, wenn er auch so zufrieden sein kann. Nun so bei Null wieder angefangen zu haben, hatte etwas sehr befreiendes für das ich durchaus dankbar bin.
„We think that if we have health and wealth they’re enough to be happy, but actually happiness depends on the state of our minds.“ (Dalai Lama) Recht hat er.

An dieser Stelle nun auch ein Dankeschön an all diejenigen, die meine Reise bis hierher mitverfolgt haben. Danke für die netten Worte und den Zuspruch. Das bedeutet mir viel!

(Header-Foto: Kronleuchter in der Notre Dame)

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Ein passendes Lied zu meinem Weg: Wolfsheim – Kein Zurück

Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her.

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Prosopagnosie

…oder: Ich hab dich gar nicht (gleich) erkannt.

Prosopagnosie wird umgangssprachlich auch als „Gesichtsblindheit“ bezeichnet.
Den Begriff „Gesichtsblindheit“ finde ich unglücklich gewählt, denn ich sehe sehr wohl Gesichter. Ich sehe sie sogar extrem im Detail. Vermutlich nehme ich sie in kurzer Zeit sogar wesentlich detailraicher als ’normale‘ Menschen wahr – doch ich kann sie einfach nicht als Ganzes abspeichern. Vielleicht liegt es an der Masse der Informationen, die Prosopagnostiker wahrnehmen. So richtig erforscht sind die Gründe allerdings noch nicht.

Es kam mitunter schon vor, dass plötzlich inmitten eines Gespräches sich das Gesicht für mich veränderte. Ein direktes Delete + Reboot der Information, die doch eigentlich noch immer die Gleiche ist. Ich nehme dann auf einmal ganz andere Details wahr, die mich dann denken lassen: „Denjenigen habe ich eben noch ganz anders ‚gesehen‘.“
Manchmal finde ich diesen Vorgang, wenn ich ihn mitbekomme (ist nicht immer der Fall in einem direkten Gespräch), sehr interessant. Es zeigt doch deutlich, dass das Gehirn auf einmal andere Dinge verarbeitet – neu versucht zu interpretieren, um diese ’sicher‘ abzuspeichern.
Ich habe also Probleme, Gesichter als Ganzes wiederzuerkennen, doch ich kann mich sehr wohl an Details erinnern. Kleine Haut-Male, Narben, eine kleine Stelle mit einzelnen grauen Härchen im Haar oder Eigenheiten in der Iris zum Beispiel.

Es sind die anderen Dinge, an denen ich Menschen (wieder-)erkenne. Stimme, Frisur, Details im Gesicht oder den Händen – diese verändern sich nur sehr selten und sind daher relativ ’sicher‘ zu identifizieren für mich.
Aber es gibt auch Vorteile in dieser ganzen Sache…
Ich nehme kleinste Veränderungen im Gesicht meiner Tochter sofort wahr. So wie vielleicht die Großeltern sagen, wenn man nach einer Weile wieder zu Besuch ist: „Du hast dich aber verändert und/oder bist aber groß geworden.“ – Ich habe das jeden Tag. Wenn ich mich selbst im Spiegel betrachte, ist es ebenfalls so. Ich finde das wundervoll und empfinde es in der Hinsicht eher als Geschenk, denn als Ärgernis.
Um hier eines gleich richtig zu stellen… Natürlich erkenne ich meine Tochter. Ich würde sie auch in einer Gruppe ähnlich aussehender Kinder wiedererkennen. Es sind die vielen vielen Details, die ich mit ihr verbinde und die auch einzigartig sind. Ich laufe schließlich nicht blind durch die Welt. Ich erinnere und erkenne eben nur anders, als andere Menschen.

Woher ich weiß, dass ich Prosopagnosie habe? Das wurde bei mir im Rahmen der Autismus-Diagnostik festgestellt. Vorher wusste ich schlichtweg nicht, dass ich das habe. Ich hatte mir unbewusst Strategien wie oben schon erwähnt, angeeignet. Doch auch das schützt nicht davor, dass ich an manchen Menschen unabsichtlich vorbei laufe und dann leider als arrogant und der gleichen gelte, was mir absolut nicht gerecht wird.
Mittlerweile grüße ich fast jeden. Und meistens grüßt man auch zurück. Auch wenn ich keinerlei Ahnung habe, wer das eigentlich ist. Manchmal werde aber auch ich zuerst gegrüßt… hier das gleiche Spiel… freundlich zurück Grüßen und lächeln. Wenn ich nicht angesprochen werde, einfach weitergehen und abhaken. Seitdem ich nicht mehr so viel grübele, wer das gewesen sein könnte, lebt es sich deutlich entspannter.
Ob die Prosopagnosie bei mir kongenital (angeboren) oder später durch den schweren Unfall in meiner Kindheit (mit heftiger Kopfverletzung) entstanden ist, kann man Rückblickend nicht sagen. Prosopagnosie tritt allerdings auch häufig als Komorbidität bei Autismus auf.
Für mich macht das alles keinen Unterschied, was nun die eigentliche Ursache ist. Ich habe mich damit arrangiert. Meistens klappt es ganz gut. Manchmal entstanden dadurch witzige Geschichten, weil ich mit jemandem redete, aber in dem Moment absolut nicht wusste, wer diese Person tatsächlich ist und sich dann erst im Nachhinein herausgestellt hatte, wer das eigentlich war.

Heute gehe ich offen mit dem Thema um und frage gleich erneut nach dem Namen (und/oder der Funktion), wenn ich tatsächlich keine Zuordnung herstellen kann.
Bisher habe ich damit gute Erfahrungen gemacht und kann so gleich andere Menschen für dieses Thema sensibilisieren.

Ein Film der das Thema Prosopagnosie aufgreift ist „Faces in the Crowd“ mit Milla Jovovich. Kann ihn empfehlen. Auch wenn er für Prosopagnostiker wirklich tricky ist. ;-)

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personal: Akzeptanz und Zufriedenheit

…oder auch: Genießen muss wieder neu gelernt werden.

So ging es mir in den letzten Monaten zumindest. Aber kurz etwas weiter zurück in der Zeit.
2015 ging mehr als unglücklich für mich zu Ende. Ich stand vor dem Nichts.
Rückblickend kann ich aber klar sagen, dass dieses ‚Nichts‘ deutlich besser war als das, was ich davor hatte. Ich war gefangen in einem Konstrukt aus Lügen und verdrehter Realität, dass ich nicht selbst geschaffen hatte. Über all die Jahre erkannte ich nicht, dass es absolut schädlich für mich und meine Psyche war. Dieser Knall mit dem es endete – es tat weh. Sehr. Doch tief im Innern wusste ich, dass ich bereit war. Nur die Gefühle verstanden noch nicht. Und machten mir neben ein paar weiteren unbeeinflussbaren äußeren Umständen, den Dezember zusätzlich noch schwerer, als er eh schon war. Emotionaler Ausnahmezustand. Reboot.
Ich entschied mich für einen absoluten Neuanfang. Mittlerweile bin ich frei. Glücklich und zufrieden. Ich weiß nun, ich bin auf keinen Fall für das Fehlverhalten anderer verantwortlich! Und ich lasse mir das auch niemals wieder einreden. In den letzten Monaten bin ich unglaublich gewachsen. Emotional und mental. Mittlerweile ist es auch Tag 200 an dem ich rauchfrei bin.

Tatsache für all diese riesigen Veränderungen ist, dass ich endlich akzeptierte, dass sich manche Dinge im Leben nicht steuern lassen. Aber ein Gefühl der Machtlosigkeit auch nicht mehr zulassen darf. Das ich in gewissen Bereichen mein Verhalten verändern musste. Ich kann schließlich noch immer entscheiden, wie ich mit diesen Dingen umgehen kann. Mich darüber ärgern, machtlos und klein fühlen oder es einfach als Tatsache akzeptieren und mein Verhalten und meine Gedanken der Situation anpassen, die ich eben nicht beeinflussen kann. „Smile and accept.“
Das ist ein Prozess, der ging nicht von heute auf morgen. Das Gehirn braucht Zeit, neue Verdrahtungen zu schaffen. Ich habe das im letzten halben Jahr immer wieder bewusst ‚aktivieren‘ müssen. Mittlerweile sehe ich deutliche Erfolge, wie ich mit solchen Situationen anders (und gelassener) umgehe als früher. Und ich denke, einen großen Einfluss darauf hatte auch das Ashtanga Vinyasa Yoga, mit dem ich im Februar anfing. Selbstakzeptanz. Es ist nicht schlimm etwas nicht (gut) zu können. Es ist nur nicht optimal, wenn ich nicht wenigstens versuche das für mich negative zu ändern.

Denn aus eigener Erfahrung weiß ich: „Die Perspektive wird sich nicht ändern, wenn man nicht einfach los läuft und schaut, was doch alles passieren kann.“

In den letzten Monaten stellte ich auch fest, wie niedrig meine Ansprüche über all die Jahre eigentlich geworden waren. Zu niedrig. In den falschen Dingen.
Jetzt mit dieser neuen Freiheit war das alles neu und ungewohnt für mich. Ich fühlte mich zu Beginn schlecht, wenn ich mir etwas gönnte. Hatte ein regelrechtes schlechtes Gewissen. Doch mittlerweile habe ich wieder gelernt, dass ich mir selbst doch am wenigsten Rechenschaft schuldig bin, wenn ich etwas tue, was mich glücklich und zufrieden macht. Ich niemanden mehr bitten oder um Erlaubnis fragen muss. Ich tue es nun einfach.

Ich merke, wie ich mein Leben wieder genieße. Im Großen wie im Kleinen. Ich erkenne, wenn ich in alte Verhaltensmuster zurückfalle. Das ist okay. Veränderung braucht Zeit – doch ich steuere nun schneller dagegen. Die Gedankenspiralen sind deutlich weniger geworden. Dafür habe ich mehr Strategien für dieses oder jenes entwickelt, die gezielter und effektiver zum Einsatz kommen.
Das gelang mir nur, weil ich auch explizit nach meinen Verhaltensweisen fragte, offen für Kritik war und diese eben auch annahm. Es war nicht immer angenehm zu hören, welche Denkweisen letztendlich doch zu verbissen oder gar destruktiv waren. Das zu akzeptieren tat zunächst weh – doch im Endeffekt… ich sehe, wie sehr es mir hilft, die Perspektive ab und an zu verändern. Es ist jedes mal auf’s neue harte Arbeit, die ich aktiv bewältigen muss, aber die Erfolge motivieren weiter.
Meine Schlafstörungen die ich all die Jahre hatte. Im Grunde: weg. Keine Medikamente. Gesunder Schlaf. Vorbei die Zeiten, in denen ich pro Nacht – wenn überhaupt – mal 2-3 Stunden Schlaf fand… Im Nachhinein frage ich mich wirklich, wie ich das überhaupt über Jahre aushalten konnte.

Das alles führt dazu, dass ich mittlerweile wirklich glücklich und zufrieden bin. Ich brauche nicht viel. Ich habe meine Tochter. Eine kleine Wohnung für uns beide. Heidelberg. Inspiration. Mut und Zuversicht. Ich bin wieder kreativ und mache Fotos. Und vor allem… ich bin endlich ich selbst.
Das was noch vor mir liegt, macht mir keine Angst mehr… im Gegenteil. Ich freue mich auf das, was wohl noch kommen mag.
Wenn das keine Zufriedenheit ist, dann weiß ich auch nicht.

Eines der Lieder aus meiner aktuellen Playlist: Hurts – Illuminated

 
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Paris – II

Hier geht es zu Teil I

(Noch einmal zur Erinnerung: kursiv = Gedankengänge; ich habe viel im Tagebuch festgehalten)

Da gingen wir also nun unserer Wege. Das erste Mal am Gare de l’Est – erinnert mich stark an den Frankfurter Hauptbahnhof. Na dann mal ab durch die Mitte.
Die Menschen aus dem Zug strömten in alle Richtungen. Ich ging nur geradeaus. Schon fast symbolisch. Vorwärts. Schritt für Schritt. Gespannt was mich erwartet.
Bahnhofsvorplatz. Die Sonne blendet. Ich atme tief durch. Genieße den Augenblick. Schiebe die Sonnenbrille vom Kopf zur Nase hinunter. Hier bin ich.
Paris. Mon amour.
Da bin ich hier und nun? Unterkunft… falls das heute nicht klappt, ich hab schon anderes durch. Eine Nacht schlag ich mir notfalls auch so um die Ohren, wäre nicht das erste Mal. Also los jetzt!
Weiter geradeaus über die Kreuzung. Das erste Café. Noch eines. Dann ein Hotel. Auf den Aushang gucken. Nein. Nicht wirklich mein Budget mit 240,-€ die Nacht. Weiter. Eine schöne Kirche. Église Saint-Laurent. Ich bleibe stehen. Wunderschöner Gotik-Stil. In Ruhe ansehen. Und weiter. Das nächste Hotel. Ok. Sieht schon von außen verdammt teuer aus. Ich wage trotzdem einen Blick. Nein. Da bleibe ich einen Moment stehen. Als wenn die Information jetzt erst ankommt. Ich gehe nochmal wenige Schritte zurück und blicke in die kleine unscheinbare Seitengasse. Ein Schild: Hotel Sibour.
Unscheinbar, aber direkt neben der Kirche. Ziemlich mittig der kleinen Gasse der Eingang. Wirkt ja eigentlich nicht gerade toll. Erstmal eine rauchen. Ich schaue auf den Aushang und glaube meinen Augen kaum. 80 – 90,-€ das DZ mit Dusche und TV. 40,- hingegen das Einzelzimmer ohne alles. Klo/Dusche auf dem Gang. Wie im Ferienlager damals. Why not. Hostel wäre auch nicht besser, dafür zusätzlich mit Großraumzimmer. Ich wollte es so. Wird schon nicht so siffig sein. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe hinein. „Bonjour“ und gebrochenes französisch meinerseits. Der freundlich wirkende Herr an der Rezeption schwenkt um auf english. Ich erkläre ihm, dass ich das Einzelzimmer ohne alles möchte. Etwas ungläubig schaut mich der Herr an. Ich frage noch einmal nach der Zimmerausstattung. Bin hin- und her gerissen. Ich nehme es. Will ich das wirklich? Budget gibt auch knapp das Doppelzimmer her, dann spare ich eben woanders. Nach etwas erklären und fragen nehme ich dann doch das Doppelzimmer. Ein wenig verhandeln. Ha! 70,- bietet mir der Herr an. Das ist ungefähr das, was ich auch bei AirBnB gezahlt hätte. Ich buche 2 Nächte, die Dritte Nacht… mal schauen, wo ich bin. Ich bekomme Zimmerschlüssel und Fernbedienung überreicht. Fernbedienung? Ok. Geht gut los. Ich muss ein wenig grinsen und gehe links und dann wieder rechts zum Aufzug. Klein. Passt mit dem Rucksack auf dem Rücken gerade so. So langsam wie der Aufzug fährt und Geräusche von sich gibt, bin ich erleichtert, als die Tür wieder auf geht. Heil im 3. Stockwerk angekommen.
Ich gehe nach rechts. Komme am Treppenhaus vorbei. Überall dunkler Teppich. Passend zum dunklen Gang. Mir schießen Bilder von schlechten Horrorfilmen in halbdunklen Hotels ins Bewusstsein. Da ist es. Mein Zimmer auf der linken Seite. Ich schließe auf. Erwarte schlimmes.
Und bin erschrocken. Das hab ich nicht erwartet. Großes Doppelbett, Blümchentapete, ein toller alter Kleiderschrank. Hell.
Fenster auf. Ausblick. Fantastisch. Ein toller Blick auf die Kirche. Ich setze meinen schweren Rucksack und die Tasche mit meiner Kamera ab. Probeliegen. Bequem. Freude. Ein paar kleine Tränen laufen mir über die Wange. Geschafft. All die Angst. Unbegründet. Alles wird gut. Nun ein Blick ins Bad. Oha. Eng.
Trocken-Probesitzen. Wenn ich die Tür nicht zumache ist es gar nicht so wild. Platzangst hab ich eigentlich keine, aber Tür zu, ist mir dann doch zu eng. Zimmer hab ich eh für mich allein – so what. Linken Fuß ins Zimmer ausstrecken. Meine rechte Schulter leicht unters Waschbecken schieben, Kinn mit Würde darüber. Geht schon. Zum Glück bin ich nicht mehr ganz so dick wie früher. Ich muss laut lachen. Bilder in meinem Kopf, wie ich eingeklemmt im Bad hänge und um Hilfe zappele. Ja. Alles machbar hier. Bin zufrieden. Ich schaue mich in dem Mini-Bad von meinem ‚Thron‘ aus um. Riecht etwas nach Chlor. Ok. Es ist alles sauber. Duschtür aufgeschoben. Ist aber auch nicht sehr groß der Spalt, durchquetschen. Wird schon passen heute Abend. Mein Blick wandert weiter. Kein Schimmel. Keine Flecken, kein Ungeziefer, keine Spinnweben. Ein heller freundlicher Gelbton an der Wand. 1 Rolle Klopapier. 2 Handtücher. 1 eingepacktes Glas unter dem Spiegel auf der Ablage.
Nun weiter. Tasche etwas erleichtern. Kamera checken. Endlich etwas essen. Bifi-Roll – trocken, aber hilft für’s Erste. Nun runter zur Rezeption. Dort bekomme ich einen kostenlosen Stadtplan und noch den Hinweis, wann die Tür geschlossen ist und ich dann klingeln muss, um wieder hinein zu kommen. Alles klaro. Voller Elan raus aus der Tür und ab nach rechts, wieder zur Hauptstraße, als ich mich vorhin entschied, zurück zu gehen.
Ich laufe die Straße entlang. Sauge alle Eindrücke auf. Wissend, dass ich an der Seine wieder raus kommen werde. Schick hier. Ich überquere die nächste Kreuzung und laufe weiter. Und weiter…
Irgendwas ist anders. Vor lauter Eindrücken so ausgereizt in der Verarbeitung… Wo bin ich hier? Hier bin ich doch falsch. Alles anders. Anders als erwartet. Wo sind die Leute von vorhin hin, die auch in diese Richtung liefen? Die anderen Touristen? Hallo? Ich bleibe stehen und sehe mich in Ruhe um.
Tatsächlich bin ich mit überqueren der letzten Straße im Afrikaner-Viertel gelandet. Keinerlei Weiße mehr zu sehen. Ich gebe zu, dass ich etwas erschrocken war. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich gehe weiter. Viele junge Männer die in Gruppen vor den Geschäften stehen. Viele Friseur-Salons. Hübsche Frauen kommen und gehen. Die jungen Männer öffnen die Türen. Hat etwas Türsteher-Charakter. Prollig. Goldketten. Muskulös, Sonnenbrille. Handy. Vor fast jedem Geschäft. Eine andere Welt. Boulevard de Strasbourg.
Ich bemerke, dass ich ziemlich angestarrt werde. Scheinen nicht viele weiße junge Frauen sonst allein hier entlang zu laufen. Je weiter ich gehe, desto mehr Männer-Grüppchen stehen auf dem Weg und beobachten mich schon von weitem. Ich lasse mich nicht beirren und laufe weiter. So unvorhergesehen; ich kann die Architektur um mich herum gerade nicht genießen. Unerwarteter Kulturschock. Vielleicht trifft es das.
Ich habe Hunger. An der nächsten Kreuzung biege ich rechts ab. Dann wieder links. Viele kleine Geschäfte. (Rue Saint-Denis)
Immer weiter Richtung Süden. Links der Tour Saint-Jaques. Da ist sie. Die Seine.
Ich entschließe mich dazu, am Quai bis zur Pont des Arts zu schlendern. Vorbei an diversen Malern und der Pont Neuf. An der Pont Neuf helfe ich noch einem Pärchen ein schönes Foto von sich zu bekommen, genieße den Blick und laufe weiter. Rechts der Louvre. Links die Weltberühmten Schlösser. Leider nicht mehr an der Brücke selbst, da diese unter dem Gewicht gelitten hatte und vor kurzem demontiert wurden. Am Quai ließ man aber noch einige wenige Geländer stehen und war somit für viele Pärchen Anziehungspunkt Nr. 1.
Ich machte noch ein paar Fotos, vorbei an einer Polizeistreife auf Inline-Skates, die gerade jemanden überprüften. Ich gehe bis zur Mitte der Brücke und entscheide mich dann doch spontan in Richtung Louvre zu gehen. Ich gehe in Richtung Garten, setze mich auf einen der vielen Sonnenstühle am Brunnen, und genieße den Moment. Ich beobachte Möwen, Touristen, Einheimische, offensichtliche Models, Künstler, Fotografen, Tierliebhaber – alles dabei. Ein wundervoller Ort zum entspannen. Das Wasser plätschert. Ein leichter Wind und die Sonne, die die Wolken hin und wieder etwas dramatisch wirken lässt.
Eine gute Stunde verbrachte ich hier, bis ich mich wieder auf den Weg machte. Ticket besorgen.
Ab in Richtung Pyramide. Ein kurzes Louvre-Selfie von und mit mir (wenn ich schon hier bin ;-) ) und übereifrige Damen dabei beobachten, wie sie gute 10 Minuten lang versuchen, die perfekte Selfie-Pose zu finden. Vor der Pyramide selbst an einem Absperrgitter sitzen 4 Kunststudentinnen, die den Louvre sehr gut zu Papier gebracht haben. Tolle Zeichnungen.
Weiter. Eingang suchen. Carrousel du Louvre. Irgendwo hier muss doch der Eingang sein. Jetzt laufe ich schon im Kreis. Toll. Ich bin genervt. Ich entschließe mich dazu, die Suche abzubrechen und auf Risiko zu gehen. Ticket dann eben morgen früh mit Anstehen an der Pyramide. Das kann ja heiter werden.
Ich gehe wieder durch die Tuileries Garden. Der Blumenduft ist sehr eindringlich. Riecht gut. Meine Laune hebt sich wieder. Vorbei an Statuen. Hier und da noch ein Foto und weiter zum Place de la Concorde. Der Obelisk mit der Goldenen Spitze. Eindrucksvoll. Vor über 10 Jahren, als ich das letzte Mal an dieser Stelle stand, hat mich das alles nicht so sehr beeindruckt, obgleich damals der Grundstein für meine Liebe zu Paris gelegt wurde. Ich drehe eine Runde um den Obelisken und gehe dann zum südlichen Springbrunnen, um ein paar Aufnahmen zu machen. Gerade angekommen sehe ich einen Mann. Was zum Kuckuck macht der da? Rucksack liegt am Rand, er im Wasser watend. Was sucht er? Na hauptsache er wäscht sich nicht noch. Der Mann dreht seine Runden im Brunnen, ich versuche einen halbwegs ordentlichen Blickwinkel mit der Kamera festzuhalten. Just in diesem Moment bemerke ich die Überwachungskameras und dass das Wasser weniger wird. Schnell noch ein paar Fotos, jetzt spritzt es nicht so. Der Mann dreht weiter seine Runden und ich höre Sirenen, die immer näher kommen. Ich muss grinsen… Ich habe es gewusst. Warum eigentlich immer ich? Ich überlege noch kurz mich zu entfernen, aber denke mir nur, dass das dann womöglich erst recht verdächtig wirkt. 3 Polizeiwagen halten, einer an jeder Seite um uns herum. 5 Beamte steigen aus. Hand an der Waffe. Walkie-Talkie-Sprachfetzen. 2 sitzen noch im Auto. Ich werde gebeten mich auszuweisen, obwohl ich signalisierte nicht zu dem Herrn zu gehören. Ich zeigte meine letzten Aufnahmen, während meine Personalien von einem Polizisten im Auto via Funk überprüft wurden. Fehlt jetzt noch, dass ich womöglich noch mit auf’s Revier soll, um eine Aussage zu machen. Aber alles gut. Sie glaubten mir, ich bekam meinen Ausweis wieder, wurde höflich verabschiedet und durfte gehen. Bei dem Herren aus dem Brunnen dauerte es länger. Ich glaube sie haben ihn mitgenommen. Bin mir aber nicht sicher, so genau habe ich nicht mehr drauf geachtet. Zu viel in diesem Moment. Ich gehe über die Straße zum Park. Setze mich auf eine Bank und zünde mir auf den Schrecken eine Zigarette an.

weiter mit Teil III

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Louvre. Selfie.
Louvre – Selfie
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster

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Kapazitätenkiste

„Siehste… es geht doch, wenn man nur will!“
 

Nein – geht eben nicht!
Aufgrund der doch sehr krassen Veränderungen in meinem Leben wurde ich in letzter Zeit wieder häufiger mit diesem widerwärtigen Spruch bombardiert.
Warum ich das so sehe?
Weil damit völlig außer Acht gelassen wird, was man alles auf sich nimmt bzw. nahm, um nicht zu zerbrechen.
Manchmal hat man im Leben keine Wahl. Du wirst vor vollendete Tatsachen gestellt, konntest bestimmte Dinge in deinem Leben nicht beeinflussen, weil sie in den Händen anderer lagen.
Denn es ist keine Wahl die du triffst: machen oder zerbrechen.
Das ist reiner Überlebensinstinkt der in solch krassen Situationen einsetzt. Mechanisches funktionieren. Keine frei gewählte Handlung. Friss oder stirb.
Und jeder da draußen, der nicht mehr „fressen“ kann oder will, der hat seine Gründe. Gründe können vor allem sein: Hoffnungs- und Hilflosigkeit, aufgrund von fehlendem Verständnis und Unterstützung.
Eben dieses fehlende Verständnis und Durchleben einer solchen Situation bringt manche Menschen dazu, dir einen solchen Spruch an den Kopf zu werfen. (RW)
Sie ignorieren die Realität. Meine Realität.

Wie sieht denn meine Realität aus? Wie war es bei mir?
Die eigentliche Veränderung, die mich das alles so gut hat durchstehen lassen, begann schon viel früher.
Bei mir war es um den 30. Geburtstag herum… – eigentlich muss ich sogar noch etwas weiter ausholen…
Aufgrund meiner schwierigen Schwangerschaft, der traumatisierenden Geburt, dem Fehlverhalten der Ärzte im Vorfeld und behandelnden Pflegerinnen auf der Station, setzte dort schon eine tiefe und unbewusste Veränderung in meinem Körper ein.
Tatsache ist, dass ich in diesem Zustand allein gelassen wurde.
Ich habe eine mittelschwere Wochenbettdepression mit starken Zwangsgedanken allein durchlebt und letztenendes überwunden. Damals erhielt ich keinerlei ärztliche Hilfe – von Medikamenten ganz zu schweigen… Im Gegenteil, ich hatte zu dieser Zeit sogar noch mit allerhand Unverschämtheiten mir gegenüber zu kämpfen. Das Narzisstische Monster zeigte sein wahres Gesicht, als ich mein Baby im Arm hielt.
Wenn ich ehrlich bin… Es ist ein Wunder, dass ich heute mit meiner Tochter hier bin. Würde man alle Einzelheiten kennen, man hätte sich damals nicht über einen traurigen Zeitungsartikel gewundert. Aber dazu kam es ja glücklicherweise nie!
Es ist unglaublich, was ich und mein Körper mit seinem Überlebensinstinkt da geleistet haben.
Überlebensinstinkt mit Neugeborenem vs. Hormonchaos, Trauma, Schmerzen, fehlende Unterstützung/Verständnis.
Ziemlich krasses Ungleichgewicht.
Und genau dort mittendrin… exakt 8 Wochen nach der Geburt hatte ich meinen Termin in der Psychiatrie bzw. Autismus-Ambulanz der Uni-Klinik.
(Also es braucht mir wahrlich niemand damit kommen, wie „einfach“ ich es doch gehabt hätte!)
Jedenfalls… die Diagnose bzw. die Diagnosen (ich bekam nicht nur Autismus diagnostiziert), das veränderte nochmal so einiges – machte die kommenden Monate gleichzeitig um einiges schwieriger, als sie sowieso schon gewesen wären.
So vieles was ich allein verstehen, lernen und bewältigen musste.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich diesen mechanischen Überlebensinstinkt das erste Mal bewusst wahr nahm. In diesen 3 Jahren seither habe ich verstanden wann er bei mir einsetzt, wie er funktioniert und was er mit mir macht. Denn als er vergangenen November wieder einsetzte war ich vorbereitet. Vorbereitet auf das scheinbar Unmögliche. Die freigesetzten Kräfte und Kapazitäten.
Da bin ich auch schon beim eigentlichen Knackpunkt… den Kapazitäten.

Gewisse Dinge nur zu wollen, reicht nicht. Dieses „Wollen“ braucht Vorbereitung, Übung und vor allem Zeit.
Zurück zu meinem 30. Geburtstag… nichts besonderes… lediglich eine Runde Zahl. Ich begann mein Leben zu hinterfragen. Was will ich eigentlich? Bin ich glücklich? Bin ich zufrieden? Soll es so weitergehen?
Ich kam zu dem Schluss, dass Veränderung her muss. Die sollte allerdings Zeit brauchen. So wie es Zeit brauchte, all das Vergangene zu verarbeiten und daraus zu lernen. Veränderung geht nur durch Verstehen.
Mir wurde bewusst, dass meine Resilienz sehr stark ist, obwohl meine Umweltfaktoren bis dahin eher das Gegenteil vermuten ließen.

Im übrigen ist es mein Bestreben, dass es irgendwann einmal erforscht wird, wie es sich mit der Resilienz speziell bei Autisten verhält. Bisher ist mir dazu nichts bekannt.

Ich begann mich also zunehmend gegen Fehlverhalten zu wehren. Überlegte mir immer und immer wieder neue Strategien. Probierte aus und veränderte allmählich meine Gewohnheiten und mein Verhalten. Ich gestand mir ein, mich in gewissen Dingen bisher falsch verhalten zu haben. Das ist nicht leicht. Aber ich hatte verstanden, dass ich mir im Endeffekt nur selbst schadete.
Klitzekleine Schritte, aber dafür stetig.
Wie ich schon erwähnte… das ich mich veränderte passte nicht jedem, aber wichtig ist, dass ich schaue, dass es mir gut geht. Ich bin schließlich nicht für Entscheidungen und (Fehl-)Verhalten von anderen verantwortlich und vor allem – ich lasse mich dafür nicht mehr verantwortlich machen!
Ich bin stark – das hat mir mein Lebenslauf gezeigt.

Ich versuche es einfach bildlich zu erklären… Es ist ähnlich der „Löffeltheorie“.
Ich nenne es meine „Kapazitätenkiste“.
Jeder hat eine Kapazitätenkiste (nachfolgend nur noch „KK“) mit seiner Geburt erhalten und schleppt sie seither mit sich herum. Bei dem Einen ist sie recht groß, bei dem Anderen klein. Im Laufe der Jahre kommen dann gewisse Gegenstände hinein. Jeder Gegenstand steht für eine Fähigkeit, die er kann oder erlernt hat. Die Kiste wird immer voller – es wird übereinander gestapelt was geht… Und manches geht dabei eben auch kaputt durch den Druck von oben, man stolpert oder durch Unfälle.
Durch eine Behinderung kommt man an einige Teile in seiner Kiste nicht so ohne weiteres heran oder aber hatte vielleicht nie die Möglichkeit Dieses oder Jenes hinein zu tun.

In dieser Zeit begann ich also in meiner KK herumzuwühlen. Ich fand so einige Gegenstände z.B. ein sehr verstaubter goldfarbener Handspiegel, ein mp3-Player mit leerer Batterie, zerbrochenes Geschirr, alte Fotos und ein Notizbuch mit einer getrockneten Blüte zwischen den Seiten.
Nun… was passiert, wenn man in so einer alten Kiste (in meinem Falle mittlerweile 31 Jahre alt) herumwühlt? Genau… Zwangsläufig wird Staub aufgewirbelt, man entdeckt längst vergessene und verloren geglaubte Dinge.
Man beginnt die oberen Gegenstände zu ordnen und kurz bei Seite zu stellen, um Platz zu schaffen. Weiter nach unten vorzudringen. Das zerbrochene Geschirr (ungesunde Ernährung) habe ich weitestgehend entsorgt. Der schwere, aber verstaubte Handspiegel (mein Selbstwert)… ich habe ihn gereinigt. Er ist wieder schön anzusehen. Die alten Fotos (Erinnerungen)… Sie haben mir gezeigt, wer ich einmal war. Sie erinnerten mich aber auch an viele schlechte Momente. Ich habe sie losgelassen. Behalten habe ich nur die, die mich spontan lächeln ließen. Der mp3-Player… ich habe eine neue Batterie eingesetzt und nun kann ich Musik wieder genießen und mich frei hineinfühlen. Das Notizbuch… ich schreibe meine Geschichte wieder selbst. Die Blüte zeigt mir, auch an den kleinen Dingen nicht achtlos vorrüber zu gehen.

Wenn nun also Lebenskrisen geschehen, dann kann es passieren, dass du deine Kiste vor Schreck fallen lässt, alles durcheinander wirbelt, zu Boden fällt und du nur noch mit chaotischem Einräumen (hineinwerfen) beschäftigt bist, weil die Gesellschaft nicht akzeptiert, dass da etwas herumliegt. Manchmal kommt dir jemand zu Hilfe beim einräumen, aber manchmal eben auch nicht. Alle laufen an dir vorbei, rempeln dich an oder trampeln gar auf deinen (kaputten) Gegenständen herum.
Friss oder stirb.
Einiges kannst du reparieren, doch die Spuren solcher Zwischenfälle bleiben sichtbar. Für dich und diejenigen, die genauer hinsehen wollen. Für den Rest ist oberflächlich gesehen alles in Ordnung.

Ich hatte den Vorteil durch meine bereits vorherige intensive Beschäftigung mit meiner KK, dass sie nicht mehr so voll war. Ich die Möglichkeit hatte, Dinge so abzulegen, dass sie nicht (weiter) kaputt gehen können. Und ich achtete mehr auf meine KK. Ich erahnte den Rempler von hinten und er traf mich nicht mehr mit voller Wucht. Ich hielt die Kiste ganz fest. Was passierte war lediglich, dass sich durch den Rempler (Ehe kaputt, Lügen die ich herausfand) noch mehr Staub lockerte und nach unten heraus rieselte. Ich entdeckte, dass ich mehr Platz in meiner KK habe, als ich noch vor kurzem annahm. Deswegen hatte ich die Möglichkeit Weiteres zu verändern. (Aufhören mit Rauchen, mit Yoga beginnen.)

Es hatte also nichts mit „Wollen“ zu tun, dass ich diese Krise und ihre Widrigkeiten so gut gemeistert habe. Es hatte etwas mit meiner Erfahrung, Resilienz und Vorbereitung zu tun, die schon vor langer Zeit ihren Anfang nahm.

Nur weil ich gerne 3m weit springen will, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch kann.
Viel wahrscheinlicher ist doch, dass ich als Ungeübte bei nur 1,55m ungeschickt lande und mir den Knöchel verknackse.
Wichtig ist so vieles. Das was der Zuschauer gern vergisst. Die korrekte Körperspannung, der Anlauf, der Absprung, die Kraft-Schwung Umwandlung während der Flugphase, die sichere Landung.
Das alles erfordert Übung. Dauerhaft.
Sie funktionieren nicht, nur weil ich das so will – oder andere sagen: „Du musst nur wollen und dich mal richtig anstrengen.“ Das sind dann die Menschen, die lachend neben dir stehen, wenn du am Boden liegst. Dir nicht einmal auf helfen oder dich stützen, wenn du wegen dem verknacksten Knöchel humpelst!

„Siehste…, wenn du nur willst, dann geht es auf einmal doch.“
Das ist alles andere als Hilfe.
Das ist Ignoranz.

Nur weil es für Zuschauer so „einfach“ aussieht so etwas zu bewältigen, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht hart dafür gearbeitet habe, mit all den dazugehörigen Konsequenzen!

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Aktivismus

Ich wollte es auch noch einmal genauer aufdröseln, was gestern mit Selbstdiagnose und Aktivismus gemeint war, aber Felicea kam mir nun zuvor.
Im folgenden also noch einmal ihre Zusammenfassung auf Twitter:

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Wie ich gestern in meinem Blogpost „Nur ein Stück Papier“ vergessen hatte zu erwähnen, hat Aktivismus oder sich für eine Sache einsetzen nichts mit der eigenen Betroffenheit zu tun. Sondern viel mehr, ob etwas in meinen Augen – nach meinen eigenen ethischen Grundsätzen – falsch läuft. Jeder definiert diese für sich selbst, deswegen ist es natürlich völlig legitim, wenn nicht Jeder für das Gleiche kämpft.
Ich setze mich z.B. auch dafür ein, dass Krankenpfleger oder Kindergärtner eine angemessene Bezahlung und vor allem, bessere Arbeitsbedingungen erhalten.
Der Unterschied ist doch lediglich, dass ich keiner dieser beiden Gruppen zugehörig bin – und nicht so tue als ob. Ich sage offen, dass ich das nicht bin.
Und sind wir mal ehrlich…
Es hat doch (leider) heutzutage einen viel größeren Impact auf Medien/Politik, wenn sich nicht nur ‚Betroffene‘ zu Wort melden, sondern auch noch eine breite Masse anderer Menschen sagt: „Hey, schaut alle hierher, hier läuft etwas falsch. Hört auf diese Gruppe, wir unterstützen deren Vorhaben/Ansichten/Forderungen.“
Und genau deswegen setze ich mich dafür ein. Damit ein Umdenken stattfinden kann in der Gesellschaft – vor allem aber in der Politik. Damit eben mehr auf solche Gruppen (Minderheiten) gehört wird.
Minderheiten brauchen nun einmal die Unterstützung der Masse. Wenn die Masse zu laut ist mit ihren Vorurteilen/Ansichten, dann können Minderheiten gar nicht gehört werden.
Sie gehen sprichwörtlich in der Masse unter.

Ich stehe zur aktuellen Diskussion so:
Selbstdiagnose (subjektiv) = dennoch Verdachtsautist
klinische Diagnose (objektiv) = Autist

Ich ging diesen nervenaufreibenden Diagnoseweg.
Mir war es wichtig, dass eine Person die mich nicht schon jahrelang kennt, eine objektive Meinung abgibt, ob meine subjektive Einschätzung… also der Verdacht, dass ich Autistin sein könnte – tatsächlich stimmte.

Ich für meinen Teil kann leider nicht nachvollziehen, wie man aus einer Selbstdiagnose eine Klinische macht, obwohl das real gar nicht der Fall ist.
Also öffentlich behauptet man wäre Autist, obwohl man nur seine subjektive Einschätzung hat. Es ist nicht rational.
Ich sage damit nicht, dass die Selbsteinschätzung zwingend falsch sein muss. Bevor mich hier jemand falsch versteht. Doch eine externe professionelle Meinung – nicht nur zwischen Tür und Angel – halte ich für notwendig, wenn man sich als Autist bezeichnet.
Aktivismus im öffentlichen Raum, da gehört das Internet für mich nun mal dazu, in dem es um konkrete Veränderungen im Leben von Autisten geht, da sollte die Basis eben Ehrlichkeit sein.

Zu sagen, man ist offiziell diagnostiziert… Ja oder Nein. Man hat den Verdacht und wartet auf einen Termin oder man ist eben kein ‚Betroffener‘ und repräsentiert eine ganz andere Gruppe von Menschen, die für Verbesserungen im Leben von Autisten eintreten.

Ich denke das Problem liegt darin, dass die ohne klinische Diagnose glauben, sie dürften nicht mitreden. Das ist doch gar nicht der Fall.
Wie ich schon oben schrieb… Jede Unterstützung ist willkommen.
Das was hingegen wichtig ist, ist die offene und ehrliche Kommunikation.
Teilt euch mit. Sagt was bzw. wer ihr seid.
Autist ja oder nein. Eltern autistischer Kinder, Autistische Eltern(-teile) mit ’normalen‘ Kindern, Ehepartner eines Autisten oder die Musiklehrerin, die sich einfach nur so für das Thema einsetzt ohne direkten Kontakt… oder was auch immer.
Die Kombinationen sind extrem vielfältig.
Durch die Vielfalt gewinnt der Aktivismus an Kraft.
Vielfalt schafft Masse.
Masse hat Kraft etwas zu bewegen.
Nur ehrlich sollte sie sein. Zu sich selbst. Nach außen. Immer.

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Nur ein Stück Papier?

Das Diagnoseschreiben.
In der Autismus-Community spaltet es wie nichts anderes.

Was ich heute ganz stark auf Twitter festgestellt habe ist, dass die Selbstdiagnostizierten leider oftmals dieses fehlende Stück Papier aus verschiedensten Gründen verteidigen. Lebensläufe sind alle unterschiedlich und es mag vielfältige Gründe geben, warum jemand keine professionell erstellte Diagnose erhält.
Ich persönlich verstehe nicht, wie behauptet werden kann, man wäre mit diesem Stück Papier elitär. Irgendwie schwingt da dieser Unterton mit („Du hälst dich für etwas besseres, weil du hast eine und ich nicht.“). Kann sein das ich mich da irre, es ist nur mein Empfinden.
Ich verstehe absolut, wenn manche verzweifeln, weil sie keine Kraft für diesen anstrengenden Weg, des monatelangen Wartens auf den Termin, haben. Das Leben drumherum kann viele Gründe dafür liefern. Deswegen ist dieser Mensch keineswegs schlechter. Doch ich verstehe nicht, wenn aus dieser Verzweiflung heraus nicht offen gesagt/geschrieben wird, dass man eben keine offizielle Diagnose hat.
Jemand der von sich selbst aus sagt, ich habe den Verdacht zum Spektrum zu gehören, ich möchte mich gerne engagieren, aber ich will/kann aus diversen Gründen keine Diagostik machen, den respektiere ich gleichermaßen wie jemanden, der diesen aufwändigen Weg gegangen ist. Aber bitte auch so kommunizieren, welcher Gruppe man angehört. Das beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen und für eine bessere Zukunft eintreten, dass sollte das gemeinsame Ziel sein. Zumindest ist das meines.
Was mir persönlich wichtig ist, ist die Tatsache der Offenheit und Ehrlichkeit.
Das wiederrum mündet in Vertrauen.

Was ich leider feststelle ist, dass dieses Vertrauen oftmals fehlt. Nein, eher ziemliches Misstrauen herrscht.
Da folgen dann gerne Sätze wie: „Aber was ist mit den falsch positiv/negativ diagnostizierten?“ oder: „man sei Autist seit der Geburt und nicht erst ab diesem Stück Papier“.
Natürlich.

Das gegenseitige Vertrauen ist das, was meiner Meinung nach die Community stark macht. Da braucht es keine Zweifler in den eigenen Reihen. Entweder ich vertraue auf die Korrektheit der ärztlichen Diagnose oder der Zweifel zerfrisst mich und ich drehe mich im Kreis, anstatt vorwärts zu kommen.
Wenn ich mich für etwas einsetze, dann habe ich den Standpunkt für mich klar definiert. So das ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann und darauf achte, dass durch meine Handlungen keine Nachteile für andere entstehen.

Zwietracht ist doch genau das, was unglaubwürdig macht. Kräfte werden geopfert, die an anderer Stelle viel wichtiger wären. „Wenn Zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte.“ (RW)
Das ist das Gleiche wie im Sport. Es gibt zwei Varianten. Den anderen respektieren: die beiden führenden Player pushen sich gegenseitig zu neuen Höchstleistungen oder aber den anderen manipulieren wollen: sie beharken sich gegenseitig, zerren am Trikot, machen Fehler, fallen hin und die anderen (in diesem Falle: Therapien mit schädlichen Langzeitfolgen) kommen gemütlich und ohne großen Aufwand vorbei.
Zu welcher Variante willst du gehören?
Pushen oder hinfallen?
Pushen geht nur, wenn Player 1 offen zeigt was er kann. Player 2 mobilisiert seine Kräfte und will mehr – in dieser Zeit hat Player 1 die Möglichkeit der Regeneration, um erneut seine Leistung verbessern zu können. Und so weiter und so fort…

Ich vertraue darauf, dass jemand der behauptet er sei Autist, dies auch von ärztlicher Seite her hat abklären lassen. Ich will nicht zweifeln. Zweifeln macht kaputt. Wenn die Diagnose kein Facharzt bestätigt hat, auch gut, das respektiere ich. Aber dann sei offen und ehrlich. Deine Unterstützung wird dennoch benötigt.
Nur Ehrlichkeit schafft langanhaltendes Vertrauen.
Gegenseitiges Vertrauen macht gemeinsam stark.
Ich für meinen Teil möchte nicht ständig beweisen müssen, dass ich das Diagnoseschreiben hier abgeheftet in einem Ordner habe, weil man mir nicht glaubt. Ich bin nicht besser als andere, nur weil ich dieses Stück Papier habe. Wäre ich stolz darauf, würde es in einem goldenen Rahmen über meinem Schreibtisch hängen. Doch ich bin nicht stolz darauf. Warum sollte ich? Ich habe nichts geleistet dafür. Es ist keine Medaille.
Im Gegenteil, es ist ein Mahnmal dafür, dass ich härter arbeiten muss als andere Menschen, um Gleiches zu erreichen.

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Autismus aktuell in den Medien

Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Beinahe jeden Tag werden neue unbewiesene oder noch schlimmer – längst widerlegte Mythen, als Wahrheit und aktuelle Faktenlage veröffentlicht bzw. ausgestrahlt.
Nicht zu vergessen, dass ‚Autismus oder autistisch‘ das neue Lieblingswort der Medien zu sein scheint, wenn man etwas negatives zu einer Person oder Sache ausdrücken möchte.
Einen sehr guten Überblick über die andauernden journalistischen „Ins-Klo-Griffe“ (Fehlgriffe) zeigt die folgende Seite autismus-ist.de/hall-shame sehr deutlich.

Nun aber erst einmal zu etwas, dass mich vor einiger Zeit schon sprachlos machte, und noch nicht so recht Aufmerksamkeit fand.
Im Film „Plastic Planet“ von Werner Boote geht es um die ‚Vermüllung‘ der Welt und was Plastik noch so alles anrichtet. Nichts ahnend folgte ich bis dahin interessiert dem Film. Ja bis zu der Szene, in der es darum geht, was Plastik alles anrichtet; z.B. weiblichen Schnecken wohl Penisse wachsen lässt – bis im Hintergrund durch eine Frauenstimme fast gebetsartig, dann das Wort Autismus fällt.
Ich dachte ich höre nicht richtig.

Wie solch unbewiesene Behauptungen (jedenfalls ist mir bis dato keine Studie dazu bekannt) in einen Film dieser Größenordnung kommen, ist mir schleierhaft.

A propos schleierhaft… kommen wir also nun zum nächsten Fehlgriff und der Frage, wie so etwas in der heutigen Zeit überhaupt in einem so großen Medium veröffentlicht werden darf.
Der Artikel um den es geht, erschien am 22.03.2015 im Feuilleton der FAZ und wurde von Frau Helene Hegemann geschrieben. Nachzulesen >hier<.
Frau Hegemann ist übrigens die mit dem ‚Axolotl Roadkill‘ und dem Dilemma des Plagiats-Vorwurfes um selbiges. Sie hat also genug Erfahrung im Bereich der Kontroverse und wie man sich am besten selbst ‚ein Ei legt‘.
Doch zurück zum Artikel.
Extrem sauer aufgestoßen ist mir persönlich bereits die Überschrift „Hochstapler und Autisten„. Noch bevor überhaupt der Text gelesen werden kann, werden 2 solche Begriffe einfach mal zusammen in den Raum geschmissen (RW). Nun hat der Leser also 2 Möglichkeiten.
1. Er scrollt weiter herunter und liest nun auch den Text und bildet sich sein eigenes Urteil – oder
2. und das ist viel schlimmer – entscheidet sich dazu, den Text doch nicht zu lesen und geht weiter seiner Wege.
Ja was bleibt denn bei solch einer Überschrift hängen? Das es eigentlich um eine Fernsehserie gehen soll oder das Autisten hier in einem Atemzug grundlos mit Hochstaplern in Verbindung gebracht werden?
Im Grunde möchte Frau Hegemann den Begriff Autismus auch nicht im negativen Kontext verwenden, doch die Art und Weise, wie sie Autismus in ihrem Text benutzt, ist seltenst so derartig unter der Gürtellinie gewesen, wie man es von einigen anderen Journalisten und ihren Fehlgriffen, als Autist bereits gewohnt ist.
Was danach folgt ist ein ziemlich abstruser und verwirrender Text, bei dem es einem schwer fällt herauszufinden, worum genau es nun eigentlich gehen soll.

Im letzten Drittel des Textes folgt der eigentliche Hammer und verdient zu Recht den Namen ‚Kronleuchter-Gate‘.
Sie schreibt: „Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen.“
Bitte was??
Ich bin jetzt zwar nicht wahnsinnig auf dem Gebiet bewandert, was neueste Redewendungen angeht, doch ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass das überhaupt eine darstellen soll. Überhaupt… für was soll das eine Metapher sein? Oder ist das gar nicht die Intention, sondern volle Absicht, um bewusst zu provozieren?
Mittlerweile dürfte sich nun auch schon etwas herumgesprochen haben, dass sich auch in Deutschland ‚Advocates‘ aus dem Autismus-Spektrum zunehmend gegen solche Aussagen zur Wehr setzen. – Wie heißt es doch so schön? „Lieber negative Presse, als gar keine.“
Hätte Frau Hegemann hier von anderen (ethnischen) Gruppen geschrieben, es wäre der Skandal des Jahres. Doch wenn wir Autisten uns gegen solche Beleidigungen aufbäumen, dann wird uns vorgeworfen, wir würden alles viel zu ernst nehmen und natürlich immer und immer wieder falsch verstehen.
Auch die folgenden Sätze Hegemanns werden nicht besser in der Hinsicht, was Autismus betrifft. Schrieb sie eben noch von der „glorifizierten Form von Autismus“ (was soll das eigentlich sein?), und nun „von irgendeinem irrationalem Pflichtbewusstsein“ und das Autisten „sich selbst egal“ wären. Weiter geht’s mit: „unmöglich zu […] Mitmenschen“, „kann nicht lachen, versteht keine Ironie“ bis hin zu „mangelnder Ehrgeiz sich als Individuum zu behaupten“.
Eine ordentliche Schippe aus der Klischee-Kiste, die Frau Hegemann da in ihren Text kippte. Das das eine oder andere in gewisser Weise bei dem ein oder anderen Autisten zutreffen kann, das will ich gar nicht bestreiten, doch alles so undifferenziert in Bezug auf eine Serienfigur – im Zusammenhang mit Autismus – zu schreiben finde ich fahrlässig und prägt nur noch weiter das Bild des emotionslosen und verkorksten Roboter-Autisten, dem jeder egal ist.

Wie die FAZ selbst auf die Kritik zum Artikel reagiert hat, zeigt ganz klar die behindertenfeindliche Einstellung einiger Medien. Kommentare wurden zum damaligen Zeitpunkt gar nicht erst freigeschaltet und mittlerweile ist der Artikel für weitere gesperrt und bereinigt worden.

Weitere Stimmen zum Artikel könnt ihr auf blog.realitaetsfilter.com nachlesen.

Und nun zum geistigen Dünnschiss dieser Woche… – verzeiht meine Wortwahl, aber hier erschien es mir durchaus passend.
Am vergangenen Freitag (27.03.2015) zeigte arte eine Wiederholung des bereits zuvor schon gesendeten Berichtes („Hilfe bei Autismus“). Aktuell ist er in der Mediathek >hier< zu finden. Aber bitte nur mit starken Nerven ansehen.

Im Film werden derartig viele falsche Informationen verbreitet und Autismus einmal mehr in ein negatives Licht gerückt, dass man da selbst mit Galgenhumor kaum noch zurecht kommt.
Bereits zu Beginn des Berichtes wird erwähnt, dass Autismus sich weiter verbreiten würde. Was wahrscheinlicher ist, ist dass nicht Autismus häufiger auftritt, sondern einfach nur das Gespür und die Aufmerksamkeit dafür größer wird, und somit die Früherkennung leichter ist. Ähnliches kann man auch bei Brust- oder Prostatakrebs beobachten.
Noch dazu liegt der Fokus extrem auf dem Leid der Umgebung – sprich der Eltern, der Autisten.
Kein Wort darüber, dass Autisten auch nur Menschen sind und akzeptiert und geliebt gehören, so wie sie sind.
Alles muss therapiert werden. Das Verhalten des Autisten ist nicht akzeptabel. Stimming (z.B. Hände flattern) und deren eigentliche Ursache, warum der Autist sich in diesem Moment beruhigen muss (Reizüberflutung), werden völlig außen vor gelassen. Im Gegenteil, es wird noch gezeigt, wie ein kleines autistisches Mädchen festgehalten wird. Für mich ist die Festhaltetherapie ein Teil einer seelischen Vergewaltigung. Ich schrieb bereits schon an anderer Stelle, was passiert, wenn der Willen des Kindes gebrochen wird und es sich einfach nur noch ohne jegliche Gegenwehr ergibt.
Gegen Ende hört man eine Mutter eines non-verbalen Autisten sagen: „Ich würde so gerne seine Stimme hören, das wäre für mich das wichtigste.“
Das Wichtigste wäre in meinen Augen, das eigene Kind so anzunehmen und zu lieben, wie es ist! Förderung natürlich – doch keine Veränderung, Manipulation oder ‚herumdoktern‘ mit irgendwelchen fragwürdigen Methoden, die angebliche Wunderheilungen versprechen. Autismus ist nun mal ein Teil der Persönlichkeit und kann nicht entfernt werden. Sehr viele der Autisten, wünschen sich das auch gar nicht.

Weiter erwähnt wird noch die Darmflora als der angebliche Auslöser für Autismus.
Hier eine wissenschaftliche Widerlegung auf sfari.org
Die Impfthese wird natürlich ebenfalls mit angesprochen… angeblich autistische Ratten und regressiver Autismus. Was soll das sein? Im ICD-10 oder DSM-V ist so etwas nicht zu finden.

Die Herausgeberin des N#mmer (Nummer) Magazins schrieb zum arte-Beitrag:

https://twitter.com/pollys_pocket/status/581862350980005888

Im Folgenden verlinke ich noch ein paar weitere Tweets zum Thema ‚highfunctioning‘. Viele sprechen mir aus der Seele und zeigen deutlich die Probleme auf, mit denen sich viele hochfunktionale Autisten immer wieder konfrontiert sehen.
#highfunctioningmeans – ein sehr bewegender Blogpost: ischemgeek.wordpress.com

Es ist also noch viel Aufklärung, durch Autisten und Autistinnen selbst, nötig.

Tweets:

https://twitter.com/Tokillamordecai/status/579056259002957824

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