personal: Akzeptanz und Zufriedenheit

…oder auch: Genießen muss wieder neu gelernt werden.

So ging es mir in den letzten Monaten zumindest. Aber kurz etwas weiter zurück in der Zeit.
2015 ging mehr als unglücklich für mich zu Ende. Ich stand vor dem Nichts.
Rückblickend kann ich aber klar sagen, dass dieses ‚Nichts‘ deutlich besser war als das, was ich davor hatte. Ich war gefangen in einem Konstrukt aus Lügen und verdrehter Realität, dass ich nicht selbst geschaffen hatte. Über all die Jahre erkannte ich nicht, dass es absolut schädlich für mich und meine Psyche war. Dieser Knall mit dem es endete – es tat weh. Sehr. Doch tief im Innern wusste ich, dass ich bereit war. Nur die Gefühle verstanden noch nicht. Und machten mir neben ein paar weiteren unbeeinflussbaren äußeren Umständen, den Dezember zusätzlich noch schwerer, als er eh schon war. Emotionaler Ausnahmezustand. Reboot.
Ich entschied mich für einen absoluten Neuanfang. Mittlerweile bin ich frei. Glücklich und zufrieden. Ich weiß nun, ich bin auf keinen Fall für das Fehlverhalten anderer verantwortlich! Und ich lasse mir das auch niemals wieder einreden. In den letzten Monaten bin ich unglaublich gewachsen. Emotional und mental. Mittlerweile ist es auch Tag 200 an dem ich rauchfrei bin.

Tatsache für all diese riesigen Veränderungen ist, dass ich endlich akzeptierte, dass sich manche Dinge im Leben nicht steuern lassen. Aber ein Gefühl der Machtlosigkeit auch nicht mehr zulassen darf. Das ich in gewissen Bereichen mein Verhalten verändern musste. Ich kann schließlich noch immer entscheiden, wie ich mit diesen Dingen umgehen kann. Mich darüber ärgern, machtlos und klein fühlen oder es einfach als Tatsache akzeptieren und mein Verhalten und meine Gedanken der Situation anpassen, die ich eben nicht beeinflussen kann. „Smile and accept.“
Das ist ein Prozess, der ging nicht von heute auf morgen. Das Gehirn braucht Zeit, neue Verdrahtungen zu schaffen. Ich habe das im letzten halben Jahr immer wieder bewusst ‚aktivieren‘ müssen. Mittlerweile sehe ich deutliche Erfolge, wie ich mit solchen Situationen anders (und gelassener) umgehe als früher. Und ich denke, einen großen Einfluss darauf hatte auch das Ashtanga Vinyasa Yoga, mit dem ich im Februar anfing. Selbstakzeptanz. Es ist nicht schlimm etwas nicht (gut) zu können. Es ist nur nicht optimal, wenn ich nicht wenigstens versuche das für mich negative zu ändern.

Denn aus eigener Erfahrung weiß ich: „Die Perspektive wird sich nicht ändern, wenn man nicht einfach los läuft und schaut, was doch alles passieren kann.“

In den letzten Monaten stellte ich auch fest, wie niedrig meine Ansprüche über all die Jahre eigentlich geworden waren. Zu niedrig. In den falschen Dingen.
Jetzt mit dieser neuen Freiheit war das alles neu und ungewohnt für mich. Ich fühlte mich zu Beginn schlecht, wenn ich mir etwas gönnte. Hatte ein regelrechtes schlechtes Gewissen. Doch mittlerweile habe ich wieder gelernt, dass ich mir selbst doch am wenigsten Rechenschaft schuldig bin, wenn ich etwas tue, was mich glücklich und zufrieden macht. Ich niemanden mehr bitten oder um Erlaubnis fragen muss. Ich tue es nun einfach.

Ich merke, wie ich mein Leben wieder genieße. Im Großen wie im Kleinen. Ich erkenne, wenn ich in alte Verhaltensmuster zurückfalle. Das ist okay. Veränderung braucht Zeit – doch ich steuere nun schneller dagegen. Die Gedankenspiralen sind deutlich weniger geworden. Dafür habe ich mehr Strategien für dieses oder jenes entwickelt, die gezielter und effektiver zum Einsatz kommen.
Das gelang mir nur, weil ich auch explizit nach meinen Verhaltensweisen fragte, offen für Kritik war und diese eben auch annahm. Es war nicht immer angenehm zu hören, welche Denkweisen letztendlich doch zu verbissen oder gar destruktiv waren. Das zu akzeptieren tat zunächst weh – doch im Endeffekt… ich sehe, wie sehr es mir hilft, die Perspektive ab und an zu verändern. Es ist jedes mal auf’s neue harte Arbeit, die ich aktiv bewältigen muss, aber die Erfolge motivieren weiter.
Meine Schlafstörungen die ich all die Jahre hatte. Im Grunde: weg. Keine Medikamente. Gesunder Schlaf. Vorbei die Zeiten, in denen ich pro Nacht – wenn überhaupt – mal 2-3 Stunden Schlaf fand… Im Nachhinein frage ich mich wirklich, wie ich das überhaupt über Jahre aushalten konnte.

Das alles führt dazu, dass ich mittlerweile wirklich glücklich und zufrieden bin. Ich brauche nicht viel. Ich habe meine Tochter. Eine kleine Wohnung für uns beide. Heidelberg. Inspiration. Mut und Zuversicht. Ich bin wieder kreativ und mache Fotos. Und vor allem… ich bin endlich ich selbst.
Das was noch vor mir liegt, macht mir keine Angst mehr… im Gegenteil. Ich freue mich auf das, was wohl noch kommen mag.
Wenn das keine Zufriedenheit ist, dann weiß ich auch nicht.

Eines der Lieder aus meiner aktuellen Playlist: Hurts – Illuminated

 
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Paris – II

Hier geht es zu Teil I

(Noch einmal zur Erinnerung: kursiv = Gedankengänge; ich habe viel im Tagebuch festgehalten)

Da gingen wir also nun unserer Wege. Das erste Mal am Gare de l’Est – erinnert mich stark an den Frankfurter Hauptbahnhof. Na dann mal ab durch die Mitte.
Die Menschen aus dem Zug strömten in alle Richtungen. Ich ging nur geradeaus. Schon fast symbolisch. Vorwärts. Schritt für Schritt. Gespannt was mich erwartet.
Bahnhofsvorplatz. Die Sonne blendet. Ich atme tief durch. Genieße den Augenblick. Schiebe die Sonnenbrille vom Kopf zur Nase hinunter. Hier bin ich.
Paris. Mon amour.
Da bin ich hier und nun? Unterkunft… falls das heute nicht klappt, ich hab schon anderes durch. Eine Nacht schlag ich mir notfalls auch so um die Ohren, wäre nicht das erste Mal. Also los jetzt!
Weiter geradeaus über die Kreuzung. Das erste Café. Noch eines. Dann ein Hotel. Auf den Aushang gucken. Nein. Nicht wirklich mein Budget mit 240,-€ die Nacht. Weiter. Eine schöne Kirche. Église Saint-Laurent. Ich bleibe stehen. Wunderschöner Gotik-Stil. In Ruhe ansehen. Und weiter. Das nächste Hotel. Ok. Sieht schon von außen verdammt teuer aus. Ich wage trotzdem einen Blick. Nein. Da bleibe ich einen Moment stehen. Als wenn die Information jetzt erst ankommt. Ich gehe nochmal wenige Schritte zurück und blicke in die kleine unscheinbare Seitengasse. Ein Schild: Hotel Sibour.
Unscheinbar, aber direkt neben der Kirche. Ziemlich mittig der kleinen Gasse der Eingang. Wirkt ja eigentlich nicht gerade toll. Erstmal eine rauchen. Ich schaue auf den Aushang und glaube meinen Augen kaum. 80 – 90,-€ das DZ mit Dusche und TV. 40,- hingegen das Einzelzimmer ohne alles. Klo/Dusche auf dem Gang. Wie im Ferienlager damals. Why not. Hostel wäre auch nicht besser, dafür zusätzlich mit Großraumzimmer. Ich wollte es so. Wird schon nicht so siffig sein. Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe hinein. „Bonjour“ und gebrochenes französisch meinerseits. Der freundlich wirkende Herr an der Rezeption schwenkt um auf english. Ich erkläre ihm, dass ich das Einzelzimmer ohne alles möchte. Etwas ungläubig schaut mich der Herr an. Ich frage noch einmal nach der Zimmerausstattung. Bin hin- und her gerissen. Ich nehme es. Will ich das wirklich? Budget gibt auch knapp das Doppelzimmer her, dann spare ich eben woanders. Nach etwas erklären und fragen nehme ich dann doch das Doppelzimmer. Ein wenig verhandeln. Ha! 70,- bietet mir der Herr an. Das ist ungefähr das, was ich auch bei AirBnB gezahlt hätte. Ich buche 2 Nächte, die Dritte Nacht… mal schauen, wo ich bin. Ich bekomme Zimmerschlüssel und Fernbedienung überreicht. Fernbedienung? Ok. Geht gut los. Ich muss ein wenig grinsen und gehe links und dann wieder rechts zum Aufzug. Klein. Passt mit dem Rucksack auf dem Rücken gerade so. So langsam wie der Aufzug fährt und Geräusche von sich gibt, bin ich erleichtert, als die Tür wieder auf geht. Heil im 3. Stockwerk angekommen.
Ich gehe nach rechts. Komme am Treppenhaus vorbei. Überall dunkler Teppich. Passend zum dunklen Gang. Mir schießen Bilder von schlechten Horrorfilmen in halbdunklen Hotels ins Bewusstsein. Da ist es. Mein Zimmer auf der linken Seite. Ich schließe auf. Erwarte schlimmes.
Und bin erschrocken. Das hab ich nicht erwartet. Großes Doppelbett, Blümchentapete, ein toller alter Kleiderschrank. Hell.
Fenster auf. Ausblick. Fantastisch. Ein toller Blick auf die Kirche. Ich setze meinen schweren Rucksack und die Tasche mit meiner Kamera ab. Probeliegen. Bequem. Freude. Ein paar kleine Tränen laufen mir über die Wange. Geschafft. All die Angst. Unbegründet. Alles wird gut. Nun ein Blick ins Bad. Oha. Eng.
Trocken-Probesitzen. Wenn ich die Tür nicht zumache ist es gar nicht so wild. Platzangst hab ich eigentlich keine, aber Tür zu, ist mir dann doch zu eng. Zimmer hab ich eh für mich allein – so what. Linken Fuß ins Zimmer ausstrecken. Meine rechte Schulter leicht unters Waschbecken schieben, Kinn mit Würde darüber. Geht schon. Zum Glück bin ich nicht mehr ganz so dick wie früher. Ich muss laut lachen. Bilder in meinem Kopf, wie ich eingeklemmt im Bad hänge und um Hilfe zappele. Ja. Alles machbar hier. Bin zufrieden. Ich schaue mich in dem Mini-Bad von meinem ‚Thron‘ aus um. Riecht etwas nach Chlor. Ok. Es ist alles sauber. Duschtür aufgeschoben. Ist aber auch nicht sehr groß der Spalt, durchquetschen. Wird schon passen heute Abend. Mein Blick wandert weiter. Kein Schimmel. Keine Flecken, kein Ungeziefer, keine Spinnweben. Ein heller freundlicher Gelbton an der Wand. 1 Rolle Klopapier. 2 Handtücher. 1 eingepacktes Glas unter dem Spiegel auf der Ablage.
Nun weiter. Tasche etwas erleichtern. Kamera checken. Endlich etwas essen. Bifi-Roll – trocken, aber hilft für’s Erste. Nun runter zur Rezeption. Dort bekomme ich einen kostenlosen Stadtplan und noch den Hinweis, wann die Tür geschlossen ist und ich dann klingeln muss, um wieder hinein zu kommen. Alles klaro. Voller Elan raus aus der Tür und ab nach rechts, wieder zur Hauptstraße, als ich mich vorhin entschied, zurück zu gehen.
Ich laufe die Straße entlang. Sauge alle Eindrücke auf. Wissend, dass ich an der Seine wieder raus kommen werde. Schick hier. Ich überquere die nächste Kreuzung und laufe weiter. Und weiter…
Irgendwas ist anders. Vor lauter Eindrücken so ausgereizt in der Verarbeitung… Wo bin ich hier? Hier bin ich doch falsch. Alles anders. Anders als erwartet. Wo sind die Leute von vorhin hin, die auch in diese Richtung liefen? Die anderen Touristen? Hallo? Ich bleibe stehen und sehe mich in Ruhe um.
Tatsächlich bin ich mit überqueren der letzten Straße im Afrikaner-Viertel gelandet. Keinerlei Weiße mehr zu sehen. Ich gebe zu, dass ich etwas erschrocken war. Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich gehe weiter. Viele junge Männer die in Gruppen vor den Geschäften stehen. Viele Friseur-Salons. Hübsche Frauen kommen und gehen. Die jungen Männer öffnen die Türen. Hat etwas Türsteher-Charakter. Prollig. Goldketten. Muskulös, Sonnenbrille. Handy. Vor fast jedem Geschäft. Eine andere Welt. Boulevard de Strasbourg.
Ich bemerke, dass ich ziemlich angestarrt werde. Scheinen nicht viele weiße junge Frauen sonst allein hier entlang zu laufen. Je weiter ich gehe, desto mehr Männer-Grüppchen stehen auf dem Weg und beobachten mich schon von weitem. Ich lasse mich nicht beirren und laufe weiter. So unvorhergesehen; ich kann die Architektur um mich herum gerade nicht genießen. Unerwarteter Kulturschock. Vielleicht trifft es das.
Ich habe Hunger. An der nächsten Kreuzung biege ich rechts ab. Dann wieder links. Viele kleine Geschäfte. (Rue Saint-Denis)
Immer weiter Richtung Süden. Links der Tour Saint-Jaques. Da ist sie. Die Seine.
Ich entschließe mich dazu, am Quai bis zur Pont des Arts zu schlendern. Vorbei an diversen Malern und der Pont Neuf. An der Pont Neuf helfe ich noch einem Pärchen ein schönes Foto von sich zu bekommen, genieße den Blick und laufe weiter. Rechts der Louvre. Links die Weltberühmten Schlösser. Leider nicht mehr an der Brücke selbst, da diese unter dem Gewicht gelitten hatte und vor kurzem demontiert wurden. Am Quai ließ man aber noch einige wenige Geländer stehen und war somit für viele Pärchen Anziehungspunkt Nr. 1.
Ich machte noch ein paar Fotos, vorbei an einer Polizeistreife auf Inline-Skates, die gerade jemanden überprüften. Ich gehe bis zur Mitte der Brücke und entscheide mich dann doch spontan in Richtung Louvre zu gehen. Ich gehe in Richtung Garten, setze mich auf einen der vielen Sonnenstühle am Brunnen, und genieße den Moment. Ich beobachte Möwen, Touristen, Einheimische, offensichtliche Models, Künstler, Fotografen, Tierliebhaber – alles dabei. Ein wundervoller Ort zum entspannen. Das Wasser plätschert. Ein leichter Wind und die Sonne, die die Wolken hin und wieder etwas dramatisch wirken lässt.
Eine gute Stunde verbrachte ich hier, bis ich mich wieder auf den Weg machte. Ticket besorgen.
Ab in Richtung Pyramide. Ein kurzes Louvre-Selfie von und mit mir (wenn ich schon hier bin ;-) ) und übereifrige Damen dabei beobachten, wie sie gute 10 Minuten lang versuchen, die perfekte Selfie-Pose zu finden. Vor der Pyramide selbst an einem Absperrgitter sitzen 4 Kunststudentinnen, die den Louvre sehr gut zu Papier gebracht haben. Tolle Zeichnungen.
Weiter. Eingang suchen. Carrousel du Louvre. Irgendwo hier muss doch der Eingang sein. Jetzt laufe ich schon im Kreis. Toll. Ich bin genervt. Ich entschließe mich dazu, die Suche abzubrechen und auf Risiko zu gehen. Ticket dann eben morgen früh mit Anstehen an der Pyramide. Das kann ja heiter werden.
Ich gehe wieder durch die Tuileries Garden. Der Blumenduft ist sehr eindringlich. Riecht gut. Meine Laune hebt sich wieder. Vorbei an Statuen. Hier und da noch ein Foto und weiter zum Place de la Concorde. Der Obelisk mit der Goldenen Spitze. Eindrucksvoll. Vor über 10 Jahren, als ich das letzte Mal an dieser Stelle stand, hat mich das alles nicht so sehr beeindruckt, obgleich damals der Grundstein für meine Liebe zu Paris gelegt wurde. Ich drehe eine Runde um den Obelisken und gehe dann zum südlichen Springbrunnen, um ein paar Aufnahmen zu machen. Gerade angekommen sehe ich einen Mann. Was zum Kuckuck macht der da? Rucksack liegt am Rand, er im Wasser watend. Was sucht er? Na hauptsache er wäscht sich nicht noch. Der Mann dreht seine Runden im Brunnen, ich versuche einen halbwegs ordentlichen Blickwinkel mit der Kamera festzuhalten. Just in diesem Moment bemerke ich die Überwachungskameras und dass das Wasser weniger wird. Schnell noch ein paar Fotos, jetzt spritzt es nicht so. Der Mann dreht weiter seine Runden und ich höre Sirenen, die immer näher kommen. Ich muss grinsen… Ich habe es gewusst. Warum eigentlich immer ich? Ich überlege noch kurz mich zu entfernen, aber denke mir nur, dass das dann womöglich erst recht verdächtig wirkt. 3 Polizeiwagen halten, einer an jeder Seite um uns herum. 5 Beamte steigen aus. Hand an der Waffe. Walkie-Talkie-Sprachfetzen. 2 sitzen noch im Auto. Ich werde gebeten mich auszuweisen, obwohl ich signalisierte nicht zu dem Herrn zu gehören. Ich zeigte meine letzten Aufnahmen, während meine Personalien von einem Polizisten im Auto via Funk überprüft wurden. Fehlt jetzt noch, dass ich womöglich noch mit auf’s Revier soll, um eine Aussage zu machen. Aber alles gut. Sie glaubten mir, ich bekam meinen Ausweis wieder, wurde höflich verabschiedet und durfte gehen. Bei dem Herren aus dem Brunnen dauerte es länger. Ich glaube sie haben ihn mitgenommen. Bin mir aber nicht sicher, so genau habe ich nicht mehr drauf geachtet. Zu viel in diesem Moment. Ich gehe über die Straße zum Park. Setze mich auf eine Bank und zünde mir auf den Schrecken eine Zigarette an.

weiter mit Teil III

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Louvre. Selfie.
Louvre – Selfie
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster
morgendlicher Blick aus meinem Hotelfenster

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Paris – I

Paris. Eine Reise und wie ich mich vielen Herausforderungen stellte.
24.09.2015 – 27.09.2015

Das Kursiv geschriebene sind meine Gedanken. Real und ungefiltert.

Doch von vorn.
Montag der 21.9.2015, Nutella hatte gerade zu seinen Gläsern die Aktion, dass es eine 1-Monatige Bahncard 25 Gratis dazu gab. Ok. Gekauft.
Paris hatte ich im Hinterkopf. 2001 war eh schon viel zu lange her. Also Paris. Ich mache das!
Am Abend dann etwas im Web gesurft, ob das denn passen wird wettertechnisch. Sieht gut aus.
Dienstag 22.09.2015. Auf in die Stadt zum DB-Schalter. 20 Minuten Wartezeit. Keine Sitzgelegenheit. Dann war ich dran. Die Dame war sehr nett, kam ebenfalls gebürtig aus dem Osten, wie sich herausstellte. Diesen Nutella-Gutschein hingegeben. Bahncard-Ausdruck bekommen. Hatte ohne Probleme geklappt. „Wo soll es denn hingehen?“ – „Nach Paris bitte. Übermorgen. Ab hier. Rückfahrt am Sonntag.“ Wildes tippen im Computer. Basel – Paris Verbindungen… 3 Stunden. Dann der Einwurf der Dame: „über Karlsruhe wird es aber um einiges günstiger, weil das dann direkt über DB läuft.“ Hm. 3 Stunden länger. Egal. Ich mag Zug fahren. Ich muss sowieso sparen. „Ok. Machen wir.“ sagte ich. Tickets wurden gebucht und ausgedruckt. Europa-Spezial Frankreich. Hin- und Rückfahrt für 156,-€. Kann man wirklich nicht meckern.
Zufrieden ging ich aus dem DB-Büro. Doch mir war etwas flau im Magen. Scheisse. Und wo schlaf ich eigentlich?
Dienstag Mittag… und Donnerstag früh bei Zeiten sollte es losgehen. Also günstige Hostels recherchiert. AirBnB nachgeguckt. Ist auch noch was frei. Aber hab ich dieses Mal keine Nerven für. Die Liste mit den Hostels nehm ich sicherheitshalber aber mit. Sicher ist sicher. Abenteuer! Oder einfach nur gewagt und dumm? – Nix da, ich schaffe das!
Auf nach Paris ohne gebuchte Unterkunft!
Mittwoch… Geschlafen hatte ich die Nacht nicht so dolle. Ob das wirklich gut geht? Ich lasse es drauf ankommen. Noch etwas Recherche, was günstiger kommen wird… Tageskarten oder das Carnet. Vermutlich das Carnet. Öffnungszeiten googeln. Ich will endlich mal in den Louvre. Wo Tickets kaufen. Gefunden. Stadtplan auf google Maps anschauen. Grober Überblick. Wo will ich hin… Ganz schön viel. Könnte etwas stressig werden. Aber ich lasse mich treiben. Die Stadt wird mir den Weg zeigen. Meinem Gefühl folgen.
Trekkingrucksack packen. Schlafsack. Paar Klamotten. Wörterbuch. Kamera. Alle möglichen Ladekabel. Buch. Taschenlampe. Taschenmesser. Getränk und BifiRoll. Wechselschuhe.
Rucksack testweise aufsetzen. Kippt etwas nach links. Also alles nochmal neu packen. Jetzt ist es besser.
Schlafen. Vor lauter Aufregung sind es nur 3 Stunden geworden.

24.09.2015
Mit der Regionalbahn ging es bei Zeiten nach BaselBad. Warten auf den ICE. Verwirrung auf dem Bahnsteig. Wagenplan studieren. Abfahrtszeiten vergleichen. Der ICE der gleich einrollt ist es nicht. Doof gemacht.
Ich sehe viele verwirrte Gesichter. Jung wie alt. Mann wie Frau. Der ICE fährt ein. Doch das ist nicht meiner. Ist das wirklich nicht meiner? Ruhig bleiben, ich hab 3x auf den Plan geguckt – Wagennummern sind auch nicht identisch. Die Anzeigetafel scheint sich nicht entscheiden zu können, welchen ICE sie anzeigen soll. 100%-ig sicher bin ich mir auch nicht, dass das wirklich der falsche ICE ist. Restrisiko 5%.
Ein junger Mann will gerade hastig einsteigen, dreht sich zu mir um und fragt „Karlsruhe?“ Ich schüttele den Kopf. In diesem Moment springt die Anzeige wieder um. Jetzt ist mein ICE ausgewiesen. Abfahrt in 1 Minute. Es kommen Menschen angerannt und hechten in den Zug. Die Türen schließen sich. Eine Frau will wieder aussteigen. Doch da rollt er schon los.
Der Bahnsteig ist fast komplett leer. Der junge Mann lächelt mir noch einmal erleichtert zu, dass er nicht zu denen gehört, die falsch eingestiegen sind. Ich lächele zurück.
Das war dann wohl meine gute Tat für heute.
Warten. Und warten. Minuten werden zu einer gefühlten Ewigkeit.
Das ist doch jetzt nicht wahr. Verspätung. Ich hab doch nur 15 Minuten Umsteigezeit zum TGV in Karlsruhe. Fuck. Auf den Füßen vor und zurück wippen. Eine Durchsage. Triebwagenprobleme. Verzögerung ca. 20 Minuten. Wie soll ich das denn schaffen? Ich bin den Tränen nahe. Soll es das jetzt gewesen sein? Ich bin doch noch gar nicht weit gekommen. Paris in weiter Ferne. 15 Minuten nach Planmäßiger Abfahrtszeit rollt der ICE ein. Geänderte Wagenreihung. Egal. Er ist da. Ich bin erleichtert und für den ICE bis Karlsruhe hab ich sowieso keine Sitzplatzreservierung. Platz am Fenster bekommen. Die Begrüßung tönt durch die Lautsprecher. Der Lokführer will versuchen etwas Zeit aufzuholen. Ich bin wieder etwas zuversichtlicher. Keine weiteren Besonderheiten auf der Fahrt. Toller Sonnenaufgang. Er hat tatsächlich Zeit gut gemacht. Karlsruhe HBF. Hässlich wie eh und jeh. Dafür nun wieder mit 7 Minuten Umsteigezeit. Easy.
Da steht er ja schon. Der TGV. Meine Sitzplatzreservierung rauskramen. Wagen 18. Der ganz vorn. Das erste mal TGV. Da bin ich also mit meinem sperrigen Rucksack direkt ins Abteil. Mein Platz. Da sitzt bzw. schläft eine junge Frau. Was macht sie da? Hab ich mich im Wagen geirrt? Ich gehe noch einmal zurück, um mich zu vergewissern. Den Stau den ich im Abteil fabriziert hatte, erstmal vorbei lassen. Ich bin richtig. Ich zücke also mein Ticket, nehme allen Mut zusammen und versuche die Frau freundlich aber bestimmt zu wecken. Französisch spricht sie. Mit deuten auf mein Ticket und einem „Voiture 18“ darauf hinweisen, wo wir hier sind. Sie holt ihr Ticket hervor. Aha. Falscher Wagen. Sie muss in die 16. Der TGV rollt los. Ziemlich wackelig und ständig geht diese doofe Tür zu. (Mein Sitzplatz war direkt am Fenster, Abteileingang oben rechts) Hat mich 1x eigeklemmt mit meinem Rucksack. Absetzen und noch irgendwie mit in die überfüllte Gepäckablage vor dem Abteil stopfen. Kann zumindest nicht herunterfallen.
Endlich. Ich sitze. Tiefes durchatmen.
Der Herr neben mir bemerkt meine Erleichterung. Ein kurzes Hallo und guten Morgen. Die erste Zeit schaue ich interessiert aus dem Fenster. Ich bin zufrieden. Ich liebe das, wenn die Welt so vorbei zieht.
Der Herr neben mir kramt sein Frühstück hervor. Man hab ich hunger. War das nervenaufreibend bisher. Mein Essen und Trinken sind im Rucksack. Haha. Nein. Ganz toll gemacht. Aufstehen will ich jetzt aber nicht. Ich will ihn nicht beim frühstücken stören. Mhh… riecht sein Brot lecker. Doch aufstehen? Ich blieb sitzen.
Eine schöne Landschaft da draußen. Gefällt mir. Unterwegs in Richtung Strasbourg.
Nach seinem Frühstück holt er seinen Laptop aus seiner Tasche und schaltet ihn ein. Ok. Sehr gut. Hab ich Glück, wenn er arbeiten will. Ich schaue weiter aus dem Fenster. Höre tippen von nebenan.
Dann spricht er mich an. „Sind sie beruflich unterwegs?“ Warum tust du das? Du hast deinen Laptop gerade aufgeklappt. Willst du nicht lieber arbeiten? Warum? Warum sprechen mich nur immer alle an?? Ja ich weiß… das sympathische Mädel von nebenan. Oder ist es doch meine autistische Distanziertheit, die wie ein Mysterium – auf vorwiegend Männer, zumeist mindestens 10 Jahre älter – wirkt?
„Nicht direkt. Ich möchte Fotos machen.“ Nein, warum tue ich das? Warum kann ich nicht einfach lügen? Es geht nicht. Jetzt hab ich sein Interesse geweckt. Toll. Smalltalk in 3..2..1…
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste… ich sollte mich bis Paris mit ihm unterhalten. Ein Smalltalk-Profi, wie sich schnell herausstellte. Ich nehme die Herausforderung an, vielleicht kann ich was lernen. Einfach Augen zu und durch.
Ich erfuhr also, was er beruflich machte. Warum er heute nach Paris fährt. Ich erfuhr interessante Sachen, langweiliges oder aber auch wissenswertes. Ich weiß nun, wie man die günstigsten Flüge nach Denver bekommt.
Ein Vorort. Der TGV hält recht abrupt. Ziemliche Bremsung. Mein Abteil, also das Erste… genau auf einer Brücke. Unruhe im Zug. Scheint nicht geplant zu sein. *Pschhhffschhh…* Klingt, als wenn der Zug ausgemacht wurde. Lichter gehen auch aus. Ich gucke nach unten. Geht sehr tief runter. Mein Hirn rattert und spielt alle möglichen nun kommen könnenden Situationen durch. Mein rechter Mittelfinger flattert gegen die Handinnenfläche. Ich ziehe meinen Ärmel vom Pullover etwas mehr hinunter. Ich will nicht, dass der sympathische Herr neben mir das mitbekommt. Dennoch scheint er meinen Stresspegel zu bemerken. Er verwickelt mich wieder in ein Gespräch. Danke. Zusammenreißen und nicht weiter stressen. Anderer Fokus.
*Pfffschhhhtrrrrrr…brummm… krschhhpschhh* Das Licht geht wieder an. Bald schon rollen wir langsam weiter. Bis zur Stadt.
Strasbourg. Sieht toll aus. Wunderschön. Der Dom. Ich staune. Mein Sitznachbar erzählt mir ein wenig über die Stadt.
Hauptbahnhof. Emsiges aus und einsteigen. Ich beobachte eine Frau am Gleis, die noch jemandem hinterher winkt, als wir wieder langsam losrollen. Weiter geht’s.
Jetzt kommen wir auf die Hochgeschwindigkeitstrasse. Sieht ziemlich neu aus. Uuuh… Beschleunigung. Ordentlich. Ein Raunen geht durch’s Abteil. Die Anzeige springt auf die km/h Angaben. 315 km pro Stunde. Ich schaue aus dem Fenster. So schnell. In der Ferne langsam. Spitzenwert waren 322km/h für etwa 2 Minuten.
Schon bald waren die ersten Flugzeuge zu sehen. Wir kamen Paris immer näher. Nun wieder etwas Tippen von links. Kurz durchatmen. Bis ich ihn auf ein tieffliegendes Flugzeug aufmerksam mache. Es sieht so aus, als wenn der Zug immer schön parrallel neben her fährt. 317km/h. Landeanflug auf Charles-de-Gaulle. Der TGV in Richtung Paris Est. Nicht mehr weit. Unruhe im Abteil. Die ersten räumen zusammen. Der Herr und ich bleiben noch gute 5 Minuten entspannt sitzen. Genießen den Ausblick. Nur noch wenige Worte jetzt. Dann machen auch wir uns zurecht und in Richtung unserer Gepäckstücke auf. Im Gang stehen. Ungeduldige Fahrgäste. Ich positioniere mich so, dass ich gut aus einem Fenster sehen kann.
Da ist es. Paris. Ich bin tatsächlich hier.
Der TGV rollt langsam ein. Gleiswechsel. Es schaukelt heftig. Währenddessen haue ich meine rechte Hand an einem Fahrrad an. Das tat weh. Schmerz. Augen schließen. Tief durchatmen. Ich bin hier. Jetzt. Ich akzeptiere die Situation. Gehört mit zu meinem Abenteuer. Der Zug hält. Türen öffnen sich. Wir strömen heraus. Ein Pulk der sich seinen Weg bahnt. Zwischendrin immer wieder glückliches Wiedersehen. Freude anderer Menschen. Noch ein kurzer verabschiedender Blick von dem Mann, der neben mir saß. Unsere Blicke verlieren sich in der Masse. Jeder geht seinen Weg.

weiter mit Teil II

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Kapazitätenkiste

„Siehste… es geht doch, wenn man nur will!“
 

Nein – geht eben nicht!
Aufgrund der doch sehr krassen Veränderungen in meinem Leben wurde ich in letzter Zeit wieder häufiger mit diesem widerwärtigen Spruch bombardiert.
Warum ich das so sehe?
Weil damit völlig außer Acht gelassen wird, was man alles auf sich nimmt bzw. nahm, um nicht zu zerbrechen.
Manchmal hat man im Leben keine Wahl. Du wirst vor vollendete Tatsachen gestellt, konntest bestimmte Dinge in deinem Leben nicht beeinflussen, weil sie in den Händen anderer lagen.
Denn es ist keine Wahl die du triffst: machen oder zerbrechen.
Das ist reiner Überlebensinstinkt der in solch krassen Situationen einsetzt. Mechanisches funktionieren. Keine frei gewählte Handlung. Friss oder stirb.
Und jeder da draußen, der nicht mehr „fressen“ kann oder will, der hat seine Gründe. Gründe können vor allem sein: Hoffnungs- und Hilflosigkeit, aufgrund von fehlendem Verständnis und Unterstützung.
Eben dieses fehlende Verständnis und Durchleben einer solchen Situation bringt manche Menschen dazu, dir einen solchen Spruch an den Kopf zu werfen. (RW)
Sie ignorieren die Realität. Meine Realität.

Wie sieht denn meine Realität aus? Wie war es bei mir?
Die eigentliche Veränderung, die mich das alles so gut hat durchstehen lassen, begann schon viel früher.
Bei mir war es um den 30. Geburtstag herum… – eigentlich muss ich sogar noch etwas weiter ausholen…
Aufgrund meiner schwierigen Schwangerschaft, der traumatisierenden Geburt, dem Fehlverhalten der Ärzte im Vorfeld und behandelnden Pflegerinnen auf der Station, setzte dort schon eine tiefe und unbewusste Veränderung in meinem Körper ein.
Tatsache ist, dass ich in diesem Zustand allein gelassen wurde.
Ich habe eine mittelschwere Wochenbettdepression mit starken Zwangsgedanken allein durchlebt und letztenendes überwunden. Damals erhielt ich keinerlei ärztliche Hilfe – von Medikamenten ganz zu schweigen… Im Gegenteil, ich hatte zu dieser Zeit sogar noch mit allerhand Unverschämtheiten mir gegenüber zu kämpfen. Das Narzisstische Monster zeigte sein wahres Gesicht, als ich mein Baby im Arm hielt.
Wenn ich ehrlich bin… Es ist ein Wunder, dass ich heute mit meiner Tochter hier bin. Würde man alle Einzelheiten kennen, man hätte sich damals nicht über einen traurigen Zeitungsartikel gewundert. Aber dazu kam es ja glücklicherweise nie!
Es ist unglaublich, was ich und mein Körper mit seinem Überlebensinstinkt da geleistet haben.
Überlebensinstinkt mit Neugeborenem vs. Hormonchaos, Trauma, Schmerzen, fehlende Unterstützung/Verständnis.
Ziemlich krasses Ungleichgewicht.
Und genau dort mittendrin… exakt 8 Wochen nach der Geburt hatte ich meinen Termin in der Psychiatrie bzw. Autismus-Ambulanz der Uni-Klinik.
(Also es braucht mir wahrlich niemand damit kommen, wie „einfach“ ich es doch gehabt hätte!)
Jedenfalls… die Diagnose bzw. die Diagnosen (ich bekam nicht nur Autismus diagnostiziert), das veränderte nochmal so einiges – machte die kommenden Monate gleichzeitig um einiges schwieriger, als sie sowieso schon gewesen wären.
So vieles was ich allein verstehen, lernen und bewältigen musste.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich diesen mechanischen Überlebensinstinkt das erste Mal bewusst wahr nahm. In diesen 3 Jahren seither habe ich verstanden wann er bei mir einsetzt, wie er funktioniert und was er mit mir macht. Denn als er vergangenen November wieder einsetzte war ich vorbereitet. Vorbereitet auf das scheinbar Unmögliche. Die freigesetzten Kräfte und Kapazitäten.
Da bin ich auch schon beim eigentlichen Knackpunkt… den Kapazitäten.

Gewisse Dinge nur zu wollen, reicht nicht. Dieses „Wollen“ braucht Vorbereitung, Übung und vor allem Zeit.
Zurück zu meinem 30. Geburtstag… nichts besonderes… lediglich eine Runde Zahl. Ich begann mein Leben zu hinterfragen. Was will ich eigentlich? Bin ich glücklich? Bin ich zufrieden? Soll es so weitergehen?
Ich kam zu dem Schluss, dass Veränderung her muss. Die sollte allerdings Zeit brauchen. So wie es Zeit brauchte, all das Vergangene zu verarbeiten und daraus zu lernen. Veränderung geht nur durch Verstehen.
Mir wurde bewusst, dass meine Resilienz sehr stark ist, obwohl meine Umweltfaktoren bis dahin eher das Gegenteil vermuten ließen.

Im übrigen ist es mein Bestreben, dass es irgendwann einmal erforscht wird, wie es sich mit der Resilienz speziell bei Autisten verhält. Bisher ist mir dazu nichts bekannt.

Ich begann mich also zunehmend gegen Fehlverhalten zu wehren. Überlegte mir immer und immer wieder neue Strategien. Probierte aus und veränderte allmählich meine Gewohnheiten und mein Verhalten. Ich gestand mir ein, mich in gewissen Dingen bisher falsch verhalten zu haben. Das ist nicht leicht. Aber ich hatte verstanden, dass ich mir im Endeffekt nur selbst schadete.
Klitzekleine Schritte, aber dafür stetig.
Wie ich schon erwähnte… das ich mich veränderte passte nicht jedem, aber wichtig ist, dass ich schaue, dass es mir gut geht. Ich bin schließlich nicht für Entscheidungen und (Fehl-)Verhalten von anderen verantwortlich und vor allem – ich lasse mich dafür nicht mehr verantwortlich machen!
Ich bin stark – das hat mir mein Lebenslauf gezeigt.

Ich versuche es einfach bildlich zu erklären… Es ist ähnlich der „Löffeltheorie“.
Ich nenne es meine „Kapazitätenkiste“.
Jeder hat eine Kapazitätenkiste (nachfolgend nur noch „KK“) mit seiner Geburt erhalten und schleppt sie seither mit sich herum. Bei dem Einen ist sie recht groß, bei dem Anderen klein. Im Laufe der Jahre kommen dann gewisse Gegenstände hinein. Jeder Gegenstand steht für eine Fähigkeit, die er kann oder erlernt hat. Die Kiste wird immer voller – es wird übereinander gestapelt was geht… Und manches geht dabei eben auch kaputt durch den Druck von oben, man stolpert oder durch Unfälle.
Durch eine Behinderung kommt man an einige Teile in seiner Kiste nicht so ohne weiteres heran oder aber hatte vielleicht nie die Möglichkeit Dieses oder Jenes hinein zu tun.

In dieser Zeit begann ich also in meiner KK herumzuwühlen. Ich fand so einige Gegenstände z.B. ein sehr verstaubter goldfarbener Handspiegel, ein mp3-Player mit leerer Batterie, zerbrochenes Geschirr, alte Fotos und ein Notizbuch mit einer getrockneten Blüte zwischen den Seiten.
Nun… was passiert, wenn man in so einer alten Kiste (in meinem Falle mittlerweile 31 Jahre alt) herumwühlt? Genau… Zwangsläufig wird Staub aufgewirbelt, man entdeckt längst vergessene und verloren geglaubte Dinge.
Man beginnt die oberen Gegenstände zu ordnen und kurz bei Seite zu stellen, um Platz zu schaffen. Weiter nach unten vorzudringen. Das zerbrochene Geschirr (ungesunde Ernährung) habe ich weitestgehend entsorgt. Der schwere, aber verstaubte Handspiegel (mein Selbstwert)… ich habe ihn gereinigt. Er ist wieder schön anzusehen. Die alten Fotos (Erinnerungen)… Sie haben mir gezeigt, wer ich einmal war. Sie erinnerten mich aber auch an viele schlechte Momente. Ich habe sie losgelassen. Behalten habe ich nur die, die mich spontan lächeln ließen. Der mp3-Player… ich habe eine neue Batterie eingesetzt und nun kann ich Musik wieder genießen und mich frei hineinfühlen. Das Notizbuch… ich schreibe meine Geschichte wieder selbst. Die Blüte zeigt mir, auch an den kleinen Dingen nicht achtlos vorrüber zu gehen.

Wenn nun also Lebenskrisen geschehen, dann kann es passieren, dass du deine Kiste vor Schreck fallen lässt, alles durcheinander wirbelt, zu Boden fällt und du nur noch mit chaotischem Einräumen (hineinwerfen) beschäftigt bist, weil die Gesellschaft nicht akzeptiert, dass da etwas herumliegt. Manchmal kommt dir jemand zu Hilfe beim einräumen, aber manchmal eben auch nicht. Alle laufen an dir vorbei, rempeln dich an oder trampeln gar auf deinen (kaputten) Gegenständen herum.
Friss oder stirb.
Einiges kannst du reparieren, doch die Spuren solcher Zwischenfälle bleiben sichtbar. Für dich und diejenigen, die genauer hinsehen wollen. Für den Rest ist oberflächlich gesehen alles in Ordnung.

Ich hatte den Vorteil durch meine bereits vorherige intensive Beschäftigung mit meiner KK, dass sie nicht mehr so voll war. Ich die Möglichkeit hatte, Dinge so abzulegen, dass sie nicht (weiter) kaputt gehen können. Und ich achtete mehr auf meine KK. Ich erahnte den Rempler von hinten und er traf mich nicht mehr mit voller Wucht. Ich hielt die Kiste ganz fest. Was passierte war lediglich, dass sich durch den Rempler (Ehe kaputt, Lügen die ich herausfand) noch mehr Staub lockerte und nach unten heraus rieselte. Ich entdeckte, dass ich mehr Platz in meiner KK habe, als ich noch vor kurzem annahm. Deswegen hatte ich die Möglichkeit Weiteres zu verändern. (Aufhören mit Rauchen, mit Yoga beginnen.)

Es hatte also nichts mit „Wollen“ zu tun, dass ich diese Krise und ihre Widrigkeiten so gut gemeistert habe. Es hatte etwas mit meiner Erfahrung, Resilienz und Vorbereitung zu tun, die schon vor langer Zeit ihren Anfang nahm.

Nur weil ich gerne 3m weit springen will, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch kann.
Viel wahrscheinlicher ist doch, dass ich als Ungeübte bei nur 1,55m ungeschickt lande und mir den Knöchel verknackse.
Wichtig ist so vieles. Das was der Zuschauer gern vergisst. Die korrekte Körperspannung, der Anlauf, der Absprung, die Kraft-Schwung Umwandlung während der Flugphase, die sichere Landung.
Das alles erfordert Übung. Dauerhaft.
Sie funktionieren nicht, nur weil ich das so will – oder andere sagen: „Du musst nur wollen und dich mal richtig anstrengen.“ Das sind dann die Menschen, die lachend neben dir stehen, wenn du am Boden liegst. Dir nicht einmal auf helfen oder dich stützen, wenn du wegen dem verknacksten Knöchel humpelst!

„Siehste…, wenn du nur willst, dann geht es auf einmal doch.“
Das ist alles andere als Hilfe.
Das ist Ignoranz.

Nur weil es für Zuschauer so „einfach“ aussieht so etwas zu bewältigen, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht hart dafür gearbeitet habe, mit all den dazugehörigen Konsequenzen!

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Aktivismus

Ich wollte es auch noch einmal genauer aufdröseln, was gestern mit Selbstdiagnose und Aktivismus gemeint war, aber Felicea kam mir nun zuvor.
Im folgenden also noch einmal ihre Zusammenfassung auf Twitter:

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Wie ich gestern in meinem Blogpost „Nur ein Stück Papier“ vergessen hatte zu erwähnen, hat Aktivismus oder sich für eine Sache einsetzen nichts mit der eigenen Betroffenheit zu tun. Sondern viel mehr, ob etwas in meinen Augen – nach meinen eigenen ethischen Grundsätzen – falsch läuft. Jeder definiert diese für sich selbst, deswegen ist es natürlich völlig legitim, wenn nicht Jeder für das Gleiche kämpft.
Ich setze mich z.B. auch dafür ein, dass Krankenpfleger oder Kindergärtner eine angemessene Bezahlung und vor allem, bessere Arbeitsbedingungen erhalten.
Der Unterschied ist doch lediglich, dass ich keiner dieser beiden Gruppen zugehörig bin – und nicht so tue als ob. Ich sage offen, dass ich das nicht bin.
Und sind wir mal ehrlich…
Es hat doch (leider) heutzutage einen viel größeren Impact auf Medien/Politik, wenn sich nicht nur ‚Betroffene‘ zu Wort melden, sondern auch noch eine breite Masse anderer Menschen sagt: „Hey, schaut alle hierher, hier läuft etwas falsch. Hört auf diese Gruppe, wir unterstützen deren Vorhaben/Ansichten/Forderungen.“
Und genau deswegen setze ich mich dafür ein. Damit ein Umdenken stattfinden kann in der Gesellschaft – vor allem aber in der Politik. Damit eben mehr auf solche Gruppen (Minderheiten) gehört wird.
Minderheiten brauchen nun einmal die Unterstützung der Masse. Wenn die Masse zu laut ist mit ihren Vorurteilen/Ansichten, dann können Minderheiten gar nicht gehört werden.
Sie gehen sprichwörtlich in der Masse unter.

Ich stehe zur aktuellen Diskussion so:
Selbstdiagnose (subjektiv) = dennoch Verdachtsautist
klinische Diagnose (objektiv) = Autist

Ich ging diesen nervenaufreibenden Diagnoseweg.
Mir war es wichtig, dass eine Person die mich nicht schon jahrelang kennt, eine objektive Meinung abgibt, ob meine subjektive Einschätzung… also der Verdacht, dass ich Autistin sein könnte – tatsächlich stimmte.

Ich für meinen Teil kann leider nicht nachvollziehen, wie man aus einer Selbstdiagnose eine Klinische macht, obwohl das real gar nicht der Fall ist.
Also öffentlich behauptet man wäre Autist, obwohl man nur seine subjektive Einschätzung hat. Es ist nicht rational.
Ich sage damit nicht, dass die Selbsteinschätzung zwingend falsch sein muss. Bevor mich hier jemand falsch versteht. Doch eine externe professionelle Meinung – nicht nur zwischen Tür und Angel – halte ich für notwendig, wenn man sich als Autist bezeichnet.
Aktivismus im öffentlichen Raum, da gehört das Internet für mich nun mal dazu, in dem es um konkrete Veränderungen im Leben von Autisten geht, da sollte die Basis eben Ehrlichkeit sein.

Zu sagen, man ist offiziell diagnostiziert… Ja oder Nein. Man hat den Verdacht und wartet auf einen Termin oder man ist eben kein ‚Betroffener‘ und repräsentiert eine ganz andere Gruppe von Menschen, die für Verbesserungen im Leben von Autisten eintreten.

Ich denke das Problem liegt darin, dass die ohne klinische Diagnose glauben, sie dürften nicht mitreden. Das ist doch gar nicht der Fall.
Wie ich schon oben schrieb… Jede Unterstützung ist willkommen.
Das was hingegen wichtig ist, ist die offene und ehrliche Kommunikation.
Teilt euch mit. Sagt was bzw. wer ihr seid.
Autist ja oder nein. Eltern autistischer Kinder, Autistische Eltern(-teile) mit ’normalen‘ Kindern, Ehepartner eines Autisten oder die Musiklehrerin, die sich einfach nur so für das Thema einsetzt ohne direkten Kontakt… oder was auch immer.
Die Kombinationen sind extrem vielfältig.
Durch die Vielfalt gewinnt der Aktivismus an Kraft.
Vielfalt schafft Masse.
Masse hat Kraft etwas zu bewegen.
Nur ehrlich sollte sie sein. Zu sich selbst. Nach außen. Immer.

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Nur ein Stück Papier?

Das Diagnoseschreiben.
In der Autismus-Community spaltet es wie nichts anderes.

Was ich heute ganz stark auf Twitter festgestellt habe ist, dass die Selbstdiagnostizierten leider oftmals dieses fehlende Stück Papier aus verschiedensten Gründen verteidigen. Lebensläufe sind alle unterschiedlich und es mag vielfältige Gründe geben, warum jemand keine professionell erstellte Diagnose erhält.
Ich persönlich verstehe nicht, wie behauptet werden kann, man wäre mit diesem Stück Papier elitär. Irgendwie schwingt da dieser Unterton mit („Du hälst dich für etwas besseres, weil du hast eine und ich nicht.“). Kann sein das ich mich da irre, es ist nur mein Empfinden.
Ich verstehe absolut, wenn manche verzweifeln, weil sie keine Kraft für diesen anstrengenden Weg, des monatelangen Wartens auf den Termin, haben. Das Leben drumherum kann viele Gründe dafür liefern. Deswegen ist dieser Mensch keineswegs schlechter. Doch ich verstehe nicht, wenn aus dieser Verzweiflung heraus nicht offen gesagt/geschrieben wird, dass man eben keine offizielle Diagnose hat.
Jemand der von sich selbst aus sagt, ich habe den Verdacht zum Spektrum zu gehören, ich möchte mich gerne engagieren, aber ich will/kann aus diversen Gründen keine Diagostik machen, den respektiere ich gleichermaßen wie jemanden, der diesen aufwändigen Weg gegangen ist. Aber bitte auch so kommunizieren, welcher Gruppe man angehört. Das beide Gruppen auf der gleichen Seite stehen und für eine bessere Zukunft eintreten, dass sollte das gemeinsame Ziel sein. Zumindest ist das meines.
Was mir persönlich wichtig ist, ist die Tatsache der Offenheit und Ehrlichkeit.
Das wiederrum mündet in Vertrauen.

Was ich leider feststelle ist, dass dieses Vertrauen oftmals fehlt. Nein, eher ziemliches Misstrauen herrscht.
Da folgen dann gerne Sätze wie: „Aber was ist mit den falsch positiv/negativ diagnostizierten?“ oder: „man sei Autist seit der Geburt und nicht erst ab diesem Stück Papier“.
Natürlich.

Das gegenseitige Vertrauen ist das, was meiner Meinung nach die Community stark macht. Da braucht es keine Zweifler in den eigenen Reihen. Entweder ich vertraue auf die Korrektheit der ärztlichen Diagnose oder der Zweifel zerfrisst mich und ich drehe mich im Kreis, anstatt vorwärts zu kommen.
Wenn ich mich für etwas einsetze, dann habe ich den Standpunkt für mich klar definiert. So das ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann und darauf achte, dass durch meine Handlungen keine Nachteile für andere entstehen.

Zwietracht ist doch genau das, was unglaubwürdig macht. Kräfte werden geopfert, die an anderer Stelle viel wichtiger wären. „Wenn Zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte.“ (RW)
Das ist das Gleiche wie im Sport. Es gibt zwei Varianten. Den anderen respektieren: die beiden führenden Player pushen sich gegenseitig zu neuen Höchstleistungen oder aber den anderen manipulieren wollen: sie beharken sich gegenseitig, zerren am Trikot, machen Fehler, fallen hin und die anderen (in diesem Falle: Therapien mit schädlichen Langzeitfolgen) kommen gemütlich und ohne großen Aufwand vorbei.
Zu welcher Variante willst du gehören?
Pushen oder hinfallen?
Pushen geht nur, wenn Player 1 offen zeigt was er kann. Player 2 mobilisiert seine Kräfte und will mehr – in dieser Zeit hat Player 1 die Möglichkeit der Regeneration, um erneut seine Leistung verbessern zu können. Und so weiter und so fort…

Ich vertraue darauf, dass jemand der behauptet er sei Autist, dies auch von ärztlicher Seite her hat abklären lassen. Ich will nicht zweifeln. Zweifeln macht kaputt. Wenn die Diagnose kein Facharzt bestätigt hat, auch gut, das respektiere ich. Aber dann sei offen und ehrlich. Deine Unterstützung wird dennoch benötigt.
Nur Ehrlichkeit schafft langanhaltendes Vertrauen.
Gegenseitiges Vertrauen macht gemeinsam stark.
Ich für meinen Teil möchte nicht ständig beweisen müssen, dass ich das Diagnoseschreiben hier abgeheftet in einem Ordner habe, weil man mir nicht glaubt. Ich bin nicht besser als andere, nur weil ich dieses Stück Papier habe. Wäre ich stolz darauf, würde es in einem goldenen Rahmen über meinem Schreibtisch hängen. Doch ich bin nicht stolz darauf. Warum sollte ich? Ich habe nichts geleistet dafür. Es ist keine Medaille.
Im Gegenteil, es ist ein Mahnmal dafür, dass ich härter arbeiten muss als andere Menschen, um Gleiches zu erreichen.

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Konkurrenzdenken

Konkurrenzdenken. In letzter Zeit beobachte ich es wieder häufiger…

Meiner Meinung nach ist Konkurrenzdenken auf lange Sicht hinderlich, wenn es um Entwicklung geht.
Vor ca. 10 Jahren war das im Bereich der Fotografie besonders extrem aufgetreten. Mittlerweile wandelt sich der Grundgedanke z. B. in der Fotografie.
Früher versuchten viele Fotografen auf biegen und brechen (RW) ihre Fotobearbeitungstechniken – oder generelle Aufnahmetechniken für sich zu behalten – besser ausgedrückt – zu verheimlichen. Schließlich machte ja das Erscheinungsbild eines Fotos den Stil des Fotografen aus, den er versuchte so lang wie möglich zu verteidigen.
Doch was der Fotograf eigentlich tat, war lediglich sich selbst großem Stress auszusetzen, seine Techniken mit niemandem zu teilen und sich selbst in seiner Entwicklung zu blockieren.
Es ist wie mit der Mainstream Musik. Da wurde ein „Rezept“ gefunden, welches funktioniert und dann immer und immer wieder durchgeleiert. Natürlich mit beliebig austauschbarem Text. Analog kann man das natürlich eben auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen.
Eine Entwicklung findet nicht statt. Man tritt immer und immer wieder auf der selben Stelle. Dies kann man natürlich machen. Wenn einem nur das schnelle Geld wichtig ist und nicht der Fortschritt.
Denn in der Fotografie heißt das sehr schnell: veralteter Stil. Immer die gleiche Leier. Langweilig.
Und irgendwann stehst du dann da, hast vielleicht gutes Geld gemacht in den 1-2 Jahren und dann… ja dann fragst du dich, warum dich niemand mehr bucht (oder es immer weniger werden). Du drehst dich im Kreise und findest den Grund (Fehler) nicht.
Dabei fing alles schon vor langer Zeit an.

Sharing your knowledge.
Natürlich nicht umsonst. Von irgendetwas muss man leben. Das ist klar. Workshops/Vorträge sind das Mittel der Wahl.
Doch der eigentliche Vorteil im Teilen liegt darin, dass der eigene Kopf wieder frei für Neues ist.
Keine eingefahrenen Gedankenstrukturen mehr und zwanghaftes daran festhalten. Es wird stressfreier. Die Angst ist weg, Person XY könnte die „geheime Technik“ herausfinden und für sich nutzen.
Man selbst hat es nun also in der Hand, wie und wann man sich weiter entwickeln möchte. Lasse ich das Alte los und teile mit anderen, bekomme ich selbst dadurch vielleicht Feedback für neue Ideen.

Ein weiterer nicht zu verachtender Punkt ist – es macht dich zum „Master“. Das klingt nun vielleicht überheblich (und wenn jmd. einen besseren Begriff dafür hat, dann gerne her damit ;-) ), aber was ich meine ist, der „Master“ teilt sein Wissen mit den anderen, schafft so eine größere kreative Community und festigt sich selbst in seiner Person gegenüber den anderen. Eben als „Master“ oder „Wissender“. Er erhält durch das Sharing mehr dauerhaftes Ansehen, als er es durch ewige „Geheimhaltung“ jemals könnte. – Dieser Gedanke muss verinnerlicht werden.
Noch dazu wird sein „alter Stil“ verbreitet und weiterhin mit ihm in Verbindung gebracht. (In Gesprächen a la: „Wo hast du das denn her?“ – „Das hab ich von xy gelernt.“)

Er macht sich zu etwas Positivem.

Wenn du von Anderen als etwas bzw. jemand Positives wahrgenommen wirst, dann kannst du selbst auch viel positiver an neue Dinge heran gehen. Lernen. Experimentieren. Und auch Scheitern. Nur das Scheitern hier nicht im Sinne von „eine Niederlage einstecken“ gemeint ist, sondern im Sinne von „Trial and Error“.
Das ist Kreativer Prozess.
Das ist die echte Weiterentwicklung.

Ich hoffe, dass sich dieser Gedanke noch viel mehr durchsetzt. Nicht nur in der Fotografie, sondern auch in anderen Bereichen…

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Autismus aktuell in den Medien

Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Beinahe jeden Tag werden neue unbewiesene oder noch schlimmer – längst widerlegte Mythen, als Wahrheit und aktuelle Faktenlage veröffentlicht bzw. ausgestrahlt.
Nicht zu vergessen, dass ‚Autismus oder autistisch‘ das neue Lieblingswort der Medien zu sein scheint, wenn man etwas negatives zu einer Person oder Sache ausdrücken möchte.
Einen sehr guten Überblick über die andauernden journalistischen „Ins-Klo-Griffe“ (Fehlgriffe) zeigt die folgende Seite autismus-ist.de/hall-shame sehr deutlich.

Nun aber erst einmal zu etwas, dass mich vor einiger Zeit schon sprachlos machte, und noch nicht so recht Aufmerksamkeit fand.
Im Film „Plastic Planet“ von Werner Boote geht es um die ‚Vermüllung‘ der Welt und was Plastik noch so alles anrichtet. Nichts ahnend folgte ich bis dahin interessiert dem Film. Ja bis zu der Szene, in der es darum geht, was Plastik alles anrichtet; z.B. weiblichen Schnecken wohl Penisse wachsen lässt – bis im Hintergrund durch eine Frauenstimme fast gebetsartig, dann das Wort Autismus fällt.
Ich dachte ich höre nicht richtig.

Wie solch unbewiesene Behauptungen (jedenfalls ist mir bis dato keine Studie dazu bekannt) in einen Film dieser Größenordnung kommen, ist mir schleierhaft.

A propos schleierhaft… kommen wir also nun zum nächsten Fehlgriff und der Frage, wie so etwas in der heutigen Zeit überhaupt in einem so großen Medium veröffentlicht werden darf.
Der Artikel um den es geht, erschien am 22.03.2015 im Feuilleton der FAZ und wurde von Frau Helene Hegemann geschrieben. Nachzulesen >hier<.
Frau Hegemann ist übrigens die mit dem ‚Axolotl Roadkill‘ und dem Dilemma des Plagiats-Vorwurfes um selbiges. Sie hat also genug Erfahrung im Bereich der Kontroverse und wie man sich am besten selbst ‚ein Ei legt‘.
Doch zurück zum Artikel.
Extrem sauer aufgestoßen ist mir persönlich bereits die Überschrift „Hochstapler und Autisten„. Noch bevor überhaupt der Text gelesen werden kann, werden 2 solche Begriffe einfach mal zusammen in den Raum geschmissen (RW). Nun hat der Leser also 2 Möglichkeiten.
1. Er scrollt weiter herunter und liest nun auch den Text und bildet sich sein eigenes Urteil – oder
2. und das ist viel schlimmer – entscheidet sich dazu, den Text doch nicht zu lesen und geht weiter seiner Wege.
Ja was bleibt denn bei solch einer Überschrift hängen? Das es eigentlich um eine Fernsehserie gehen soll oder das Autisten hier in einem Atemzug grundlos mit Hochstaplern in Verbindung gebracht werden?
Im Grunde möchte Frau Hegemann den Begriff Autismus auch nicht im negativen Kontext verwenden, doch die Art und Weise, wie sie Autismus in ihrem Text benutzt, ist seltenst so derartig unter der Gürtellinie gewesen, wie man es von einigen anderen Journalisten und ihren Fehlgriffen, als Autist bereits gewohnt ist.
Was danach folgt ist ein ziemlich abstruser und verwirrender Text, bei dem es einem schwer fällt herauszufinden, worum genau es nun eigentlich gehen soll.

Im letzten Drittel des Textes folgt der eigentliche Hammer und verdient zu Recht den Namen ‚Kronleuchter-Gate‘.
Sie schreibt: „Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen.“
Bitte was??
Ich bin jetzt zwar nicht wahnsinnig auf dem Gebiet bewandert, was neueste Redewendungen angeht, doch ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass das überhaupt eine darstellen soll. Überhaupt… für was soll das eine Metapher sein? Oder ist das gar nicht die Intention, sondern volle Absicht, um bewusst zu provozieren?
Mittlerweile dürfte sich nun auch schon etwas herumgesprochen haben, dass sich auch in Deutschland ‚Advocates‘ aus dem Autismus-Spektrum zunehmend gegen solche Aussagen zur Wehr setzen. – Wie heißt es doch so schön? „Lieber negative Presse, als gar keine.“
Hätte Frau Hegemann hier von anderen (ethnischen) Gruppen geschrieben, es wäre der Skandal des Jahres. Doch wenn wir Autisten uns gegen solche Beleidigungen aufbäumen, dann wird uns vorgeworfen, wir würden alles viel zu ernst nehmen und natürlich immer und immer wieder falsch verstehen.
Auch die folgenden Sätze Hegemanns werden nicht besser in der Hinsicht, was Autismus betrifft. Schrieb sie eben noch von der „glorifizierten Form von Autismus“ (was soll das eigentlich sein?), und nun „von irgendeinem irrationalem Pflichtbewusstsein“ und das Autisten „sich selbst egal“ wären. Weiter geht’s mit: „unmöglich zu […] Mitmenschen“, „kann nicht lachen, versteht keine Ironie“ bis hin zu „mangelnder Ehrgeiz sich als Individuum zu behaupten“.
Eine ordentliche Schippe aus der Klischee-Kiste, die Frau Hegemann da in ihren Text kippte. Das das eine oder andere in gewisser Weise bei dem ein oder anderen Autisten zutreffen kann, das will ich gar nicht bestreiten, doch alles so undifferenziert in Bezug auf eine Serienfigur – im Zusammenhang mit Autismus – zu schreiben finde ich fahrlässig und prägt nur noch weiter das Bild des emotionslosen und verkorksten Roboter-Autisten, dem jeder egal ist.

Wie die FAZ selbst auf die Kritik zum Artikel reagiert hat, zeigt ganz klar die behindertenfeindliche Einstellung einiger Medien. Kommentare wurden zum damaligen Zeitpunkt gar nicht erst freigeschaltet und mittlerweile ist der Artikel für weitere gesperrt und bereinigt worden.

Weitere Stimmen zum Artikel könnt ihr auf blog.realitaetsfilter.com nachlesen.

Und nun zum geistigen Dünnschiss dieser Woche… – verzeiht meine Wortwahl, aber hier erschien es mir durchaus passend.
Am vergangenen Freitag (27.03.2015) zeigte arte eine Wiederholung des bereits zuvor schon gesendeten Berichtes („Hilfe bei Autismus“). Aktuell ist er in der Mediathek >hier< zu finden. Aber bitte nur mit starken Nerven ansehen.

Im Film werden derartig viele falsche Informationen verbreitet und Autismus einmal mehr in ein negatives Licht gerückt, dass man da selbst mit Galgenhumor kaum noch zurecht kommt.
Bereits zu Beginn des Berichtes wird erwähnt, dass Autismus sich weiter verbreiten würde. Was wahrscheinlicher ist, ist dass nicht Autismus häufiger auftritt, sondern einfach nur das Gespür und die Aufmerksamkeit dafür größer wird, und somit die Früherkennung leichter ist. Ähnliches kann man auch bei Brust- oder Prostatakrebs beobachten.
Noch dazu liegt der Fokus extrem auf dem Leid der Umgebung – sprich der Eltern, der Autisten.
Kein Wort darüber, dass Autisten auch nur Menschen sind und akzeptiert und geliebt gehören, so wie sie sind.
Alles muss therapiert werden. Das Verhalten des Autisten ist nicht akzeptabel. Stimming (z.B. Hände flattern) und deren eigentliche Ursache, warum der Autist sich in diesem Moment beruhigen muss (Reizüberflutung), werden völlig außen vor gelassen. Im Gegenteil, es wird noch gezeigt, wie ein kleines autistisches Mädchen festgehalten wird. Für mich ist die Festhaltetherapie ein Teil einer seelischen Vergewaltigung. Ich schrieb bereits schon an anderer Stelle, was passiert, wenn der Willen des Kindes gebrochen wird und es sich einfach nur noch ohne jegliche Gegenwehr ergibt.
Gegen Ende hört man eine Mutter eines non-verbalen Autisten sagen: „Ich würde so gerne seine Stimme hören, das wäre für mich das wichtigste.“
Das Wichtigste wäre in meinen Augen, das eigene Kind so anzunehmen und zu lieben, wie es ist! Förderung natürlich – doch keine Veränderung, Manipulation oder ‚herumdoktern‘ mit irgendwelchen fragwürdigen Methoden, die angebliche Wunderheilungen versprechen. Autismus ist nun mal ein Teil der Persönlichkeit und kann nicht entfernt werden. Sehr viele der Autisten, wünschen sich das auch gar nicht.

Weiter erwähnt wird noch die Darmflora als der angebliche Auslöser für Autismus.
Hier eine wissenschaftliche Widerlegung auf sfari.org
Die Impfthese wird natürlich ebenfalls mit angesprochen… angeblich autistische Ratten und regressiver Autismus. Was soll das sein? Im ICD-10 oder DSM-V ist so etwas nicht zu finden.

Die Herausgeberin des N#mmer (Nummer) Magazins schrieb zum arte-Beitrag:

https://twitter.com/pollys_pocket/status/581862350980005888

Im Folgenden verlinke ich noch ein paar weitere Tweets zum Thema ‚highfunctioning‘. Viele sprechen mir aus der Seele und zeigen deutlich die Probleme auf, mit denen sich viele hochfunktionale Autisten immer wieder konfrontiert sehen.
#highfunctioningmeans – ein sehr bewegender Blogpost: ischemgeek.wordpress.com

Es ist also noch viel Aufklärung, durch Autisten und Autistinnen selbst, nötig.

Tweets:

https://twitter.com/Tokillamordecai/status/579056259002957824

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