personal: Schach als Indikator für das mentale Befinden

(Lesezeit circa 5 Minuten) – Triggerwarnung: Depression

Schach: 1 König. 1 Dame. 2 Türme. 2 Springer. 2 Läufer. 8 Bauern. Je für Hell und Dunkel. 64 Felder auf dem Brett. 2 Spieler. Unzählige Möglichkeiten.

Zunächst etwas zurück in der Zeit…
Schach habe ich als kleines Mädchen von meinem Großvater beigebracht bekommen. Von Anfang an war ich fasziniert von der Logik, Einfachheit aber dennoch insgesamten Komplexität dieses Spiels. Ich begriff schnell. So kam es dann also immer zu mehreren Schachpartien am Tag, wenn ich zu Besuch war. Mein Opa besitzt dieses Schachspiel aus Holz, auf dem ich spielen lernte, noch heute. Die Haptik und auch der Geruch den das Brett und die Figuren über die Jahre angenommen haben… Kindheitserinnerungen an die vielen gemeinsamen Stunden.

Nun aber zu dem, weshalb ich diesen Artikel hier eigentlich schreibe: Meine Beobachtungen der letzten Jahre an mir selbst und wie ich während dieser Zeit Schach spielte. Oder besser gesagt – kläglich scheiterte, vernünftige Partien zu spielen.
Rückblickend weiß ich nun, warum meine Spielweise in dieser Zeit grottenschlecht war.
Was war geschehen?
Ich landete in einer Beziehung und später auch Ehe, die mir so im Nachhinein betrachtet, absolut nicht gut taten. – Das Schlimme an der Depression und solchen Beziehungen ist ja, dass du es zu spät mitbekommst, was da eigentlich passiert. Du denkst du bist glücklich und zufrieden – ein Trugbild deiner Ängste und Sorgen, die dich zu Beginn gekonnt täuschen. Die Zweifel kommen erst langsam nach und nach. Dann willst du es nicht wahr haben. Und schon steckst du drin in diesem Teufelskreis.

Frühjahr 2013… Ich hatte eine PTBS ausgelöst durch das traumatische Geburtserlebnis – entwickelte zu allem Überfluss 3 Monate nach der Geburt meiner Tochter zusätzlich noch eine schwere Wochenbettdepression mit Zwangsgedanken. Dazu unfähige Ärzte und Pfleger, die die Situation nicht ernst nahmen, obwohl ich akut um Hilfe bat! Krasser Fall von unterlassener Hilfeleistung, wenn man es streng nimmt. Dazwischen dann noch die Autismus-Diagnostik an der UK Freiburg, als meine Tochter gerade mal 8 Wochen alt war. Sowie die da bereits kriselnde Ehe…
Ich merkte, dass ich kognitiv mittlerweile nicht mehr zu meinen gewohnten Leistungen in der Lage war. Kämpfte ich doch aktiv in und mit mir selbst, um zunächst einmal die Zwangsgedanken zu besiegen. Es war ein täglicher Kampf: David gegen Goliath. Ich habe ihn gewonnen. Hier begann sich dann meine starke Resilienz bemerkbar zu machen. Ohne jegliche Hilfe von Außen kämpfte ich mich noch durch die ärztlich unbehandelte Wochenbettdepression und auch das traumatische Geburtserlebnis bewältigte und verarbeitete ich allein. Aber das nahm alles Zeit in Anspruch. Ich musste mich schließlich noch um mein ‚weiteres Leben‘ kümmern. Baby, Haushalt, Ehemann und natürlich noch die frische Autismus-Diagnose, die das alles nicht gerade einfacher machte.
In dieser Zeit lernte ich viel über mich selbst und meine (kognitiven) Fähigkeiten.
Eben weil sie auf einmal nicht mehr da waren.
So richtig bewusst wurde mir das, als ich irgendwann in diesem ganzen emotionalen Chaos, bei einer Partie Schach gegen meinen Großvater, nach nicht einmal 30 Minuten verlor. Ich war schockiert. Das war nicht ich. Ich wollte eine Revanche. Das gleiche Trauerspiel. Ich war unfähig auch nur 3 Züge im Vorraus zu planen. – Eigentlich sind 6-7 Züge für jeweils 3 oder 4 Gegnervarianten normal bei mir.
Hier noch nicht einmal 3 meiner Eigenen…
Ich starrte auf das Schachbrett und sah nur Leere. Klar, da standen zwar Figuren auf dem Brett, doch irgendwie hatten sie keinerlei Bedeutung mehr für mich.
Dieses katastrophale Schach-Erlebnis öffnete mir die Augen. Das war Frühjahr 2015.
Ab diesem Zeitpunkt begann ich mich noch mehr mit mir selbst auseinander zu setzen.
Was will ich? Was kann ich? Was muss ich tun? Wer oder was hindert mich alles daran, meine Ziele zu erreichen? Was tut mir gut? Wer oder was nicht?
Ich veränderte mich, was letztendlich dazu führte, dass ich schlechte Entscheidungen des Mitmenschen nicht mehr einfach schweigend hinnahm. Leider konnte er damit nicht umgehen und so blieb mir eines Tages nur noch die Möglichkeit, die Polizei zu rufen und Anzeige wegen Körperverletzung zu erstatten. Bis hierher und nicht weiter! Ende.

Anfang September 2015 gab es wieder einige Partien gegen meinen Großvater. Leider auch hier noch immer schneller Verlust und Matt. Ich hatte nicht so recht Spaß am Spiel. Aber wer sollte es mir verübeln, nachdem was kurz zuvor geschehen war? Immerhin war die Leere verschwunden. Ein Fortschritt und ich interessierte mich für das Match, dass mein jüngerer Bruder gegen meinen Großvater spielte. Ich versuchte begleitend für mich zu analysieren. Das von Außen Betrachten fiel mir in diesem Moment immerhin leichter. Auch ein Fortschritt. Ich begann mich an eigene Logik-Denkweisen zu erinnern. Ließ mir im Nachhinein ein paar Züge von meinem Bruder erklären. Warum dieses oder jenes in der jeweiligen Situation. Analyse. Nicht nur das Spiel. Auch mich selbst. Akzeptieren. Verstehen. Lernen.

Frühjahr 2016… es war wieder Zeit für einen Besuch. Dieses Mal freute ich mich auf die Partien. Klarer Fortschritt. Die Runden dauerten deutlich länger. Meine Konzentrationsfähigkeit und Denkleistung waren wieder merklich ausgeprägter und schneller. Noch nicht auf Optimum, aber auf einem sehr guten Weg.
Ein Matt stand dann am Ende auch auf meinem Konto.
Danach wagte ich endlich mal wieder eine Runde gegen meinen Bruder. Man muss dazu sagen, dass mein 5 Jahre jüngerer Bruder in einer ganz anderen Dimension Schach spielt. Er ist mal (mehr oder weniger) aus einem Schachclub geflogen, weil er zu gut war. Er schlug alle Mitglieder mit Leichtigkeit und auch die Trainer hatten keine Chance. Irgendwann hatte niemand mehr Lust gegen ihn zu spielen… Ich weiß gar nicht, ob ihn überhaupt mal jemand in den letzten Jahren Matt gesetzt hat. Ich glaube nicht.
Na jedenfalls… ich schaffte einen Patt gegen ihn. Ein Remis. Nichts Rühmliches, aber immerhin nicht auf voller Linie verloren. Im Gegenteil, laut seiner Aussage machte ich ihm das Leben ein paar mal sehr schwer mit meinen Zügen. – Das ist ein ziemliches Kompliment, wenn man ihn im Schach ins gedankliche ‚Schleudern‘ bringt. Ich bin also auf einem guten Weg zu den alten Höchstleistungen.

September 2016…
Mein Leben verläuft seit dem Frühjahr von Monat zu Monat immer besser. Die Arbeit zahlt sich aus. Der August war mein persönliches Highlight bis jetzt. Dinge haben sich ergeben, an die habe ich vorher kaum zu denken oder gar zu hoffen gewagt. Und doch sind sie geschehen – das alles nur, weil ich die Initiative ergriff und mutige Züge wagte.
Mittlerweile habe ich mit fähigen Ärzten und Therapeuten hier in Heidelberg detailliert über meinen steinigen Weg sprechen können. Ich bekam einstimmig erklärt, dass es eine erstaunliche Leistung von mir war, das Alles allein bewältigt zu haben, während die Umstände alles andere als optimal waren.

Und nun…? Seit wenigen Tagen habe ich wieder so richtig Lust auf Schach. Ein verdammt gutes Zeichen ist das. Mal sehen, ob mein Bruder demnächst Zeit für eine Partie hat.

Das Spiel der Könige war nun zwar nicht mein Retter in der Not, doch hat es geholfen mir bewusst zu werden, was die aktuelle Situation war.
Eine Art Anker, der mich zurück in die tatsächliche Realität riss.
Raus aus dem, was mir andere weismachen wollten.
So im Nachhinein hätte es mir eigentlich damals schon zu denken geben müssen, dass ich den Mitmenschen nach nur wenigen Minuten Matt setzte. Oft hatten wir nicht gespielt – er war chancenlos gegen mich. Doch im ‚richtigen‘ Leben? Ich bin auf jemanden hereingefallen, der gut blenden und Menschen belabern beeinflussen kann.

Beim Schach jedoch fällt dieses Theater alles weg. Es gibt nichts zu blenden. Es gibt nur das was ist. Tatsachen. Das Brett und die Figuren. Ein Plan der sich von Zug zu Zug verändert, neu analysiert und angepasst werden muss. Keine Hilfsmittel. Da bleibt keine Zeit für Spielchen.

Jetzt nach all dieser Analyse finde ich, ist Schach ein ausgezeichnetes Spiel, um jemanden ‚tatsächlich‘ kennenzulernen. Ich werde mich bei der nächsten Partnerwahl wohl auch etwas mehr darauf stützen. Nun bin ich deutlich sensibler, was die Einschätzung eines Menschen angeht. Ein solch fataler Fehler wird mir gewiss nicht mehr passieren.
Das Spiel hat einfache und klare Regeln und ist daher auch für Jeden gut zu lernen – Ausreden man(n) könne kein Schach, lasse ich also nicht gelten.
Zum Einen lernt man viel über die Denkweise seines Gegenübers und zum Anderen können sich während des Spiels auch interessante Gespräche nebenher ergeben. Ich spiele schließlich kein Turnier-Schach, sondern lediglich zum Zeitvertreib. Ein tiefgründiges Gespräch während einer guten Partie finde ich durchaus reizvoll.
Schach wird also in Zukunft mit darüber entscheiden, ob jemand Chancen bei mir hat oder eben nicht. – Na wenn das mal nicht kultiviert ist ;-)

Ich werde auf jeden Fall wieder regelmäßiger spielen. Ich habe wieder Spaß daran und als positiven Nebeneffekt gleich dazu ein Kontroll- bzw. Warnsystem.

Vielleicht hat dieser doch sehr persönliche Einblick jemanden eine Idee gegeben, wie er eventuell sein eigenes Leben besser meistern kann.
Manchmal muss man in der Wahl der Hilfsmittel eben kreativ sein.

—-
Note: Das Schach-Set oben im Header habe ich im Louvre fotografiert.
Es ist das „Saint Louis“, stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde aus Kristall, Quarz und vergoldetem Silber hergestellt. >Hier< geht es zur genauen Beschreibung auf der Louvre-Website (englisch).

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Ein Kommentar zu „personal: Schach als Indikator für das mentale Befinden

  1. Super Beitag! In so einem Zustand ist man einfach durcheinander kann sich nicht richtig freuen und das spiegelt sich in deinem Schach wieder.Ich selbst habe zum Thema Wochenbettdepression gestern auch einen Beitrag geschrieben.Besuch mich doch mal lg Missionmom

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