Die Wolken weinen noch um dich…


Triggerwarnung: Depression, Suizid, Einsamkeit

Eine Kurzgeschichte…

Hastig sucht sie den Hausschlüssel in ihrer Jackentasche. Ein solches Unwetter gab es schon lange nicht mehr in der Stadt. Gefunden. Mit zittrigen Händen schließt sie die Tür auf, zieht Jacke und Schuhe aus und biegt nach links in ihr Wohnzimmer ab. Dort noch schnell die Unordnung der letzten Tage beseitigen – und ab ins Bad. Der Blick in den Spiegel zeigt eine junge Frau, braunes welliges Haar, mit blau-grüner Augenfarbe und gepflegten Lippen. Sie hält kurz inne, atmet tief ein und wieder aus, streicht mit den Fingern durchs Haar und setzt ihr schönstes Lächeln auf.
„So, da bin ich wieder – entschuldige bitte das Chaos“ sagt sie mit freundlicher Stimme zu dem Mann, der sie seit der Bushaltestelle begleitet hatte. Es war ihr verzweifelter Versuch etwas Nähe zuzulassen. Viel hatte sie ja nicht mehr. Ihre Eltern wollten nichts mehr von ihr wissen. Freunde hatte sie keine. Der Ehemann schon lange weg. Und ein Kind… darüber sprach sie nie wieder. 3 Jahre – auf den Tag genau ist das alles nun her.
Sie bat ihre neue Bekanntschaft mit ins Wohnzimmer, holte 2 Gläser aus dem Schrank und kippte etwas von dem Wein, den sie letzte Woche erst gekauft hatte, hinein. Im Hintergrund läuft eine CD mit 20er Jahre Musik.
Beide unterhalten sich über dieses und jenes, bis sie genug Wein getrunken hatten und den Weg ins Schlafzimmer gar nicht erst antraten. Sie genoss jede Berührung, seinen Atem an ihrem Hals, die rhythmischen Bewegungen. Ein Moment des Glücks.
Doch wie so vieles in ihrem Leben verschwand auch ihre Bekanntschaft schon bald wieder. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. Sie hatte es mit ihrem Outfit doch genau darauf angelegt. Die Reize betonend, aber nicht billig. Elegant. Das war sie. Eine elegante Frau, die sich nach Vertrauen und Nähe sehnte und doch immer wieder nur für kurze Augenblicke das empfand, was sie nach außen spielte.
Sie macht sich einen Schwarztee und gibt 2 große Stückchen Candis-Zucker mit dem Löffel hinzu. Es knistert kurz. Den Moment mochte sie am meisten, wenn sie ihren Tee zubereitete. Es regnet noch immer ziemlich stark und der Wind lässt die Äste des Kastanienbaumes gegen das Fenster klopfen.
Wieder einmal rinnt ihr eine Träne über die Wange.
Sie sitzt noch eine gute halbe Stunde vor dem Fenster, beobachtet die Tropfen, die am Fenster hinunterlaufen und atmet tief ein und wieder aus. Geht zu ihrem Nachtschränkchen im Schlafzimmer, öffnet die Schublade und holt einen handgeschriebenen Brief heraus, den sie in einen roten Umschlag packt. Den Brief legt sie auf ihren Wohnzimmertisch. Zieht sich wieder Schuhe und Jacke an und macht das Licht aus. Hinter ihr klackt die Wohnungstür. Den kalten Gang hinunter zur Haustür. Es regnet noch immer und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blenden sie. Doch das macht ihr nichts. Heute nicht.
Durchgenässt und mit zerzaustem Haar kommt sie an der Brücke an, die sie doch jeden Tag 2 mal überquert. Sie kennt sie genau. Sie hat alles schon zig mal durchgespielt. Würde denn wenigstens jetzt ihr jemand zuhören? Es fahren noch 3 Autos vorbei, dann ist es wieder dunkel. Als das nächste Auto kommt ist die Brücke menschenleer.
2 Tage später öffnet sich die Wohnungstür erneut.
Es ist die Polizei, die nach Hinweisen sucht und eine Beamtin findet schließlich den roten Briefumschlag.
Sie öffnet und liest ihn. Die Zeilen gehen ihr nicht mehr aus dem Sinn.

Allein. Wie ein Regentropfen der mit so vielen anderen gemeinsam am Fenster nach unten läuft. Einige schließen sich zusammen und bilden kleine Straßen, andere wiederum bleiben einzeln zurück.
Ich habe so vieles versucht. Vergessen und vergeben. Um Hilfe gebeten. Doch ich war nur ein Tropfen von vielen. Zu vielen. Unverstanden und unbeachtet. Versuchte allein klar zukommen. Doch irgendwann ist die Kraft zu Ende. – Dieser Tag ist heute.

Es tut mir Leid.

Katharina…

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